„Hooked on classics“ – Musik, die in die Beine geht

Bei uns zu Hause wurde Klassik geschätzt, aber nicht exklusiv, sondern als eine interessante Musikrichtung unter vielen anderen. Die Eltern meines besten Schulfreunds Sebastian dagegen sind echte Fans. In den Achtzigerjahren hat sein Vater sogar mal nachts mit Gleichgesinnten vor der Deutschen Oper campiert, um Tickets für den Auftritt von Luciano Pavarotti in Donizettis „Liebestrank“ zu ergattern – an dem Abend wurde dann der bis heute ungebrochene Weltrekord im Dauerklatschen aufgestellt: 67 Minuten Schlussapplaus.

Bei Sebastian zu Hause lief immer klassische Musik, vom Wohnzimmer schallte sie hinüber ins Kinderzimmer, und wenn wir zur nachmittäglichen Teatime gerufen wurden, bewunderte ich den Plattenspieler, der einen kleinen Extra-Arm hatte, aus dem auf die LP eine Flüssigkeit lief, die das Knistern minimieren sollte. 1982 lernte ich hier das Album „Hooked on Classics“ des Royal Philharmonic Orchestra kennen. Geoffrey, der englische Patenonkel von Sebastians Bruder, hatte es als Geschenk aus London mitgebracht.

Ich war elektrisiert: Denn da erklangen die beliebtesten Wunschkonzerthits, unterlegt mit einem Disco-Beat. Klassik, die in die Beine geht: Boum-tschak, boum-tschak, Tschaikowskyks 1. Klavierkonzert, boum-tschak, Rimsky-Korsakovs „Hummelflug“, boum-tschak, Mozarts große g-Moll-Sinfonie, boum-tschak, Gershwins „Rhapsody in Blue“ boum-tschak, Sibelius’ „Karelia Suite“, boum-tschak, Beethovens Fünfte. Und das alles in weniger als zwei Minuten.

Das war keine Häppchen-, sondern Hackepeter-Klassik! Brutaler kann man die Meisterwerke der Vergangenheit nicht verwursten. Für Puristen ein Super-GAU: der größte anzunehmende Arrangement-Unfall. Aber was für einen Spaß macht das orchestrale Medley, wenn man mit dem richtigen Ohrenzwinkern zuhört.

Insgesamt 48 Minuten süßer Sündenfall, von den humorbegabten Engländern just in jener Zeit herausgebracht, als in Deutschland der Klassikbetrieb zu versteinern drohte, als ersatzreligiöse Weihefeier mit dem Orchesterpapst Herbert von Karajan, der sich – auratisch angestrahlt, die Augen meditierend geschlossen – als Gottes Klassik-Stellvertreter auf Erden inszenierte.

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„Hooked on classics“-Erfinders Louis Clark dagegen machte sich locker – und stellte sich in die ehrenwerte Tradition von „Fantasien“ über bekannte Themen, wie sie im 19. Jahrhundert für jede nur erdenkliche instrumentale Besetzung verbreitet waren, besonders, um Opernwerke auch jenseits der Metropolen bekannt zu machen. Und auch die Idee, dem Kulturerbe einen Begleitrhythmus zu unterlegen, war ja nicht neu: Hier hatte der Jazzer Jacques Loussier mit „Play Bach“ ab 1959 Pionierarbeit geleistet.

Der Titel bedeutet übersetzt übrigens „süchtig nach Klassik“. Bei Spotify kann man „the original multi million selling album“ ganz leicht finden – und als mittlerweile erfahrener Konzertgänger zum akustischen Rätselspiel machen: Erkennen Sie die Melodie! Wer alle 106 Titel richtig hat, gewinnt.