Historiker sehen Kronprinz Wilhelm als Nazi-Helfer

Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) gibt sich kämpferisch: „Die öffentliche Hand wird sich mit dieser Form von Drohungen nicht erpressen lassen.“ Zu Beginn dieser Woche erteilte er im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses dem jüngsten Vorstoß der Familie Hohenzollern, die Länder Berlin und Brandenburg zum Abschluss der seit Jahren geführten Vergleichsverhandlungen über Objekte aus nach 1945 enteigneten Immobilien zu bewegen, eine Absage.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), die ihrerseits bislang darauf gesetzt hatte, das Problem in aller Stille aus der Welt zu schaffen, spielt den Ball nun an die Länder zurück. Am Dienstag gab sie zu verstehen, weitere Verhandlungen seien erst sinnvoll, wenn Brandenburg und Berlin deren Fortsetzung befürworten.

Zuvor hatte sie den Hohenzollern die Verantwortung für das vorläufige Scheitern der Gespräche gegeben: „Alles, was in den jüngsten Wochen und Monaten von den Hohenzollern dazu zu hören war, hat nicht zur Vertrauensbildung beigetragen und auch nicht dazu, die Bereitschaft einer breiten Öffentlichkeit für ein gütliches Miteinander zu erhöhen.“

Es geht um viel. Immerhin sind laut der brandenburgischen Finanzministerin Katrin Lange (SPD), qua Amt für Vermögenswerte des Landes zuständig, nach Einschätzung der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG) etwa 30 Prozent der Kunstgegenstände in den Schlössern von dem Ausgleichsverfahren betroffen.

Das sieht Berlins Senator Lederer entspannt. Die SPSG wie auch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz könnten „natürlich nicht verhindern, wenn die Hohenzollern ihre Leihgaben tatsächlich abziehen“. Die Hohenzollern seien frei, „die Kunstschätze auf ihren Gütern oder Schlössern zu deponieren oder zur Schau zu stellen“.

Kampf um das richtige Gutachten

Lederer betonte im Ausschuss nochmals, dass Entschädigungen ausgeschlossen seien, wenn dem NS-Regime von den Hohenzollern erheblich „Vorschub geleistet“ wurde. Diese Formulierung bezieht sich auf das Ausgleichsleistungsgesetz des Jahres 1994, mit dem die Entschädigung von Enteignungen „auf besatzungsrechtlicher Grundlage“, also aus der Zeit der SBZ von 1945-49, geregelt ist.

Darin heißt es, Ausgleichsleistungen würden nicht gewährt, wenn der Anspruchsteller „dem nationalsozialistischen oder dem kommunistischen System (…) erheblichen Vorschub geleistet hat“.

Seit nun schon einigen Jahren wogt die Diskussion um die Frage des „erheblichen Vorschubs“, geleistet vom seinerzeitigen Familienoberhaupt, dem Kronprinzen Wilhelm. Vier wissenschaftliche Gutachten wurden in Auftrag gegeben und 2011 abgeliefert – aber nicht veröffentlicht.

Diesen merkwürdigen Umstand brachte der Kabarettist Jan Böhmermann ans Licht, als er 2019 die Gutachten im Internet zugänglich machte. Erstellt worden waren zunächst die beiden Gutachten der Historiker Stephan Malinowski und Peter Brandt, denen die Hohenzollern mit Gutachten von Christopher Clark sowie Wolfram Pyta (unter Mitarbeit von Rainer Orth) antworteten. Die beiden erstgenannten Gutachten sahen den Tatbestand der Vorschubleistung als erfüllt an, die beiden anderen relativierten ihn, indem sie ihn als nicht erheblich einstuften.

Kritiker sehen in Wilhelm mehr als nur einen Mitläufer

Darüber setzte eine umfangreiche Fachdebatte unter Historikern ein. Insbesondere erregte die von Pyta vorgebrachte und mit bis dato unbekannten Archivfunden untermauerte These vom Bemühen des Kronprinzen um eine „Querfront“ unter Führung des kurzzeitigen Reichskanzlers Kurt von Schleicher Aufsehen.

Wilhelm habe Ende 1932 die Reichswehr, rechte SPDler sowie „linke“ Nazis um die Gebrüder Strasser zur Verhinderung von Hitler als Reichskanzler zusammenführen wollen. Eine solche, über mehr als einen vagen Einfall hinausgehende Verschwörerei Wilhelms wird von der Fachwissenschaft jedoch durchweg bestritten.

Zur Frage der „Vorschubleistung“ lud kürzlich die Bundestagsfraktion der Grünen zur Videokonferenz. Ihr Mitglied Erhard Grundl brachte das Problem auf die einprägsame Formel: „Wer dem Nationalsozialismus zur Macht verholfen hatte, sollte nicht nachträglich zum Nutznießer werden.“ Aufgeboten waren die Historiker Karina Urbach (Princeton), Eckart Conze (Marburg) und Stephan Malinowski (Edinburgh) sowie die Juristinnen Marietta Auer (Frankfurt/M.) und Sophie Schönberger (Düsseldorf).

Bemerkenswert ist, dass die Historiker den Kronprinzen mittlerweile nicht mehr als bloßen Mitläufer der Nazis auf ihrem Weg zur Macht in den entscheidenden Monaten vor dem 30. Januar 1933 ansehen, sondern als aktiven Unterstützer. Er habe, brachte es Karina Urbach auf eine griffige Formel, „das Motiv, die Mittel und die Gelegenheit“ gehabt, „Vorschub zu leisten“.

Clark hat seine Meinung gründlich überdacht

Stephan Malinowski, der wohl beste Kenner der deutschen Fürstenhäuser in den Jahren ihres Untergangs, verwarf die lange gehegte These, Wilhelm sei eine „unbedeutende Randfigur“ gewesen. Er nennt ihn vielmehr einen „Signalgeber“ von „immenser Sichtbarkeit“. Nicht allein das aktive Handeln, sondern ebenso die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit war demnach von Bedeutung und wurde zielgerichtet eingesetzt.

Auch Eckart Conze betonte „die weitgehende politische und ideologische Übereinstimmung zwischen Kronprinz und Nationalsozialismus“. Dass es keine grundlegenden Unterschiede innerhalb der politischen Rechten gab, betonte der Marburger Historiker: „Konservative und Nazis waren sich einig im Ziel der Zerstörung der Weimarer Republik und der Etablierung einer autoritären Herrschaft“.

Nicht bei der Video-Konferenz dabei, aber mehrfach zitiert war Christopher Clark, Autor des meisterlichen Buches von 2007, „Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600-1947“ . Er hat seine Meinung mittlerweile gründlich überdacht. „In den letzten Jahren“, erklärte Clark im vergangenen November der „FAZ“, sei eine Unmenge an neuem Material zutage gefördert worden. Malinowski habe gezeigt, „wie energisch der Kronprinz gearbeitet hat, auch nach der Machtergreifung, um die Berührungsängste der Konservativen gegenüber den Nationalsozialisten zu überwinden“.

Jedoch gibt Clark zu bedenken, dass die Nazis ab Ende 1932 nicht mehr mit Wilhelm zusammenarbeiten wollten: „Es könnte also sein, dass ausgerechnet der Kronprinz ein Störfaktor für jene Konstellation war, die am Ende die Machtergreifung der Nationalsozialisten ermöglicht hat.“ So verwickelt ist Geschichte, wenn man sie im Detail untersucht.

Die Fachwissenschaft scheint sich einig

Erhard Grundl, als kulturpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion Konferenz-Veranstalter, fand bestätigt, die Wissenschaft habe die Frage der Vorschubleistung eindeutig beantwortet. Es sei nun an den Gerichten, auf Grundlage des Ausgleichsleistungsgesetzes zu entscheiden. Für Grütters, sekundierte Conze, werde der Spielraum für „klandestine Gespräche“ zunehmend enger.

Um so mehr – wäre anzufügen – hat die Öffentlichkeit Anspruch darauf, eine so weitreichende Entscheidung wie die am Eigentum der einst hohenzollernschen Kunstschätze nicht hinter verschlossenen Türen verhandelt, sondern in einem ordentlichen Gerichtsverfahren entschieden zu sehen.

Eine persönliche Lehre hat Clark bereits gezogen. „Als ich mich vor neun Jahren bereit erklärte, mein Gutachten zu schreiben, hieß es, es gehe schlicht um ein paar Landschaftsgemälde und familiäre Erinnerungsstücke“, erklärte er freimütig. „Wenn ich gewusst hätte, welche Ausmaße diese Ansprüche im Lauf der Jahre annehmen würden, hätte ich meine Feder nie dafür zur Verfügung gestellt.“