Hoffnungsstrahlen aus London

Was macht eigentlich Adele gerade so? Zuletzt war zu vernehmen, dass ihr langwieriger Scheidungsprozess beendet sei, sie einen neuen Freund und stark abgenommen habe. Und musikalisch? Seit ihrem letzten Album sind fünf Jahre vergangen, seit dem Durchbruchswerk „21“ sogar zehn. Zum Jubiläum wird es jetzt noch einmal neu aufgelegt. Von neuen Songs wird immer wieder gemunkelt, nur zu hören gibt es nach wie vor nichts von der Star-Sängerin.

Dass ihr Fehlen derzeit gar nicht so sehr auffällt – außer dem harten Kern der Adele-Fans natürlich –, liegt unter anderem an zwei bemerkenswerten Newcomerinnen, die schon im vergangenen Jahr viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben und nun beide am kommenden Freitag ihre Debütalben veröffentlichen.

Celeste hat eine Ausnahmestimme

Da ist zunächst die in L. A. geborene und in einem Vorort von Brighton aufgewachsene Celeste Waite, die sich als Sängerin nur Celeste nennt. Sie kam im vergangenen Jahr bei der renommierten BBC-Umfrage „Sound of 2020“ auf den ersten Platz und gewann den Brit Award of Rising Star. Wer Glück hatte, erlebte sie noch live im Vorprogramm von Michael Kiwanuka, doch die meisten ihrer Auftritte mussten pandemiebedingt ausfallen.

Dafür konnte man ihre frühen EPs und eine Reihe von Vorab-Singles des Albums hören, die ihr bereits Vergleiche mit Amy Winehouse, Adele und sogar Aretha Franklin eingebracht haben. Was absolut nachvollziehbar ist, verfügt die 26-Jährige doch über eine echte Ausnahmestimme, mit der sie von introvertierter Verletzlichkeit bis hin zu forschem Selbstbewusstsein einfach jede Gefühlsschattierung glaubwürdig zum Ausdruck bringen kann.

Spielerisch bewegt sich die mittlerweile in London lebende Celeste zwischen Pop, Soul und jazzigen Anklängen. Besonders gelungen etwa in der zurückgenommenen Klavierballade „Strange“, die von der Entfremdung einstiger Liebender handelt und diese wohlig-melancholische Stimmung heraufbeschwört, die Norah Jones’ Debütalbum einst zum Bestseller machte.

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Das Stück gehört zu Celestes frühen Singles und findet sich auch auf dem Album „Not Your Muse“. Zusammen mit dem von einer gepickten E-Gitarre begleiteten Auftaktsong „Ideal Woman“ bildet es den ruhigen Beginn der Platte, die dann aber schnell an Schwung gewinnt und eine kleine Hit-Packung abfeuert. „Tonight Tonight“ und „Tell Me Something I Don’t Know“ sind tolle Soul-Pop-Stücke, zu denen man sofort mitwippen- und singen will. Ganz zu schweigen von „Stop This Flame“, das mit mit seinem hüpfenden Piano-Rhythmus an einen Moby-Hit aus dessen „Play“- Phase erinnert.

Die zwölf Songs des Albums sind perfekt produzierte Unterhaltung, sowohl radio- als auch playlisttauglich. Ein wenig unpersönlich sind sie allerdings auch. Sie drehen sich alle um die Universalthemen Liebe und Herzschmerz, was natürlich kein Fehler ist, doch mitunter wünschte man sich Celeste (oder auch ihre Kunstfigur) würde darin stärker aufscheinen.

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In „Ideal Woman“ geschieht das kurz einmal, wenn sie singt „I like to think it’s because I’m too proud/Too proud too proud too loud/ Some others may say it’s because I’m so tall/ But that doesn’t bother me at all“. Die 1,82 Meter große Sängerin beschreibt sich darin als Frau, die nicht ideal ist, was ihr aber egal ist. Auch sonst definiert sie sich auffällig oft über Verneinungen, wie schon der Albumtitel zeigt. Und sie warnt: „Please don’t mistake me for somebody that cares“.

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Jemand, der sich kümmert, dem nahe geht, was das Gegenüber fühlt – das genaue Gegenteil also von Celestes Zeile – ist ein Kernpunkt der Songtexte von Arlo Parks. Gleich zu Beginn ihres Albums „Collapsed In Sunbeams“ steht mit „Hurt“ eine packende Mutmach-Hymne. Der Refrain lautetet: „I know you can’t let go of anything at the moment just know it would hurt so, won’t hurt so much forever“. Auch „Hope“ und „Black Dog“ handeln davon, Freund*innen in Krisen beizustehen, ihnen klarzumachen, dass sie nicht allein sind.

Mitunter schwingen dabei auch die Angst der Erzählerin durch. Etwa wenn sie in „Black Dog“ – der Titel ist eine Metapher für Depression – ihre Aufheiterungsversuche skizziert, die in einer verzweifelten Aufforderung an die Freundin gipfeln, doch bitte ihre Medikamente zu nehmen und etwas zu essen.

Arlo Parks, 20, singt ihre Gefühle und ihre Generation.Fotos: Charlie Cummings

Ein hoher Empathiefaktor war von Beginn an prägend für die Songs der 20-jährigen Arlo Parks, die als Tochter einer Französin und eines Nigerianers in West-London aufwuchs. Hinzu kommt eine genaue Beobachtungsgabe und das Talent, in wenigen Zeilen anschauliche Szenen zu skizzieren. Etwa wenn sie im Titelsong ihrer ersten EP „Super Sad Generation“ singt: „We’re barking out it’s not hard to see/ Drop three tabs quick in the back of the Prius/ Rainbow crop top, Billie Jean.“

Der Drogengebrauch und die mentale Gesundheit der Generation Z beschäftigen Parks auch auf der zweiten EP „Sophie“ (2019). Sie benutzt seither immer wieder Namen in ihren mitunter wie vertonte Kurzgeschichten wirkenden Songs. Ihr bisheriges Meisterstück ist die hypnotisch groovende Album-Single „Caroline“, in dem sie den dramatischen Streit eines Paares an einer Bushaltestelle beschreibt und irgendwann verwischt, welches „Ich“ hier singt – der verlassene Liebhaber oder doch die Erzählerin.

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Ähnliche Eindringlichkeit erreicht „Eugene“, das davon handelt in die beste Freundin verliebt zu sein und dann zu sehen, wie sie mit einem Jungen abzieht. Den damit verbundenen Schmerz scheint Arlo Parks aus eigener Anschauung zu kennen. Auf ihrer Website beschreibt sie sich als eine Teenagerin, die „zu viel Emo-Musik hörte und sich in ein Mädchen in ihrem Spanischunterricht verliebte“.

Irgendwann brachte sie sich selbst das Gitarrespielen bei, bastelte sich mit eine Computersoftware Beats zusammen und erstellte eigene Songs. Dass Arlo Parks erste Liebe allerdings der Lyrik galt – Gedichte von Silvia Plath und Allen Ginsberg waren ihre Erweckungserlebnisse – merkt man ihrem nach einer Zeile aus Zadie Smiths Roman „On Beauty“ benannten Album an.

So beginnt etwa „Green Eyes“ wie ein verträumtes Liebesgedicht (Summer in my eyelids/ Eating rice and beans/ Painting Kaia’s bedroom/ Think she wanted green, but the weather puts you on my mind) bevor klar wird, dass die Geliebte leider die bösen Blicke der Umgebung nur zwei Monate lang ausgehalten hat.

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Arlo Parks geht es stets zuerst um die Geschichte, dann um den Sound, der bei ihr moderner und reduzierter daherkommt als bei Celeste, bei der vor allem der Wow-Effekt ihrer Stimme im Vordergrund steht. Einige Male stellt sie ihn fast schon angeberisch aus, etwa wenn sie bei „Love Is Back“ oder „Kiss“ gegen Ende mit lang gehaltenen Tönen in einen imaginären Wettbewerb mit Whitney Houston zu treten scheint.

Die kann ja leider nicht mehr antworten, aber vielleicht hört sich Adele „Not Your Muse“ mal an und lässt sich für ihr nächstes Album zu neuen Höchstleistungen inspirieren.