Hertha BSC befindet sich im Rückwärtsgang

Pal Dardai hatte im Derby eine Mannschaft gesehen, die von Anfang an voll da war. Die den Gegner unter Druck setzte und zu Fehlern zwang. Die in den Zweikämpfen bissig war. Das Problem aus Sicht des Trainers von Hertha BSC: Diese Mannschaft war der 1. FC Union. „Genau das, was Union gemacht hat, wollten wir machen“, sagte Dardai am Montagvormittag und war immer noch bedient: „Sehr, sehr viele Dinge haben mir nicht gefallen.“

Die ersten 25 Minuten seien „katastrophal“ gewesen. Statt nur 0:1 durch Robert Andrich hätte es 0:2 stehen können. Die von Dardai schon öfter angesprochenen „Chaosmomente“, die die Mannschaft deutlich reduziert hatte, tauchten wieder auf. Es brauchte erst einen Weckruf in Form einiger Tumulte, nachdem Mattéo Guendouzi und Unions Grischa Prömel aneinandergeraten waren.

Danach war Hertha im Spiel. Allerdings erneut nur für eine überschaubare Zeitspanne – bis zur Halbzeit. So war das Beste im Stadion An der Alten Försterei aus Sicht der Gäste das Ergebnis: 1:1, Dodi Lukebakio verwandelte in der 35. Minute einen Foulelfmeter. „Schlecht gespielt, 1 Punkt mitgenommen! Punkt!“, schrieb Sportdirektor Arne Friedrich bei Twitter. Dardai konnte mit dem Punkt ebenfalls gut leben.

Da auch die unmittelbaren Konkurrenten im Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga ohne Sieg blieben, ist in der Tabelle nichts passiert. Vom 1. FC Köln hat sich Hertha sogar einen weiteren Punkt abgesetzt.

Aber weitergebracht hat Hertha dieses Spiel nicht. Es war eher ein Rückschritt. „Die ganze zweite Halbzeit kannst du vergessen“, sagte Dardai nach dem Abpfiff und holte noch weiter aus: „Das ganze Spiel müssen wir schnell vergessen.“ Doch eigentlich sieht der Trainer für die anstehende Woche jede Menge Redebedarf. Er kündigte „interaktive Gespräche“ an. In diesen will Dardai herausfinden, warum die Mannschaft nicht das umgesetzt hat, was ausgemacht war. Nämlich das, was der Gegner zumindest in der Anfangsphase perfekt praktiziert hatte.

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Danach war auch Union war weit weg von überragend. Aber besonders nach der Pause reichte es, um das Spiel gegen eine offensiv nicht mehr stattfindende Hertha-Mannschaft komplett zu dominieren. Positiv war für die Gäste nur der Fakt, dass die Abwehr abgesehen von den ersten 15 Minuten sicher stand.

Der – in spielerischer Hinsicht – Rückfall in die tristen Zeiten der Saison kam einigermaßen überraschend, da Hertha vor zwei Wochen gegen Leverkusen sehr überzeugend aufgetreten war. Die Bremse im Kopf schien gelöst worden zu sein. Stattdessen sagte Kapitän Niklas Stark nun: „Das war nicht unser bestes Spiel. Das werden wir noch analysieren.“

Komplette Blockade

Und Torwart Alexander Schwolow, der den wegen eines positiven Coronatests fehlenden Rune Jarstein gut vertrat, stellte fest: „Wir sind in der zweiten Halbzeit gefühlt nur hinterhergelaufen und haben fast jeden Ball verloren.“ Dardai war das Spiel seiner Mannschaft viel zu kompliziert, „alle waren völlig blockiert.“

Warum das so war, darauf hatte niemand eine richtige Antwort. Im Scherz nannte der Trainer das ohrenbetäubend laute Feuerwerk der Union-Fans zu Beginn des Geisterspiels: „Als Ausrede ist das nicht schlecht.“

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Ernster vermutete er, dass die Spieler vielleicht auf die Tabelle geguckt und die Chance gesehen hätten, mit einem Sieg einen guten Schritt raus aus dem Abstiegssumpf zu machen. Schwolow sagte: „In den Tabellenregionen, in denen Union unterwegs ist, kann man etwas gelassener spielen.“ Der Kopf, der Druck des Abstiegskampfes, die alten Probleme waren wieder da.

Nun bleiben bis zum Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach am Samstag einige Tage für eine erneute Wandlung, zurück zur Form von vor zwei Wochen. „Wenn wir es schaffen, eine Leistung wie gegen Leverkusen abzurufen und jeder mitmacht, dann sind wir eine richtig gute Mannschaft“, sagte Stark.

Gegen Gladbach fehlen wird wegen einer Gelbsperre der defensive Mittelfeldspieler Lucas Tousart. Sami Khedira absolvierte am Sonntag an seinem 34. Geburtstag einen Kurzeinsatz nach überstandenem Muskelfaserriss, ein Kandidat für die Startelf gegen Gladbach ist er nicht. Den Platz dürfte Santiago Ascacibar einnehmen.