Hertha BSC und der kreative Mangel

Dass Bruno Labbadia gegenüber seiner Mannschaft große Nachsicht walten ließ, war weniger von vorweihnachtlicher Milde geprägt. Sein Sanftmut resultierte vor allem aus seinem ausgeprägten Realismus. Ja, das hatte wirklich nicht schön ausgesehen, was Hertha BSC unter der Woche auf dem ramponierten Rasen im Berliner Olympiastadion dargeboten hat. Aber: „Wenn ich das Gefühl gehabt hätte, die Mannschaft wollte nicht, dann wäre ich kritisch geworden“, sagte Bruno Labbadia nach dem 0:0 gegen den Abstiegskandidaten Mainz 05.

Die Mannschaft wollte, sie konnte nur nicht. Eine besonders schöne Erkenntnis ist auch das nicht. Und neu ist sie noch viel weniger.

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Die Begegnung mit den Mainzern hat noch einmal gezeigt, dass es Hertha BSC im Offensivspiel an Kreativität mangelt, an der Fähigkeit, selbst gestaltend tätig zu werden, anstatt nur auf den Gegner zu reagieren – gerade gegen Mannschaften, die es in erster Linie auf die Verteidigung des eigenen Tores anlegen und daher extrem tief stehen, so wie es Mainz 05 in Berlin getan hat.

Gegen spielstärkere Mannschaften tut sich Hertha deutlich leichter. Das ist schon die ganze Saison hindurch zu erkennen. Nicht immer waren die Bemühungen gegen die Top-Teams der Fußball-Bundesliga von Erfolg gekrönt, aber gegen Bayern, Leipzig, Wolfsburg, Leverkusen, Mönchengladbach und – wenigstens in der ersten Halbzeit – auch Dortmund verdiente sich Labbadias Mannschaft zumindest gute Haltungsnoten.

Gegen tiefstehende Gegner tut sich Hertha schwer

Gegen die Mainzer mit ihrer Fünferkette in letzter Linie war Herthas Offensivspiel hingegen von einer derart erschreckenden Einfalls- und Harmlosigkeit, dass die „Süddeutsche Zeitung“ darin „eine einzige Bewerbung um den Friedensnobelpreis“ erkannte. Torhüter Robin Zentner bekam keinen einzigen Ball auf sein Tor.

Der vermeintliche Vorteil, dass Hertha die starken Gegner schon hinter sich hat, ist vielleicht gar keiner. Nach dem Auswärtsspiel beim Tabellenelften Freiburg an diesem Sonntag (15.30 Uhr, live bei Sky) trifft Hertha zu Beginn des neuen Jahres auf Schalke (18.), Bielefeld (16.) und Köln (15.). Nach dem Auftritt gegen Mainz 05 klingt das nicht mehr so verheißungsvoll wie noch vor einer Woche.

„Ich weiß, wie schwer es ist, gegen einen tiefstehenden Gegner zu spielen“, sagt Labbadia. Gegen die Mainzer klagte er über zu wenig Tempo und zu wenige Läufe in die Tiefe. Er vermisste das Kommen und Gehen, „wir hatten zu viele Leute im Zentrum ohne Bewegung“. Herthas Trainer ließ sein Team im 4-3-3-System spielen, verzichtete darauf, Matheus Cunha als echten Zehner aufzubieten. Der Brasilianer verfügt zweifellos über eine ausgeprägte kreative Ader, wirkte zuletzt allerdings auch leicht reizbar, wenn es nicht so läuft, wie er sich das vorstellt. Und genau dann offenbart sich auf ungesunde Weise, wie sehr Hertha von Cunhas Ideen abhängig ist.

Wird Hertha BSC im Januar auf dem Transfermarkt tätig?

Vor dem abschließenden Bundesligaspiel in Freiburg hat Labbadia sich mit seinem Trainerteam noch einmal einige Szenen aus der faden Begegnung gegen Mainz angeschaut – in der Hoffnung, Erkenntnisse für den Jahresabschluss im Breisgau zu gewinnen. „Wir müssen besser erkennen, wann wir wohin spielen und wann wir schneller und direkt spielen müssen“, sagt Labbadia. „Und dann müssen wir den Ball auch in den Raum spielen. Aber ehrlicherweise haben wir die Spieler noch nicht, die diese Räume auch sehen.“

Mario Götze wäre vielleicht ein solcher Spieler gewesen. Der frühere Dortmunder ist über Monate als potenzieller Zugang der Berliner gehandelt worden; doch letztlich überwogen bei Labbadia die Zweifel, ob Götze nach einem Jahr fast ohne Spielpraxis tatsächlich eine Verstärkung für Hertha sein könnte. Möglich wäre es, im Winter noch einmal auf dem Transfermarkt tätig zu werden. Ein Außenbahnspieler soll bei den Berlinern ganz oben stehen. Bei dessen Verpflichtung würde Cunha für eine zentrale Position frei.

Gegen Freiburg aber wird es das vorhandene Personal richten müssen. Vladimir Darida wird wohl in die Startelf zurückkehren, ein Spieler, der sich laut Labbadia dadurch auszeichnet, „dass er immer wieder auch ohne Ball in die Tiefe geht“. Zudem werden die Freiburger im eigenen Stadion ganz sicher nicht so ultradefensiv auftreten, wie es Mainz am Dienstag in Berlin getan hat. „Es wird ein komplett anderes, ein offeneres Spiel“, sagt Labbadia. „Leichter wird es auf keinen Fall.“