Ihre Scheibe dreht sich weiter

Plötzlich geht die Tür auf und der Olympiasieger schaut herein. „Hier ist es so still“, sagt Jürgen Schult. „Und hier sitzen ja alle nur rum. Ich dachte, hier wird trainiert.“ Schult setzt sich auf eine Holzbank, dann wandert sein Blick zu einer Athletin, die ein paar Meter entfernt von ihm sitzt. Kristin Pudenz nimmt einen Schluck aus ihrer rosa Wasserflasche und geht ein paar Schritte hinüber zu einer Hantelstange, die an beiden Seiten mit 70 Kilogramm bestückt ist. Pudenz, 1,91 Meter groß, legt sich die – samt Hantelstange – 160 Kilogramm auf die Schultern, geht in die Kniebeuge und stemmt das Gewicht ruckartig nach oben.

Sie gibt trotz der Last keinen Laut von sich. Nur ein paar Schweißtropfen perlen ihr von der Stirn. Schult, ihr ehemaliger Trainer, hat genug gesehen, er ist schon wieder verschwunden.

Als Schult seine beste Zeit hatte, in den späten Achtzigern, war der Diskuswurf noch groß, wenn auch nicht mehr so bedeutend wie in der Antike, als der Diskuswerfer als der Inbegriff des perfekten Athleten galt. Tausende Bronzestatuen aus fernen Zeiten künden davon. Doch die Antike liegt eine Ewigkeit zurück, und die Achtziger gefühlt auch.

Diskuswerfer laufen heute unter dem Radar

Diskuswerfer laufen heute unter dem Radar. Es sei denn, sie werden wie die Harting-Brüder Olympiasieger. Und da kommt Kristin Pudenz ins Spiel. Der große Triumph scheint nicht mehr abwegig. Und das nicht trotz, sondern ein bisschen wegen Corona. Aber zunächst will sie am Sonntag ihren deutschen Meistertitel verteidigen.

Pudenz legt sich nun 170 Kilogramm auf den Rücken. Wieder wuchtet sie das Gewicht geräuschlos nach oben, wieder ist in ihren Gesichtszügen keinerlei Anstrengung zu erkennen. Die Anmut, mit der die Frau ihrer schwergewichtigen Trainingsarbeit nachgeht, ist beeindruckend. Am Luftschiffhafen, einem 25 Hektar großen Areal an der Pirschheide in Potsdam, bereitete sich die 27-Jährige auf ihren Wettbewerb bei den Meisterschaften in Braunschweig vor.
An einem Tag Anfang August ist es drückend heiß draußen.

In der Werferhalle ist es auch nur ein paar Grad kühler. Aber es hilft alles nichts. Pudenz muss ihr Trainingsprogramm abspulen, und heute ist eben der Kraftraum angesagt. Sie legt Musik auf. Punkrock dröhnt aus den Lautsprechern, das gibt ihr noch mehr Kraft. „How we survive, is what makes us who we are“ – ein Songzitat der US-amerikanischen Punkband Rise Against – hat sie sich auf ihren rechten Oberarm tätowieren lassen, auf Deutsch: Wie wir überleben, macht uns zu dem, was wir sind. „Ich fand den Spruch passend, weil man sich immer irgendwie durchkämpfen muss, um irgendwo anzukommen“, sagt sie.

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Nun mag der Diskuswurf nicht mehr das große Ding sein in der Leichtathletik, aber Tradition verpflichtet. So sieht das Pudenz. „Wir Deutschen waren immer schon eine Werfernation“, sagt sie. Ihr Vater Rüdiger gehörte in seinen Zeiten beim SC Chemie Halle zur DDR-Spitze im Kugelstoßen. „Er war nicht schlecht“, sagt seine Tochter. „Aber inzwischen halte ich den Hausrekord.“

Doch nicht nur Pudenz-intern liegt sie vorne. Beim Meeting Ende Juli in Schönebeck warf sie den Diskus auf 65,58 Meter. Weiter hat sie in ihrem Leben noch nie geworfen. Pudenz führt damit die Jahresbestenliste der deutschen Werferinnen souverän an, weltweit steht sie mit der Weite derzeit auf dem dritten Rang. „Es fühlt sich gut an, als Beste in die deutschen Meisterschaften hineinzugehen“, sagt sie. Ihr perspektivisches Ziel? „Auf jeden Fall eine Teilnahme bei den Olympischen Spielen und vielleicht irgendwann eine Medaille dort drin“, sagt sie. So unangestrengt Kristin Pudenz hunderte von Kilos nach oben wuchtet, so locker gehen ihr die ambitionierten Ziele über die Lippen.

Dabei war diese Formentwicklung bei ihr nicht unbedingt absehbar. Schon gleich gar nicht während der für viele Athleten so schwierigen vergangenen Monate. Pudenz hatte jahrelang eine Weite zwischen 60 und 63 Metern erreicht. Damit war sie national konkurrenzfähig, aber es gab meistens zwei, drei Werferinnen hierzulande, die besser waren als sie. Im vergangenen Jahr überraschte sie bei den deutschen Meisterschaften in Berlin mit einer persönlichen Bestleistung von 64,37 Metern die Konkurrenz und gewann den Wettbewerb.

Mit großer Freude und Ambition, erzählt sie, sei sie in das Jahr 2020 gestartet. „Es sollte das Jahr werden, wo es wirklich zählt.“ Wegen Olympia. Am 24. März aber wurden die Spiele in Tokio auf das nächste Jahr verlegt. Pudenz ging es wie vielen anderen Athleten. „Zwei Wochen hatte ich überhaupt keinen Bock auf Training“, sagt sie. „Aber dann ging es wieder.“ Pudenz ist offenbar sehr gut darin, schnell wieder aufzustehen – „How we survive, is what makes us who we are“. Es ging anschließend sogar ganz fantastisch voran.

Es gibt Frauen, die haben eine Gurkentechnik, aber werfen trotzdem weit

Durch den coronabedingt veränderten Saisonplan konnte sie mit ihrem Trainer Jörg Schulte, nicht zu verwechseln mit ihrem ehemaligen Coach Jürgen Schult, ein paar Kleinigkeiten verändern. Die beiden arbeiteten im Frühjahr etwas mehr als früher im Kraftraum. Auch warf Pudenz vermehrt mit einem 1,7 Kilogramm-Stab, also mit einem um 700 Gramm schwereren Wurfgerät als im Wettbewerb.

Pudenz sagt: „Kraft und Schnelligkeit sind im Frauendiskus wichtig. Es gibt Frauen, die haben eine Gurkentechnik, aber eine wahnsinnige Kraft, die werfen dann trotzdem weit.“ Die Saison begann nach dem Corona-Schock auch dank der neuen Schwerpunkte im Training so gut wie noch nie: Ende Mai schaffte sie bei einem Testwettkampf in Neubrandenburg 63,96 Meter und wenige Wochen später steigerte sie sich auf der heimischen Anlage im Luftschiffhafen auf 64,92 Meter, ehe sie im Juli in Schönebeck eine neue persönliche Bestmarke auflegte.

Bisher ist Pudenz neben dem Dreispringer Max Heß eine der wenigen Figuren in der deutschen Leichtathletik, die in den vergangenen Wochen und Monaten einen Leistungssprung gemacht hat. Die Erwartungen bei den deutschen Meisterschaften sind in vielen Disziplinen nicht besonders hoch. Stars wie Mittelstrecklerin Konstanze Klosterhalfen, Sprinterin Gina Lückenkemper oder Diskuswerfer Christoph Harting werden aus unterschiedlichen Gründen gar nicht erst antreten. Was viele Leichtathleten gemeinsam haben, ist das Gefühl, dass die Saison wegen Corona schon verkorkst war, bevor sie überhaupt anfing.

Sie verspürt eine neue Leichtigkeit

Während der Spannungsabfall durch die Olympia-Absage bei vielen Athleten auch zu einem Leistungsabfall führte, ist Pudenz stärker denn je. „Es ist jetzt alles nicht so schlimm, wenn es nicht so läuft“, sagt sie. Sie verspüre eine neue Leichtigkeit in ihrem Sportlerleben. „Es muss ja immer irgendwie weitergehen“, sagt sie. Damit man irgendwo ankommt. Es ist ihr Lebensmotto.
Dann macht sich Kristin Pudenz wieder an den Gewichten zu schaffen und stemmt 170 Kilogramm in die Höhe. Anmutig und geräuschlos.