Ich und du und alle, die wir spielen

Ach, muss das schön sein, einem Berufsstand anzugehören, der sich das Purpurmäntelchen des Guten, Wahren, Schönen einfach selbst um die Schultern legen kann. Der Kunst schafft, wo er geht, steht, liebt, schreit und kotzt.

Und sich darauf versteht, aus einer ein wenig selbstverliebten Nabelschau mit Kunstlied-Untermalung dann doch ein bewegendes Geschwisterporträt zu schaffen. Genau so funktioniert der Theaterfilm „Schwesterlein“, der die Leidenschaft der Schauspielerei an sich und speziell an der Berliner Schaubühne beschwört. Im Februar lief er im Berlinale-Wettbewerb.

Sven leidet an Leukämie

Zu Beginn von „Schwesterlein“ ruht die später betont alarmiert durch emotionale Verstrickungen und tragisches Geschick navigierende Kamera auf Nina Hoss in der Rolle der Lisa. Lisa sitzt im Krankenhaus und schaut ins Leere. Durch einen Schlauch fließt ihr Blut. Es ist für ihren an Leukämie erkrankten Bruder bestimmt.

Diesen Sven spielt Schaubühnen-Kollege Lars Eidinger. In der nächsten statischen Einstellung liegt Sven auf der Isolierstation, vielfach verkabelt und totenbleich. Das aggressive Piepsen der Geräte untermalt die Transfusion. Der Kopf ist kahl. Sinnbild für den schon um die Ecke lugenden Tod.

Doch noch ist da Lisa. Sie verteidigt Sven. Lisa schreitet durch Berlin. Und kaum, dass man denkt – jetzt bitte keine Filmkunst, in der Nina Hoss wie bei Christian Petzold als Projektionsfläche unauslotbarer Weiblichkeit herumlaufen muss –, verfängt sich das Ohr im romantischen Schmelz von Johannes Brahms’ Lied „Schwesterlein“. Es ist Lisas Gang zu Svens Wohnung unterlegt.

[embedded content]

Der todessehnsüchtige Zauber romantischer Musik wirkt, er unterstreicht Lisas Verzweiflung und geschwisterliche Hingabe. Lisa packt Svens Koffer, holt ihn aus dem Hospital, kutschiert ihn im Taxi zur Mutter. Nun begreift man: Nina Hoss’ Lisa ist das Gegenteil einer Schmerzensfrau. Sie wirkt als beherzte Krankheitsmanagerin ihres Bruders. Sven und sie sind Seelenverwandte, Zwillinge, Symbionten. Sein Tod ist ihr persönlicher Feind.

Was das Stammhaus der beiden Schaubühnen-Stars bislang nicht ausprobiert hat, vollbringen die Schweizer Filmemacherinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond. Die beiden gelernten Theaterschauspielerinnen vereinen Hoss, Eidinger und Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier in einer Geschichte.

[Die Coronavirus-Krise ist auch für die Politik eine historische Herausforderung. Jeden Morgen informieren wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, in unserer Morgenlage über die politischen Entscheidungen, Nachrichten und Hintergründe. Zur kostenlosen Anmeldung geht es hier. ]

Ostermeier spielt sich als Theaterchef David, der den kranken Sven nicht wieder als Hamlet auf die Bühne lassen will, gewissermaßen selbst. Als schmauchenden Pragmatiker vom Lehniner Platz. Der Hamlet ist Eidingers Paraderolle und „Schwesterlein“ ein Spiel im Spiel. Dass Sven auf die Bühne will, um weiter zu existieren, kontert der auf Produktionssicherheit bedachte Chef mit vorgeblichen moralischen Bedenken: „Einen Schauspieler auf der Bühne sterben zu lassen, finde ich obszön!“

Dänen lügen nicht. Sven (Lars Eidinger) will trotz Krebskrankheit wieder als Hamlet auf die Bühne.Foto: Weltkino Filmverleih

[“Schwesterlein” läuft in neun Berliner Kinos]

Der Schauspieler als Bühnentier. Spielen, um den Tod in Schach zu halten. Eine Theaterautorin wie Lisa, die wegen der Krankheit des Bruders verstummt, um ihm dann – in einem Akt schöpferischer Wiedergeburt – eine Hänsel-und- Gretel-Adaption auf den siechen Leib zu schreiben. Und eine Figur wie Mutter Kathy (Marthe Keller), die sich als welke Schauspieldiva mehr für den Aperitif als für die beiden Enkel interessiert.

Sind Theaterleute ein spezielles Völkchen?

Das sind Klischees, die den Nimbus von Theaterleuten als ganz speziellem Völkchen befeuern. Und sie zugleich konterkarieren. Denn Chuats und Reymonds Inszenierung und ihr Ensemble kennen auch ironische Untertöne und echte Gefühle. Bühnen-Zampano Lars Eidinger verzichtet als Leidensfigur auf Exaltiertheiten. Von ein paar Heul- und Tobe-Ausrastern abgesehen, die einem Sterbenden jedoch glaubwürdig zu Gesichte stehen. Die strubbeligen Perücken aus dem Theaterfundus, die Sven trägt, fungieren als Kopfputz eines traurigen Clowns.

Geschwisterlieb. Lisa (Nina Hoss) holt Sven (Lars Eidinger) aus dem Hospital.Foto: Weltkino Filmverleih

Es ist berührend, mit welcher Selbstverständlichkeit Lisas daheim auf sie wartende Familie in ihrem Schweizer Zuhause Platz für den Zwillingsbruder macht. Da ist die majestätische Kulisse der winterlichen, von Klaviermusik umspülten Waadtländer Alpen. Da sind die Riesenräume des Luxusinternats, das Lisas Mann Martin (Jens Albinus) leitet. Beides fungiert als elegante, aber kühle Gegenwelt zum chaotischen Berliner Theaterzirkus, in den Lisa zum Ärger ihres Mannes unbedingt zurückwill.

Ein Bruder, der stirbt, eine Ehe, die zerbröselt, das zehrt an Lisa, die nebenbei noch als liebendes Mütterlein eines Sohnes und einer Tochter funktioniert. Kein Wunder, dass darauf Schwesterleins wutentbranntes Umsichschlagen folgt. In Mutters unaufgeräumter Altbauresidenz am Stuttgarter Platz vereinen sie sich dann in einer innigen nächtlichen Szene: Tod und Leben, Bruders Ende und Schwesters Neuanfang, Darstellerlust und Darstellerleid. Von Lars Eidinger und Nina Hoss schlicht und ergreifend gespielt.