Herthas blanke Brust soll nicht mehr lange frei bleiben

Als Ingo Schiller im Sommer 1998 zu Hertha BSC stieß und alsbald den kaufmännischen Bereich, die Finanzgeschäfte samt Finanzen, Marketing, Merchandising und Infrastruktur übernahm, prangte auf der Trikotbrust des Berliner Bundesligisten der Schriftzug „C – Die Continentale“. Von 1997 bis 2000 war der Versicherungsverbund Hauptsponsor des Traditionsvereins aus Charlottenburg.

Dieses Unternehmen hatte seinerzeit den Textilhersteller „Trigema“ als Hauptsponsor abgelöst, der lächerliche 350.000 Mark im Jahr zahlte. Herthas damaliger Manager Dieter Hoeneß hatte sich einst mit dem Trigema-Chef Wolfgang Grupp bei einem Kaffee im Kempinski geeinigt. Was Hertha zunächst Geld kostete, brachte dem Verein vom neuen Brustsponsor immerhin sechs Millionen Mark per anno ein.

Diesen Deal habe er „geerbt“, hat Schiller einmal erzählt. Für alles, was danach auf die Brust von Hertha kam, war der heute 55-Jährige als Finanzgeschäftsführer des Vereins zuständig. Bis zur blanken Brust heute.

In der Zwischenzeit haben einige Unternehmen das Hertha-Trikot geschmückt; von Otelo, Arcor, Deutsche Bahn bis hin zum Wettanbieter „bet-at- home.com“. Doch seit Beginn dieser Saison spielt Hertha sozusagen oben ohne.

Zuletzt prangte zum wiederholten Male ein „AHA“ vom Trikot der Berliner, was so viel bedeutet wie „Abstand halten, Hygiene beachten und Alltagsmaske“. Hertha unterstützte damit die Bemühungen zur Eindämmung von Covid-19.

Bis zum Jahresbeginn will Hertha einen neuen Sponsor benannt haben

Bereits im Juli hatte Hertha dem Wunsch des bisherigen Hauptsponsors „Tedi“ (seit 2018) entsprochen und den Discounter aus dem Nonfood-Bereich aus dem eigentlich bis Sommer 2021 laufenden Vertrag entlassen. Gegen eine Abfindungszahlung an Hertha. Von 3,5 Millionen Euro ist die Rede. Tedi hatte im Jahr rund 7,5 Millionen Euro gezahlt.

Dank der Einlagen von Investor Lars Windhorst (bis dato 274 Millionen Euro, 100 weitere Millionen fließen in diesem Geschäftsjahr) fiel Hertha die Entlassung Tedis aus dem bestehenden Vertrag vergleichsweise leicht. Zudem war der Verein zu einem raschen Nachfolgedeal nicht verdammt. Man wolle sich auf keinen Fall unter Preis verkaufen, ist noch heute zu hören.

Allerdings kann Hertha auch die pandemischen Umstände und deren wirtschaftlichen Folgen ringsum nicht ausblenden. Fakt ist, dass die zweite Coronaviruswelle auch Herthas Suche nach einem zahlungskräftigen Sponsor erschwerend beeinflusst. Zu Beginn des kommenden Jahres aber wolle man hier Vollzug melden, wie der Tagesspiegel aus Kreisen der Vereinsführung erfuhr. Derzeit stehe man in Verhandlungen mit Interessenten, einer von ihnen ist das Telekommunikations-Unternehmen „Freenet“.

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Vor einer Woche konnte Hertha die Partnerschaft mit dem Ärmel-Sponsor „Hyundai Motor Deutschland GmbH“ um ein weiteres Jahr bis 2022 verlängern. Nach dem Hauptsponsor und dem Ausrüster ist der Ärmelsponsor der drittwichtigste. Man sei froh mit dem Autobauer aus Fernost „einen starken Partner an unserer Seite und auf unserem Trikot-Ärmel zu haben und wir wissen gerade in Zeiten der Corona-Pandemie dieses Bekenntnis zu Hertha BSC zu schätzen“, sagte Schiller hinterher.

Offen bleibt, wer den freien Platz auf dem Trikot übernehmen wird. Angeblich buhlte Hertha um die Gunst finanzkräftiger Partner wie die Weltkonzerne Tesla und Amazon. Es hieß, ein Deal mit dem Autobauer Tesla, der in Grünheide unweit von Berlin eine neue Fabrik baut, oder dem Onlineversandhandel Amazon könne Hertha bis zu 20 Millionen Euro im Jahr bringen. Doch das seien eher Fantasien von außen gewesen, heißt es bei Hertha. Am 23. Dezember wird das Präsidium von Hertha tagen. Vielleicht ist das ein möglicher Termin für die Bekanntgabe eines neuen Hauptsponsors.

Und doch haben die Monate ohne Trikotsponsor einen positiven Nebeneffekt. Naturgemäß findet das logofreie Trikot riesigen Anklang bei den Fans. Zu hören ist, dass Hertha durch den Verkauf der blanken Trikots bis jetzt einen siebenstelligen Eurobetrag eingenommen hat. Mit dieser signifikanten Mehreinnahme ohne eigenes Zutun kann sich nicht nur Ingo Schiller trösten.