Hertha BSC und die neue Mitte

Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt hat Mattéo Guendouzi, wenn auch vermutlich ungewollt, gleich ein paar alte Klischees bemüht. Zum Beispiel das vom Primat der Körperlichkeit im deutschen Fußball. Kaum hat der eher feingliedrige Franzose Guendouzi ein paar Tage unter der Anleitung der Athletiktrainer von Hertha BSC gearbeitet, schon fühlt er sich „so fit wie lange nicht“.

Viel laufen, Kondition bolzen, wenig Training mit dem Ball – das sind die Achtzigerjahre-Vorurteile, denen sich der deutsche Fußball lange ausgesetzt gesehen hat. So ähnlich war das jetzt auch bei Guendouzi, den der Berliner Bundesligist Anfang des Monats vom FC Arsenal ausgeliehen hat. Wobei man der Fairness halber ergänzen muss, dass der Mittelfeldspieler schon deshalb nicht mit dem Ball trainieren konnte, weil er sich mit dem Coronavirus infiziert hatte und elf Tage in häuslicher Quarantäne verbringen musste.

[Mehr guten Sport aus lokaler Sicht finden Sie – wie auch Politik und Kultur – in unseren Leute-Newslettern aus den zwölf Berliner Bezirken. Hier kostenlos zu bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Seit Anfang dieser Woche steht Guendouzi nun zusammen mit seinen neuen Kollegen auf dem Platz, und schon jetzt lässt sich feststellen: Über Körperlichkeit definiert er sich als Fußballer ganz sicher nicht. Ballsicher und technisch gut sei er, sagt Bruno Labbadia, Herthas Trainer, über den 21-Jährigen. „Er spielt einfach. Einfach in dem Sinn, dass es einfach gut ist.

Am Sonntag, im Heimspiel gegen Wolfsburg, wäre für Labbadia die erste Gelegenheit, sich unter Wettkampfbedingungen ein Bild von Mattéo Guendouzi zu machen. Ob er es tut, weiß Herthas Trainer womöglich selbst noch nicht. „Er macht einen ordentlichen Eindruck“, sagt Labbadia. „Aber es ist schwer einzuschätzen, wo er genau steht.“ Weil Guendouzi seit Ende Juni lediglich zwei Mal für die französische U 21 gespielt hat und für Arsenal zuletzt jedoch gar nicht mehr zum Einsatz gekommen ist, mangelt es ihm derzeit an Spielpraxis.

Die Konkurrenz im Mittelfeld ist schon jetzt nicht ohne

Unabhängig davon, ob Guendouzi am Sonntag in der Startelf stehen, von der Bank kommen oder noch gar nicht spielen wird: Über kurz oder lang wird er seinen Weg in die Mannschaft schon finden und Trainer Labbadia damit eine Option mehr zur Verfügung haben. Dabei ist der Konkurrenzkampf im zentralen Mittelfeld schon jetzt nicht ohne.

In der Hälfte aller Pflichtspiele dieser Saison hat Labbadia seine Mannschaft im 4-4-2-System mit Raute aufs Feld geschickt. Das hat den Vorteil, dass er nicht nur zwei seiner drei zentralen Stürmer (Jhon Cordoba, Dodi Lukebakio und Krzysztof Piatek) aufbieten kann, sondern auch vier zentrale Mittelfeldspieler anstatt nur drei. Matheus Cunha hat in dieser Saison zwar schon im Sturm gespielt (in Braunschweig) und auch auf der offensiven Außenbahn (gegen den VfB Stuttgart), die ideale Position des Brasilianers aber ist die des Zehners im Schatten des Sturms. Geht man davon aus, dass Cunha für diese Rolle gesetzt ist, bleibt im 4-4-2 immerhin noch Platz für einen echten Sechser sowie zwei Achter. Im 4-3-3 oder 4-2-3-1 wären es hingegen nur noch zwei Positionen im zentralen Mittelfeld.

Mattéo Guendouzi fühlt sich nach eigener Aussage sowohl auf der Sechs als auch auf der Acht wohl, „weil ich da häufig am Ball bin und viel Spielfeld vor mir habe“. So ähnlich trifft das auch auf die meisten seiner internen Konkurrenten bei Hertha BSC zu. Labbadia fehlt im Portfolio ein Spieler, der seine erste Bestimmung zwar darin sieht, die Lücken vor der Viererkette zu stopfen, der aber darüber hinaus die strategischen Fähigkeiten mitbringt, das Spiel von hinten heraus aufzubauen. Zuletzt hat Niklas Stark in dieser Rolle ausgeholfen; als gelernter Innenverteidiger liegen seine Stärken allerdings eindeutig in der Defensive. Bei Santiago Ascacibar, der nach seiner Verletzung für das Spiel in Wolfsburg noch nicht zur Verfügung steht, sieht es ähnlich aus

Für Vladimir Darida könnte es schwer werden

Alle anderen Kandidaten – neben Guendouzi dessen Landsmann Lucas Tousart, Vladimir Darida, Eduard Löwen und Maximilian Mittelstädt – erfüllen eher das Profil eines Achters, der sich auf den Halbpositionen und damit zwischen den Linien bewegt. Nur für zwei dieser fünf wird Labbadia künftig einen Platz finden. Tousart, Herthas teuerste Verpflichtung der Vereinsgeschichte, stand bisher in jedem der sechs Pflichtspiele vom Anfang bis zum Ende auf dem Platz. Labbadia schätzt ihn, „weil er eine Mannschaft mitreißen kann, auch über seine Körperlichkeit“. Und von Guendouzi mit seiner Passsicherheit und Präsenz erhofft er sich, „dass er das Spiel ein Stück weit lenken kann“.

Im Umkehrschluss heißt das: Vladimir Darida, der in der schwierigen Vorsaison der einzige durchweg stabile Spieler Herthas war, könnte es fortan ungleich schwerer haben, seinen Platz in der Stammelf zu behaupten. Und Eduard Löwen hat sich seine Rückkehr nach Berlin vermutlich auch anders vorgestellt. Hertha hat ihn Anfang des Monats explizit als Ersatz für den nach Bielefeld verliehenen Arne Maier aus Augsburg zurückgeholt. Und tatsächlich nimmt Löwen jetzt genau den Platz ein, den Maier zuvor besetzt hatte. Den auf der Ersatzbank.