Hertha BSC fehlt das Glück in der Offensive

Diesen Blick kennen sie bei Hertha BSC zur Genüge. Irgendwas zwischen leidend und verzweifelnd. Dass John Anthony Brooks diesen Blick am Sonntag um kurz nach sechs auf seinem Gesicht trug, war ein gutes Zeichen für Hertha. Der gebürtige Berliner spielt inzwischen für den VfL Wolfsburg, und als er seinen Weltschmerzblick auflegte, war er mit seiner aktuellen Mannschaft gerade gegen seine frühere Mannschaft in Rückstand geraten.

Am Ende des Spiels allerdings waren Leid und Verzweiflung eher auf Seiten von Hertha BSC zu finden. Durch ein 1:1 (1:1) beendeten die Berliner zwar ihre Serie von vier Niederlagen in der Fußball-Bundesliga. Auf den ersten Heimsieg in dieser Saison aber muss Hertha weiter warten. Dabei wäre der nach einer engagierten Leistung vor allem in der zweiten Hälfte durchaus möglich gewesen. „Wir haben gute Aktionen gehabt“, sagte Innenverteidiger Niklas Stark. „Es wäre schon verdient gewesen, mit einem Dreier nach Hause zu gehen.“

Herthas Trainer Bruno Labbadia bot gegen seinen Ex-Klub dieselbe Startelf auf wie vor einer Woche beim Auswärtsspiel in Leipzig, er formatierte sie allerdings in einem anderen System. Lucas Tousart bildete diesmal mit Niklas Stark eine Doppelsechs, der laufstarke Vladimir Darida spielte auf der Zehn. Dodi Lukebakio und Matheus Cunha besetzten die offensiven Außenpositionen.

Es dauerte nicht lange, bis Hertha die erste Schrecksekunde zu überstehen hatte. Nicht mal drei Minuten waren gespielt, als der Ball erstmals im Tor der Berliner landete. Doch sowohl Torschütze Maximilian Philipp, wie Brooks in Herthas Jugend ausgebildet, als auch Vorbereiter Wout Weghorst hatten im Abseits gestanden. Der Treffer zählte zurecht nicht.

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Die Wolfsburger haben eine der besten Defensiven der Liga; bis zum Auftritt im menschenleeren Olympiastadion hatten sie erst drei Gegentore in dieser Saison kassiert. Man braucht neben guter Vorbereitung also auch ein bisschen Glück, um gegen sie zu treffen. So wie nach etwas mehr als fünf Minuten, als Lucas Tousart mit einem feinen Diagonalball die Defensive des VfL auseinanderriss und Dodi Lukebakio in die Mitte passte. So weit die gute Vorbereitung. Beim Abschluss aber rutschte Matheus Cunha auf dem Rasen weg. Er schlidderte den Ball gewissermaßen aufs Tor – und zwar so präzise, dass Wolfsburgs Torhüter Koen Casteels sich vergebens streckte.

Bei den Auswärtsspielen in Freiburg und Gladbach war der VfL ebenfalls in Rückstand geraten – und hatte am Ende jeweils 1:1 gespielt. Auch im Olympiastadion ließ sich die Mannschaft von dem 0:1 nicht lange beirren. Ihm folgte eine Phase, in der die Wolfsburger Hertha nachhaltig unter Druck setzten. Nur eine knappe Viertelstunde währte die Führung der Berliner, dann ließen Stark und Dedryck Boyata auf der rechten Abwehrseite Maximilian Philipp laufen. Dessen Hereingabe vollendete Riedle Baku mit einem wuchtigen Schuss von der Strafraumgrenze zum 1:1.

Erst nach dem Ausgleich fand Hertha zurück ins Spiel. Wieder einmal war es vor allem Cunha, der seine Mannschaft vorantrieb. Und kurz vor der Pause schien sich den Berlinern die große Chance zu eröffnen, mit einer Führung in die Halbzeit zu gehen. Schiedsrichter Martin Petersen entschied auf Elfmeter für Hertha, nachdem Innenverteidiger Omar Alderete herzerweichend geschrien und sich den Kopf gehalten hatte. Die Fernsehbilder zeigten jedoch zweifelsfrei, dass Wout Weghorst Alderete gar nicht berührt hatte. Petersen revidierte seine Entscheidung.

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Nach der Pause ging Hertha deutlich entschlossener zu Werke und erhöhte durch intensives Pressing den Stress für die Wolfsburger. „Wir haben viel höher geschoben und das Spiel extrem in die Hand genommen“, sagte Labbadia. Die beste Gelegenheit eröffnete sich seinem Team jedoch nach einem zielstrebig vorgetragenen Konter. Jhon Cordoba verlagerte mit einem langen Ball auf Lukebakio, der mit seinem Schuss allerdings am Knie von Torhüter Koen Casteels scheiterte.

Eine knappe Stunde war vorüber, als Labbadia Mattéo Guendouzi zu seinem Bundesligadabüt aufs Feld schickte. Der Franzose ersetzte seinen Landsmann Tousart, der schon in der Pause über Schmerzen am Knie geklagt hatte. Guendouzi zeigte genau die Fähigkeiten, die Labbadia ihm nachgesagt hatte: Er war gleich im Spiel, präsent, ball- und passsicher. „Er hat unserem Spiel eine Note gegeben, die wir brauchen“, sagte Herthas Trainer. „Das hat uns gutgetan.“

Guendouzi, Leihgabe vom FC Arsenal, trug dazu bei, dass die Berliner insgesamt mehr vom Spiel hatten. Hertha war dem Sieg näher, hatte nach einem Ballgewinn des unermüdlichen Cunha die große Chance zum 2:1. Vier Berliner Angreifern standen nur noch zwei Wolfsburger Verteidiger gegenüber. Doch Cordobas Schuss wurde gerade noch geblockt.

Zuletzt haben sich die Berliner immer wieder durch defensive Fehler um den Lohn ihrer Mühen gebracht. Gegen Wolfsburg war das kein Problem. Das Problem war eher, dass Hertha die Kaltschnäuzigkeit fehlte. „Manchmal ist es beschwerlich, wenn man wie wir nicht gerade das Glück gepachtet hat“, sagte Labbadia.