Hertha BSC dreht das Derby in Überzahl

Bruno Labbadia spürte keine Kälte mehr. Seinen sandfarbenen Mantel trug der 54-Jährige im ungemütlich kalten Olympiastadion längst offen. Herthas Trainer fieberte förmlich mit. Immer wieder trieb er seine Mannschaft laut und gestenreich nach vorne. Würde es doch noch etwas werden mit einem so ersehnten Derbysieg über den 1. FC Union?

Wurde es. Wegen eines späten Doppelschlags des eingewechselten Krzysztof Piatek. Am Ende hieß es verdientermaßen 3:1 (0:1) für den Charlottenburger Bundesligisten, der im fünften Anlauf den ersten und sehr wichtigen Heimsieg der Spielzeit feierte.

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Der Gast aus Köpenick, der in der Tabelle vor Hertha BSC bleibt, war in einem brisanten, aber fußballerisch mauen Stadtduell früh in Führung gegangen. Doch der 1. FC Union spielte mehr als eine Stunde in Unterzahl. Zu Beginn der zweiten Hälfte hatte Hertha ausgeglichen und lief fortan gegen das Tor der Gäste an, die bis dahin in acht Spielen unbesiegt waren.

Beim bisher letzten Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften im Mai siegte Hertha noch mit 4:0 im ebenfalls zuschauerlosen Olympiastadion. Doch danach sah es am Freitagabend lange nicht aus.

Mitte der ersten Hälfte nach das Spiel Fahrt auf

Mitte der ersten Halbzeit nahm das Derby langsam an Fahrt auf. Eher aus dem Nichts heraus kam Unions Marcus Ingvartsen kurz vor Herthas Strafraumgrenze an den Ball. Was der Däne mit diesem anstellte, war grandios. Er wackelte zwei Herthaner aus und steckte den Ball dann im richtigen Moment durch zu Taiwo Awoniyi, der ins lange Eck abzog. Herthas Torwart Alexander Schwolow war zwar noch mit den Fingerspitzen dran, konnte den Rückstand aber nicht verhindern.

Nur wenig später hatte dann Robert Andrich seinen Auftritt, allerdings anders als gewollt. Unions zentraler Mittelfeldspieler ging mit zu hohem Bein, die Sohle voraus, in einen Zweikampf mit Lucas Tousart. Andrich traf Herthas Franzosen am Hals. Schiedsrichter Felix Brych zückte die Rote Karte.

Andrich hatte bereits zuvor mehrmals mit größer Härte auf sich aufmerksam gemacht, in der Anfangszeit war er Matteo Guendouzi und Matheus Cunha auffallend rüde angegangen. Bis hierhin lebte das Stadtduell von der Intensität und vom Engagement auf beiden Seiten. Nicht aber von der spielerischen Klasse – ein Derby halt.

Hertha zog zunächst keinen Vorteil aus der Überzahl

Hertha konnte bis zum Halbzeitpfiff keinen Nutzen aus der Überzahl ziehen. Der Gastgeber war feldüberlegen, hatte mehr Ballbesitz und gewann mehr Zweikämpfe, doch im letzten Drittel war Hertha zu ideenlos und umständlich. Eine halbwegs gute Chance ergab sich nach einer Ecke fünf Minuten vor der Pause für Dodi Lukebakio. Doch mit dessen Kopfball hatte Andreas Luthe keine Mühe.

Im Vergleich zum 0:0 in Leverkusen in der Vorwoche hatte Herthas Trainer Bruno Labbadia zwei Wechsel vorgenommen. Für den noch nicht ganz fitten Omar Alderete war Jordan Torunarigha in die Startelf gerückt. Dort fand sich auch Tousart wieder, der Krzysztof Piatek auf die Bank verdrängte. Gäste-Trainer Urs Fischer nahm nur eine Veränderung zum 3:3 gegen Frankfurt vor. Der defensivere Julian Ryerson ersetzte Sheraldo Becker.

Die Gäste setzten auf eine stabile Defensive mit einer Fünferkette, wenn Hertha im Ballbesitz war. Erst recht in Unterzahl. Union lauerte auf Konter. Erneut zeigte sich, dass Hertha Probleme hat, das Spiel zu machen. Mit Beginn der zweiten Hälfte reagierte Labbadia. Für Vladimir Darida und Tousart brachte er die Angreifer Piatek und Javairo Dilrosun.

Labbadias Wechsel zahlten sich aus

Und das machte sich auch bemerkbar. Hertha wirkte nun etwas variabler. Und doch war es Rechtsverteidiger Peter Pekarik, der rasch nach Wiederbeginn die schmeichelhafte Führung der Unioner egalisierte. Vorausgegangen war ein Distanzschuss von Matheus Cunha. Den Ball konnte Unions Torwart Luthe nur nach vorn ins Spielfeld abwehren, wo Pekarik frei zum Nachschuss ansetzen und sein zweites Saisontor erzielen konnte.

Das Spiel war nun wieder offen. Und nun reagierte Unions Trainer Fischer. Für den Torschützen Awoniyi kam Sebastian Griesbeck. Doch Hertha blieb am Drücker und überlegen – allerdings lange Zeit ohne echte Torgefahr ausstrahlen zu können. Am Ende musste der Gast ein bisschen mithelfen. Eine Viertelstunde vor dem Abpfiff ging Hertha mit 2:1 in Führung. Dilrosun passte in die Mitte, wo Piatek sich um seine Achse drehte und den Fuß von Ryerson traf, von wo der Ball unhaltbar ins Tor abgelenkt wurde.

Wenig später schlug Piatek erneut zu. Wieder leistete Dilrosun die Vorarbeit, wieder kam der Pole zentral im Strafraum zum Abschluss, der damit zum ersten Mal in der Bundesliga zwei Tore in einem Spiel erzielte.