„Ich habe schon Angst mich zu infizieren“

Melanie Schmidt* ist im Stress, gleich startet ihr Sportunterricht an einer Berliner Grundschule im Bezirk Kreuzberg. In dieser Zeit sei das eher eine Belastung als eine Freude, berichtet die sonst nach eigener Aussage so motivierte Lehrerin. Regeln über Regeln, berühren sei nicht erlaubt, die Hände desinfizieren sollte man auch. Aber können das Schüler auch einhalten, vor allem an der Grundschule?

Die Lehrerin erzählt auch, dass die vor allem jüngeren Schüler, die ernste Lage der Situation nicht richtig wahrnehmen, und sich dadurch nicht immer an die Hygiene-Regeln halten. Jetzt, sagt die Lehrerin, würde der Sportunterricht noch vorrangig draußen oder in der auf Durchzug gestellten Halle stattfinden. „Aber was machen wir dann im Winter, wenn die Temperaturen auf bis zu null Grad sinken“?

Die Coronakrise stellt den Unterricht an den Schulen auf eine harte Probe und das Unterrichtsfach Sport erst recht. Denn Sport lebt zu einem Teil auch von Körperkontakt, wie also geht man mit dieser Situation um, in der die Schüler Abstand halten sollen? In jedem Fall anscheinend nicht so, wie es die neuen Regeln fordern, wie ein kleiner Rundgang durch Berliner Schulen zeigt. Lehrer und Schüler sind unter Druck und manchmal auch überfordert mit den Corona-Regeln.

An der Kreuzberger Grundschule von Frau Schmidt findet der Sportunterricht noch in gewohntem Umfang statt. An den Unterrichtszeiten soll sich nichts geändert haben, jede Woche drei Schulstunden. Das Umziehen gehört dazu. Um den Mindestabstand einigermaßen einhalten zu können, ziehen sich die Mädchen in den Klassen um, die Jungen haben die Möglichkeit sich in der Kabine umzuziehen.

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Melanie Schmidt berichtet: „Ich denke die Ängste liegen eher bei den Eltern als bei den Grundschülern, da sich vor allem die Grundschüler nicht der ernsten Lage bewusst sind und ihre Köpfe oftmals zusammenstecken und keinen Mindestabstand halten.“

Doch wie sehen es die Schüler? Jacob geht in die fünfte Klasse auf einer inklusiven Schule im Bezirk Zehlendorf. Der Junge erzählt: „Ich finde den momentanen Sportunterricht ganz gut, wir spielen viele Aufwärmübungen. Der Lehrer ist strenger geworden und ermahnt uns oft, Abstand zu halten. Jedoch ist das manchmal nicht möglich. Wir desinfizieren und waschen unsere Hände nach jeder Stunde, jedoch gibt es einige die das auslassen. Vor den Sommerferien waren die Regeln viel strikter, der Sportunterricht wurde ganz weggelassen und man wurde in kleine Gruppen eingeteilt. Jetzt wo ich wieder mit meiner ganzen Klasse Sport mache, habe ich schon eher Angst mich zu infizieren, und dadurch auch Angst um meine Eltern.“  

Auch die elfjährige Sechstklässlerin Ella, Schülerin an der Schule von Frau Schmidt,  berichtet: „Ich finde, dass sich der Sportunterricht nicht verändert hat, wir machen jetzt nur öfter draußen Sport. Zu den Kindern in meiner Klasse muss ich keinen Abstand halten und eine Maske müssen wir auch nicht tragen. Zu Kindern aus anderen Klassen jedoch, müssen wir Abstand halten.“

Doch nicht nur an Grundschulen gibt es Probleme im Sportunterricht, auch Oberschulen und Gymnasien haben Schwierigkeiten mit der Coronakrise zu leben. An einer großen Berliner Oberschule im Bezirk Schöneberg mit knapp 1500 Schülern gibt es einschneidende Änderungen: Es wird sich nicht mehr in Kabinen umgezogen sondern in den Hallen, mit Sichtschutzwänden werden Mädchen und Jungen getrennt. Ein Sportlehrer sagt: „Wir versuchen so oft wie möglich den Unterricht draußen zu führen. Ich habe die Schüler gebeten, warme beziehungsweise lange Kleidung mitzunehmen. Im Notfall auch eine Regenjacke, kaltes Wetter und Regen seien keine Ausnahme.“

„An die Maßnahmen wird sich kaum gehalten und Abstand wird ignoriert“

Der Lehrer berichtet auch, das Personal fehle, da viele Lehrer zur Risiko-Gruppe gehören und nicht in die Schule kommen können. „Oft muss ich 25 bis 30 Kinder unterrichten. Außerdem muss ich darauf aufpassen, dass die Schüler beim Weg in die Sporthalle an die Maskenpflicht denken und im Unterricht möglichst Abstand halten.“

Ein anderer Lehrer derselben Schule sagt: „Bei Regen oder zu kaltem Wetter bleibe ich mit meiner Unterrichtsgruppe in der gelüfteten Halle, auf Hygiene-Regeln und Abstand versuche ich so gut wie möglich zu achten. Eine Maske tragen meine Schüler auch. Bei körperlicher Belastung dürfen sie die Maske abnehmen. Also Maske auf – Maske ab – Maske auf – Maske ab . Änderungen zu vorher gibt es auch, Kontaktsporte und Übungen zu zweit, zu dritt oder zu viert fallen weg.“

Aber wie empfinden die Schüler das? Eine Schülerin der großen Schöneberger Oberschule sagt auf die Frage, ob sich an die nötigen Maßnahmen gehalten wird: „Nein, Abstand wird nicht richtig gehalten und ab und an werden auch Spiele wie Fußball und Basketball gespielt, bei denen eigentlich es kaum möglich ist Abstand zu halten.“

An einer evangelischen Schule in Neukölln sieht es laut Aussage von Schülerinnen und Schülern noch düsterer aus. Ob sich im Sportunterricht an den Mindestabstand gehalten wird, sagt die 14 Jahre alte Elea: „An die Maßnahmen wird sich kaum gehalten und Abstand wird ignoriert.“ Leichte Ängste gibt es auch, eine Schülerin der 9. Klasse sagt: „Ängste gibt es natürlich. Vor allem weil man im Sportunterricht Risiken eingeht, die man sonst versucht zu vermeiden.“ Sie selber würde gerne ändern, dass so leichtsinnig mit dem Thema Corona umgegangen wird.

Kontakt ist in den meisten Sportarten nun einmal normal

Allgemein gilt für den Weg zur Umkleide, Sporthalle oder Sportplatz eine Maskenpflicht, beim Umziehen wird sie jedoch aufgehoben. Abstände sollten eingehalten werden, einige Schülerinnen und Schüler würden sich jedoch sicherer fühlen, wenn es eine Pflicht gäbe Abstand einzuhalten. Vor und nach dem Sportunterricht wird die gesamte Klasse an einem Desinfektionsspender vorbeigeleitet.

Kontrolliert wird und kann aber auch nicht ob jede Schülerin und jeder Schüler seine Hände desinfiziert. Dies überlässt man der Selbstständigkeit der Schüler. Jedoch sagt Yassin (14 Jahre alt), ein Oberschüler der Sophie-Scholl-Schule: „Ich sehe viele Mitschüler, die den Desinfektionsspender nicht betätigen oder nur selten. Außerdem beschweren sich viele Schüler über den Geruch der Flüssigkeit. Auch soll das Desinfektionsmittel schädlich für die Haut sein. Ich persönlich finde es besser, wenn ein Lehrer darauf achtet, dass jeder Schüler den Spender betätigt.“

Das Coronavirus hat den Unterricht an Schulen stark verändert. Es gibt viele neue Regeln und Vorschriften, vor allem im Sportunterricht, da sind diese besonders ausgeprägt. Kontakt ist in den meisten Sportarten nun einmal normal. Umziehen gehört dazu. Doch all das geht momentan nicht. Für Schüler*innen und Lehrer*innen es stressig die Vorgaben umzusetzen. Doch oft klappt das anscheinend nicht, an den Berliner Grund- und Oberschulen.

  

*Der Name wurde geändert