Ihr Geheimnis war die Klarheit

In der langen, reichen Laufbahn von Jutta Lampe gibt es einen auch in der Fernsehaufzeichnung noch erhaltenen Augenblick, den keine große Theatergeschichte erzählt. Aber ein magischer Moment.

Er geschieht am Ende des vierten Akts von Kleists letztem Drama, in Peter Steins Inszenierung des „Prinzen von Homburg“ 1972 an der Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin-Kreuzberg. Es ist eine Nachtszene, und nachdem der Homburgprinz als Feldherr und Träumer wegen der Missachtung einer kurfürstlichen Order zum Tode verurteilt wurde, scheint sich sein Schicksal kurz vor der Hinrichtung doch zu wenden. Die Prinzessin Nathalie nämlich überbringt ihrem geliebten Freund in der Todeszelle die Botschaft ihres Onkels, des Großen Kurfürsten. Homburg sei demnach begnadigt, wenn er sich ungerecht verurteilt glaube. Das rührt an den Stolz und das Gewissen des eben noch ums eigene Leben bangenden jungen Prinzen. Und nun will er sich dem Urteil fügen.

Jutta Lampe als Nathalie ist zunächst entsetzt. Dann begreift sie und küsst sie Bruno Ganz, der den aus seiner Verzweiflung plötzlich zum Todeslebensmut erwachten Mann spielt. Dazu spricht sie, ganz Kleist, mit einem sonderbar beseelten Lächeln drei Worte: „Du gefällst mir.“

Eine jähe Offenbarung

In allen „Homburg“-Inszenierungen, die ich sah, war dies eine Bemerkung unter vielen. Nur bei Jutta Lampe waren jene drei Worte: eine jähe Offenbarung. Die damals 28-jährige Lampe leuchtete in der düsteren Nachtszene wie eine zweite Sonne, ihr lautloses Lachen und dann die Betonung mit einer leichten Stimmhebung auf der zweiten Silbe des zweiten Worts: „Du gefällst mir!“ Das hatte eine Melodik, ja einen unpathetischen, doch sanft insistierenden Melos, wie ihn unter den männlichen Spielern so verführerisch ein Oskar Werner hatte.

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Oder im Film noch eine ganz andere Schauspielerin. Romy Schneider. Auch von ihr gab es einmal eine so diskret offene wie zugleich geheimnisvolle Zuneigungserklärung: als Schneider in einer TV-Talkshow plötzlich mit ihrem wie tagträumerischen Timbre zu dem Ex-Häftling und Autor Burkhard Driest fast das Gleiche sagte: „Sie gefallen mir.“ Nie sonst ist in einem eher trivialen Fernsehplauderstudio derart ein Engel durch den Raum gegangen.

Sie hatte etwas Schwebendes

Jutta Lampe, die in der Nacht zum Donnerstag kurz vor ihrem 83. Geburtstag in einem Berliner Krankenhaus gestorben ist, hatte wie Romy Schneider etwas Schwebendes. Jene Anmut, Grazie und einen leicht melancholischen Glanz, einen Schmelz (und nie Schmalz) im Blick, in der Stimme, in ihrem Lachen, das fast immer nur ein Lächeln war. Aber was heißt hier: nur! Jutta Lampe war die Diva, die wegen ihrer liebenswürdigen Nahbarkeit und Integrität als Ensembleschauspielerin zugleich keine Diva war.

Als sie einst im Mai vor zehn Jahren in der Berliner Akademie der Künste den nur jedes halbe Jahrzehnt vergebenen Joana-Maria-Gorvin-Preis erhielt (im Andenken an eine Große des Theaters der 40er und 50er Jahre), hieß es in der Laudatio von Botho Strauß, verlesen von Hanns Zischler: Jutta Lampe war „nie Publikumsschwarm oder Star – nicht einmal eine Tatort-Kommissarin“. Letzteres stimmte. Auch war sie zu scheu für Galas und viele Medienauftritte, obschon Jutta Lampe durchaus auch in einigen Filmrollen glänzte: etwa als Hauptdarstellerin und Filmschwester von Barbara Sukowa in Margarethe von Trottas „Bleierner Zeit“, ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen und den Preisen für die besten Darstellerinnen (Lampe und Sukowa) 1981 auf den Filmfestspielen in Venedig.

Königin der Berliner Schaubühne

Dennoch war sie, was sonst, ein Star. Neben Edith Clever von 1970 bis ’85 die Königin der Berliner Schaubühne, in den Jahren ihres zeitweiligen Lebenspartners Peter Stein. Eine Diva auch, eine Göttin, als Athene in Steins legendärer „Orestie“-Inszenierung, oder zumindest Jupiters Geliebte als Alkmene in Kleists „Amphitryon“, inszeniert von Klaus Michael Grüber. Robert Wilson machte sie zur geschlechterwechselnden Virginia-Woolf- Ikone Orlando; dazu gab’s neben Klassikern von Euripides, Shakespeare, Goethe, Schiller und Ibsen die tollen Rollen in Botho Strauß’ Zeitgeisterstücken. Von „Kalldewey, Farce“ bis zum „Park“, der odysseischen „Heimkehr“ oder in Strauß’ ostwestdeutschem „Gleichgewicht“ bei den Salzburger Festspielen 1993.

Geboren wurde sie 1937 in Flensburg. Und hat mit Anfängen in Mannheim und Bremen doch eher südlichen Frauen, ob antike Griechinnen oder die von Kleist, ob Strauß-Figuren oder von Goethe oder Tschechow mit einer virtuosen Wohltemperiertheit gespielt. Ihr Geheimnis war die Klarheit, um ein Wort Paul Valéries zu gebrauchen.

Noch einmal Botho Strauß in seiner Lampe-Laudatio: „In Mythen-Begriffen würde man sagen: eine Schaum- und Kopfgeburt, gleichermaßen aus Vernunft und Sinnlichkeit entsprungen.“

Worte wie Degenhiebe

Schien sie in ihren Berliner Glanzzeiten oft auch von einer elegischen Anmut gezeichnet, kamen später, als die neue Schaubühnen-Leitung unter Thomas Ostermeier die Akteure aus der Peter-Stein-Zeit nicht mehr wollte, in Wien noch ganz andere Farben zum Vorschein. Luc Bondy machte sie am Akademietheater der Burg in Tschechows „Möwe“ als Arkadina zum doppelten Schauspiel- Star. Lampes russische Primadonna, die letztlich über familiäre Leichen geht, war in der auch beim Berliner Theatertreffen umjubelten Aufführung neben Gert Voss ein elegantes Biest. Komödiantisch und, wenn nötig, auch Worte wie Degenhiebe setzend. Metallisch und tödlich flexibel. Auf der gleichen Bühne hat sie dann in einer Inszenierung ihrer großen Kollegin Edith Clever voller Ironie, Sarkasmus und Witz noch die Winnie in Becketts „Glückliche Tage“ gespielt. Sterbenskomisch. Und in ihre Heimatstadt ist sie wiederum mit Clever und Bondy 2005 noch einmal zurückgekehrt, auf die Bühne des Berliner Ensembles, wo die beiden denn doch Diven sich in Botho Strauß’ Zweidamenstück „Die eine und die andere“ ein letztes Konversationsduell lieferten.

Sie verlor das Gedächtnis

Vier Jahre später war sie die Jurorin des Alfred-Kerr-Darstellerpreises für junge Schauspieler*innen beim Berliner Theatertreffen und wählte Kathleen Morgeneyer. Bei ihrer Laudatio brach Jutta Lampe einmal kurz die Stimme, und ihr kamen die Tränen. Hinterher sagte sie mir, da seien ihr die Erinnerungen an die eigene Jugend als Schauspielerin schmerzlich hochgekommen. Dabei wirkte sie selbst im Gesicht noch immer altmädchenhaft jung. Aber vielleicht ahnte, spürte sie schon das im Kopf und im Herzen aufsteigende, unheilbar heranschleichende Unglück. Denn in den 2010er Jahren begann Jutta Lampe allmählich ihr Gedächtnis zu verlieren.

Lange hörte sie, gut betreut von hingebungsvollen, sie auch bewundernden Pflegekräften in Charlottenburg-Wilmersdorf noch klassische Musik und besuchte die Kirche und den kleinen Park am Ludwig-Kirchplatz. Zu Freunden sagte sie vor ihrem Verstummen auch einen großen Satz: „Früher war ich Schauspielerin. Heute bin ich die Freiheit.“ Sie selbst bleibt nun als Künstlerin unvergessen.