„Ich gehöre überall hin“

Heimat, was soll das überhaupt heißen? Ein Zuhause kann so viele Formen annehmen: Für manche ist es tatsächlich der Ort, an dem sie geboren sind, für andere der Ort, an dem sie sein können, wer oder was sie sein möchten. Und für wieder andere sind Heimat und Zuhause gar keine physischen Orte, sondern eher ein Raum des Schaffens, an dem die Vergangenheit und die Gegenwart zu etwas Neuem und zu etwas Eigenem zusammenfließen.

„Kabul Fire Vol. 2“ ist so ein Ort, das zweite Album des Hip-Hop-Produzenten Farhot, bürgerlich Farhad Samadzada. In Afghanistan geboren, verließ er das Land schon als Kleinkind und kam 1980 in Hamburg an, wo er auch heute noch wohnt. Als Produzent machte er sich einen Namen mit Beats für alle möglichen Künstler*innen, angefangen von seiner alten Hamburger Weggefährtin Nneka (die Farhot vor einigen Jahren den Spitznamen Kabul Fire verpasste), über die Fantastischen Vier, Chefket oder die Frankfurter Celo & Abdi bis hin zu Talib Kweli, dem Großmeister des US-amerikanischen Conscious-Raps.

Einer seiner Beat-Kunden ist der Rapper Haftbefehl

Er zeichnete für Haftbefehls Magnum Opus „Chabos wissen wer der Babo ist“ genauso verantwortlich wie für „Klingelton“, die aktuelle Single von Audio88 und Yassin, und bildet gemeinsam mit Benjamin Bazzazian das gefragte Produzentduo Die Achse. Es produzierte die frühe Hayiti-Stücke und war maßgeblich an Haftbefehls Sound des 2014 erschienen Albums „Russisch Roulette“ beteiligt.

Doch während bei Die Achse fette Bässe und aggressive Beats regieren, herrscht auf „Kabul Fire Vol. 2“ ein anderer Ton: eine Art Melancholie der zweiten Generation, ein schwermütiger Blick auf den Ort, wo die vermeintlichen Wurzeln liegen, ein Ort, den es gar nicht mehr gibt – im übertragenen Sinne und im Fall von Afghanistan auch ganz real. Denn nach Jahren des Kriegs und der Zerstörung ist das kulturelle und auch popkulturellen Erbe zum Teil verloren gegangen.

[„Kabul Fire Vol. 2“ erscheint Kabul Fire Records/Caroline]

Die Genese der „Kabul-Fire“-Reihe, wie man sie ja jetzt nach der zweiten Ausgabe nennen kann, ist eine ungeplante: „Kabul Fire Vol. 1“ stellte der Produzent 2013 auf Anraten seines Freundes Jannis Stürtz für das nischige Hip-Hop-Label Jakarta Records zusammen. „Das war kein Album für mich, eher eine Beatszusammenstellung, aber es war der Anfang von etwas: das erste Mal, dass ich mit meinem eigenen Namen rausgegangen bin“, erinnert sich Farhot im Gespräch.

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Bescheiden klingt das, denkt man daran, dass schon auf dieser Veröffentlichung Größen wie die Grime-Künstler Kano und Giggs, Ms Dynamite und ja, auch Talib Kweli zu Gast waren und die Resonanz auch im Ausland groß war. 2016 und 2019 folgten Releases des verspielten Projekts Fuchy, so etwas wie ein Alter Ego Farhots.

„Da habe ich mich selbst therapiert. Ich habe damals mit Absicht Musik gemacht, die ganz anders war, als wenn ich mit anderen Personen arbeite. Null Kompromiss.“ Kommerziell erfolgreich war das Experiment aber nicht – ein kleine Enttäuschung für den sonst recht erfolgsverwöhnten Künstler.

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Die zweite Runde „Kabul Fire“ wirkte dann erst einmal wie eine Aufgabe, die man hinter sich bringen muss, viel lieber wollte Farhot an weiteren Die Achse-Projekten arbeiten. Bis er unvermittelt auf eine Inspirationsquelle stieß: Filme aus Afghanistan, vor allem vom gefeierten – und mittlerweile aus dem Land geflüchteten – Siddiq Barmak, die ein ganz anderes Bild von dem Land zeichneten, als es gewöhnlich präsentiert wird. „Ich habe nicht erwartet, dass ich solche Dinge finde, es hat sich angefühlt, als hätte ich gebuddelt und Gold gefunden“, erzählt er begeistert.

Freiheitskämpfer Ahmad Shah Mahsoud ist mit einem Gedicht dabei

Die Filme faszinierten den damals angehenden Vater und motivierten ihn, weiterzusuchen: „Ich war hin und weg. Ich hab staunend dagesessen, es war Corona, ich wusste, ich werde bald Papa, und ich war einfach nur baff.“ Über Kontakte in der afghanischen Diaspora-Community kam er an Barmaks Nummer und schrieb den Vater der jungen afghanischen Filmindustrie einfach an, ohne ernsthaft eine Reaktion zu erwarten. Doch Barmak antwortete, es erwuchs ein Austausch und schließlich erlaubte der Regisseur von Werken wie „Osama“ und „Opium War“ Farhot sogar, nach Lust und Laune Schnipsel aus den Filmen zu verwenden.

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Sie bilden den roten Faden des Albums, das selbstbewusst und lässig Fäden der Vergangenheit aufnimmt und zu einem konsistenten Ganzen webt. Filmausschnitte treffen auf Sätze der Künstlerin Moshtari Hilal, Samples von Ahmad Zahir, einem der bekanntesten Sänger Afghanistans, treffen auf ein von dem Freiheitskämpfer Ahmad Shah Mahsoud eingesprochenes Gedicht. Gerahmt wird das alles von Hip-Hop-Beats, die sich nicht an den hyperglatten Produktionen der Gegenwart sondern am tröstlich satten Sound des Golden-Era-Hip-Hops orientieren.

Neue Kontakte ins Land und zur Diaspora

Dabei klingt das Album nie nach orientalisierendem Kitsch, die afghanischen Elemente sind keine Zierde, sondern das Herz des Produktionen, die sie wiederum in die Gegenwart tragen und mit dem Leben Farhots als Kind der postmigrantischen Gegenwart verbinden. „Ich bin nirgendwo zu Prozent, ich gehöre überall hin. Überall schaue ich mal gerne vorbei. Das ist halt so bei uns. Wir kommen von woanders, deswegen gibt es nicht nur einen Ort für uns“, sagt er.

Es ist diese spielerische Herangehensweise an das Land und seine eigene Vergangenheit, die „Kabul Fire Vol. 2“ seine Leichtigkeit gibt. Zusätzlich führte die Beschäftigung mit Afghanistan auch dazu, dass Farhot neue Kontakte in das Land und die auf der ganzen Welt verteilte Diaspora knüpfen konnte.

Und hat das mittlerweile sogar vom britischen „Guardian“ gefeierte Album schon seinen Weg nach Kabul gefunden? „Ich mache mir wenig Hoffnungen, dass es in Afghanistan auf großes Interesse stößt,“ sagt Farhot. „Aber es würde mich schon freuen, wenn man dort zumindest Notiz nimmt, dass jemand aus Deutschland interessiert ist an dem Land und es nicht komplett vergessen hat.“