Hört, hört, Amerika!

Donald Trump hasst Katholiken. Ein wenig bekannter und verblüffender Umstand – obwohl der amerikanische Präsident die Messlatte für Überraschungen hoch gehängt hat. Aber: Was sind die Länder, die der Commander In Chief öffentlich als „shithole countries“ geschmäht hat? Haiti, Salvador, Honduras, tief katholische Gegenden. Und Mexiko erst! Trotzdem liest man in der Zeitung nie die Schlagzeile: „Donald Trump sperrt katholische Kinder in Käfige“. Warum eigentlich nicht?

Die Frage wirft der (katholische) Filmemacher und Aktivist Michael Moore auf. Und zwar in Episode 130 seines Podcasts „Rumble with Michael Moore“. Eine Sendung, die er im Dezember 2019 gestartet hat, anfangs noch als fröhliches Unterhaltungsformat. Moore traf Showgrößen wie Robert De Niro oder den „Joker“-Regisseur Todd Philipps, eine Folge wurde auf dem Behandlungsstuhl seines Zahnarztes aufgenommen, mit dem er sich gern über Trump und die Welt unterhält.

Spätestens mit Beginn der Covid-Krise hat der Podcast die Attitüde eines Piratensenders im Meer des Irrsinns angenommen. Moore liefert dem Publikum, was es aus Filmen wie „Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“, “Fahrenheit 9/11” und zuletzt „Fahrenheit 11/9“ kennt und schätzt: polemische Breitseiten gegen ein krankes System, Wutpatronen für den Gesinnungsrevolver.

„Rumble with Michael Moore“ hat im September die Marke von 16 Millionen Downloads geknackt, die Sendung ist in den USA längst zum kleinen Nachtgebet der progressiven Linken avanciert. Mit wechselnden Gästen oder solo am Mikrofon missioniert der Mann aus Flint, Michigan, gegen die Schweinereien der Trump-Regierung und trommelt für den Aufstand der Anständigen.

Er feiert die „Black Lives Matter“-Proteste, beweint den Tod der Richterin Ruth Bader Ginsburg, liest anlässlich der Nominierung ihrer erzkonservativen Nachfolgerin Amy Coney Barrett eine Kurzgeschichte über die illegale Abtreibung vor, die eine Freundin zu Highschool-Zeiten vornehmen lassen musste. Und immer wieder mahnt er: Geht wählen! Lasst uns den Mistkerl mit einem Tsunami von Stimmen aus dem Weißen Haus fegen. Ein oder zwei Folgen „Rumble“ genügen, und man ist überzeugt: am 3. November steht das Schicksal der USA auf dem Spiel.

Der Comedian und frühere Sportkommentator Joe Rogan.Foto: Imago

Joe Rogan sieht die Sache etwas anders. Der Comedian, Schauspieler und Sportkommentator unterhält ebenfalls einen Podcast, einige Jahre länger als Moore. „The Joe Rogan Experience“ kam 2019 auf 190 Millionen Downloads im Monat, nimmt in fast allen Charts den Spitzenplatz ein und ist unlängst unter viel Getöse exklusiv zu Spotify gewechselt. Ein Hundert-Millionen-Dollar-Deal, wie das Magazin „Forbes“ berichtete.

Auch Kanye West saß schon bei Joe Rogan im Studio

Rogan, ein muskulöser, tätowierter Fitness-Fanatiker mit sanfter Stimme, hat sich den Ruf einer männlichen Oprah Winfrey erworben. Er hört seinen Gästen mit einer Engelsgeduld zu, oft über drei oder vier Stunden. Und im Gegensatz zu Michael Moore lädt er sich nicht nur Gesinnungsgenossen ein, sondern redet mit allen. Selbst mit einem irrlichternden Verschwörungstheoretiker wie Alex Jones, bekannt als der Mann, der den Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School zum Fake erklärte.

Kürzlich saß der religiöse Rapper Kanye West bei Rogan im Studio, auch er ja Präsidentschaftskandidat, fast vergessen. West schraubte sich in epische Monologe, die von seinem göttlichen Auftrag, dem „Abtreibungs-Genozid“ an schwarzen Babys, der Vergewaltigung von Künstlern durch die Musikindustrie und einem neuen Turnschuh-Modell handelten. Der Gastgeber nickte interessiert und lobte Wests kreatives Denken.

Ein Gast brachte Rogan eine Pistole als Begrüßungsgeschenk mit

Rogan hat keine politische Agenda. Wohl aber eine Meinung zu allem, die gerne mal nach dem gefühlig-patriotischen Moralkompass ausschlägt. Gerade von seinen rechten Gästen lässt er sich oft so bereitwillig mittragen, dass sein Studio-Kumpan Jamie im Hintergrund mit dem Faktenchecken auf Google kaum noch hinterherkommt.

Vor einigen Wochen ist der Stand-up-Comedian von L.A. nach Texas umgezogen, wo er in einer der ersten Folgen im neuen Studio den ehemaligen „Special Forces Operator“ Tim Kennedy willkommen hieß. Der brachte als Begrüßungsgeschenk eine Pistole mit und lud Rogan zum Schweine-Schießen aus dem Helikopter ein. Nur wenig später waren die beiden schon bei der Frage gelandet, ob die Briefwahl nicht tatsächlich anfällig für Manipulationen sei.

Michael Moore zitiert dagegen mit unermüdlichem Aufklärungsfuror eine Reportage aus dem „Wall Street Journal“ über die systematische Beschädigung des Postwesens durch die Republikaner und die Tatsache, dass zwar 90 Millionen Briefwahlunterlagen angefordert wurden. Wenige Tage vor dem 3. November aber erst die Hälfte davon auch eingetroffen ist.

Wer die Podcasts parallel hört, lernt ein Amerika kennen, in dem nicht nur die politischen Gegner durch Grand-Canyon-tiefe Gräben getrennt sind. Beide, Moore und Rogan, sind erklärte Fans des Linken Bernie Sanders. Da enden die Gemeinsamkeiten aber auch schon.

Als nach der Ermordung von George Floyd in Portland die Proteste überbordeten, setzte Moore sofort vier Sondersendungen an, gelabelt als „Emergency Podcast System“. Er sprach mit Aktivistinnen und Journalisten vor Ort, ließ sich den Einsatz von Laubbläsern gegen Tränengas schildern und den Einsatz der ominösen Bundespolizisten, die Menschen von der Straße in schwarze Vans vom örtlichen Autoverleih zogen. Wehret dem Faschismus, das war die Botschaft.

Michael Moore spielt auch mal Bob Dylan vor

In der Welt von Joe Rogan terrorisiert ein Antifa-Mob das Land, während die Polizei einen klasse Job macht. Trumps „LAW & ORDER“-Tweets in Großbuchstaben? Einer der wenigen Fälle, in denen er dem Präsidenten uneingeschränkt zustimmen könne, sagt er. Vor kurzem war der britische Hardcore-Polemiker Douglas Murray bei ihm zu Gast. Der Autor des Buches „The Madness of Crowds“ mokiert sich gern über trans Menschen, verspottet die sogenannten Kreuzritter der sozialen Gerechtigkeit und singt das Lied von den vermeintlich schrillen Minderheiten, die der schweigenden Mehrheit mit ihrer cancel culture das Leben zur Hölle machen. Solche Leute, da waren sich beide einig, treiben die Menschen massenweise in Trumps Arme.

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Ob Joe Biden – falls er denn gewinnen sollte – die reaktionären und die progressiven Kräfte miteinander versöhnt? Schwer vorstellbar. Auch Michael Moore ist kein Fan von Obamas früherem Vize. Und dennoch: lieber diesen Kandidaten als Trump, den Moore meist nur „the evil genius“ nennt, das böse Genie. Unterschätzt ihn bloß nicht! Das ist schon 2016 schief gegangen. Auch das bläut er seinen Hörern Mantra-mäßig ein.

Trump twittert Ausschnitte aus Rogans Podcast

Es ist nicht bekannt, ob Donald Trump regelmäßig „Rumble“ hört. Aber man weiß, dass der Präsident ein Fan von Joe Rogan ist. Immer wieder twittert er Ausschnitte aus dessen Podcast, der auch als Video erscheint. Zum Beispiel – kommentarlos und kontextfrei – einen Satz des Boxers Mike Tyson: Es bereite ihm orgiastische Gefühle, wenn er seinem Gegner Schmerzen zufüge. Oder dieses Zitat von Joe Rogan selbst: „Biden zu wählen kommt mir vor, als würde man mit einer Taschenlampe mit sterbenden Batterien auf eine lange Waldwanderung gehen.“
Michael Moore spielt seinen Zuhörern derweil ein Lied von Bob Dylan vor: „A Hard Rains’ a-Gonna Fall“.