Hertha BSC hat Überzahl, aber kein Übergewicht

Abstiegskampf ist eine Angelegenheit, die vollen Körpereinsatz verlangt und manchmal ganz schon weh tut. Alassane Plea, der Stürmer von Borussia Mönchengladbach, hat diese Erfahrung am Samstag im Berliner Olympiastadion gemacht. Gegen Hertha BSC waren gerade erst ein paar Sekunden gespielt, da musste der Franzose einen Bodycheck von Herthas Rechtsverteidiger Deyovaisio Zeefuik einstecken. Plea ging erst einmal zu Boden.

An Eifer fehlte es Hertha nicht. Aber Abstiegskampf ist eben auch Kopfsache, und vor allem in der ersten Halbzeit mangelte es den Berlinern an einem kühlen Verstand. Sie machten die Sache komplizierter als nötig. Und so reichte es trotz mehr als 75 Minuten in Überzahl nur zu einem Punkt, der beiden Teams in der derzeitigen Situation nicht richtig weiter hilft. Trotzdem können die Gäste, die noch auf einen Europapokalplatz schielen, mit dem 2.2 (1:2) deutlich besser leben. „Von der kämpferischen Leistung war es ein großes Spiel von uns“, sagte Borussias Mittelfeldspieler Christoph Kramer.

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Die Berliner hingegen verpassten es, im Abstiegskampf einen entscheidenden Schritt nach vorne zu machen. „Jeder, der die Tabelle lesen kann, weiß, dass wir heute einen Sieg gebraucht hätten“, sagte Herthas Kapitän Niklas Stark. „Das ist bitter. Das ist schade. Damit muss man jetzt leben.“

Dabei entwickelten sich die Dinge für Hertha eigentlich früh in die richtige Richtung. Nach einer knappen Viertelstunde versuchte Yann Sommer einen weiten Pass von Marton Dardai abzugrätschen, doch Gladbachs Torhüter erwischte kurz vor seinem Strafraum nicht den Ball, sondern das Schienbein von Jhon Cordoba und sah dafür die Rote Karte.

Es kam sogar noch besser für Hertha: Eine Überzahl ist nicht immer automatisch ein Vorteil, wenn man sie nicht klug ausspielt. Die Berliner aber machten es in den ersten Minuten nach dem Platzverweis gut, setzten Gladbach unter Druck und verwerteten gleich ihre erste Chancezur Führung. Santiago Ascacibar, der für den gelbgesperrten Tousart in die Startelf gekommen war, traf mit einem Schlenzer aus 18 Metern zum 1:0. Sommers Vertreter Tobias Sippel streckte sich, konnte das erste Bundesligator des Argentiniers aber nicht verhindern.

Cordoba scheitert aus kurzer Distanz

1:0 in Führung, ein Mann mehr auf dem Platz. „Damit sind wir nicht gut klargekommen“, sagte Herthas Trainer Pal Dardai. Seine Mannschaft versäumte es in der Folge, die Angelegenheit vorzeitig für sich zu entscheiden. Cordoba scheiterte aus kurzer Distanz mit einem Kopfball an Sippel, nach einer knappen halben Stunde versuchte es Dodi Lukebakio fast von der Torauslinie mit einem Schuss ins kurze Eck. Doch Gladbachs Nummer zwei rettete mit einer Fußabwehr.

Zu diesem Zeitpunkt stand es allerdings schon 1:1, weil Hertha zu sorglos mit der Führung umgegangen war. Ein Pass von Marcus Thuram in die Tiefe genügte, um die gesamte Defensive der Berliner zu überspielen. Plea traf mit einem platzierten Schuss ins lange Eck zum Ausgleich. Und zehn Minuten später sollte es sogar noch ärger kommen. Stark brachte im Strafraum Thuram zu Fall. Den daraus resultierenden Elfmeter verwandelte Borussias Kapitän Lars Stindl zum 2:1 für die Borussia. „Bis zur Halbzeit Chaos“, fasste Dardai den Auftritt seiner Mannschaft später zusammen. Von der Seitenlinie schimpfte er in Richtung seiner Spieler: „Ihr seid naiv!“

Das erlösende dritte Tor wollte nicht mehr fallen

Der Ungar reagierte in der Pause. Gleich dreimal wechselte er. Marvin Plattenhardt und Nemanja Radonjic kamen für die beiden bereits verwarnten Außenverteidiger Zeefuik und Mittelstädt, Krzystof Piatek ersetzte Lukebakio und spielte als zweiter echter Stürmer neben Cordoba. Die erste Gelegenheit nur vier Minuten nach Wiederanpfiff hatte aber keiner der Neuen, sondern erneut Ascacibar. Wieder versuchte er es aus der Distanz, weil die Gladbacher wie schon vor dem 1:0 den Sechserraum erneut nicht besetzt hatten. Diesmal parierte Sippel, doch im Nachsetzen traf Cordoba zum 2:2. Oder doch nicht? Der Schiedsrichter annullierte den Treffer umgehend, weil der Kolumbianer bei der Hereingabe von Matheus Cunha im Abseits gestanden haben soll. Der Videoassistent übernahm den Fall –und entschied nach einer mittleren Ewigkeit: Kein Abseits. Der Treffer zählte.

So dürfte Dardai sich das vorgestellt haben. Der frühe Ausgleich verlieh dem Spiel seiner Mannschaft zusätzlichen Schwung. Hertha drängte nun. Hertha besetzte die Positionen gut, machte das Spiel breit, arbeitete im Verbund gegen den Ball und erhöhte damit den Stresslevel für die Gäste. „Es hat nicht schlecht funktioniert“, sagte Stark. Nur mit dem erlösenden dritten Tor wollte es nicht mehr klappen.