Heroische Zeiten

Die Siebziger des 20. Jahrhunderts gehören zu den Jahrzehnten, die deutlich länger waren als andere, weil produktiver. Sie begannen bereits um 1967/68 und endeten auch nicht gleich in den Achtzigern. Besonders ausgedehnt und ergiebig war David Bowies Zeit in Berlin 1976 bis 1978. The West at it’s best! Schöneberg war nie schöner als damals. Bowie im Dschungel, Bowie zu Gast im Anderen Ufer, Bowie mit Iggy Pop unterwegs in einer Stadt, die noch weniger schlief als New York. Etliche Bücher, Dokus und was nicht alles beschäftigen sich mit den „Heroes“ für einen Tag, die Bowie besang. Aufgenommen wurde die Hymne in den Hansa Studios.

Bowie wohnte in der Hauptstraße, er war auf der Suche nach einem Berlin, das es schon nicht mehr gab – nach den Zwanzigern und ihrer kühlen, wilden Kunst. Wie sehr deutsche Kultur ihn faszinierte und beeinflusste, war dann viel später in der großen Bowie-Schau des Victoria and Albert Museum zu sehen, die auch in Berlin gastierte.

Avantgarde in Kreuzberg am Ufer

Die jüngste Bowie-Reliquie ist ein Album mit dem Titel „Cafe Exil: New Adventures in European Music 1972-1980“ (Ace Records). Eine Kompilation der Platten, die David und Iggy und all ihre Künstlerfreunde seinerzeit im Exil am Paul-Lincke-Ufer gehört haben könnten. Alles ziemlich abgedrehtes Zeug, vor allem Klassiker wie Amon Düül II, Popol Vuh und Michael Rother. Deutscher Intelligenz-Pop.

Das Exil mit seinem legendären Patron Oswald Wiener ist längst Geschichte. Martin Kippenberger, Helmut Newton, Dieter Roth arbeiteten dort mit am Mythos. Kunst und Literatur und die letzten Ausläufer der Bohème, da fühlte sich Bowie wohl. Das Wort Avantgarde hatte noch einen Sinn. Und die Mauer stand fest wie ein Gottesurteil zur deutschen Geschichte. Jedenfalls glaubte man das damals. In ihrem Schatten lebten die Künstler im Westen nicht schlecht. Auf den Bildern der Neuen Wilden dröhnte Sex and Drugs and Rock’n’Roll. Rainer Fetting, Luciano Castelli, Salomé machten Action und malten ihre künftigen Klischees gleich mit.

David Bowie hatte da Berlin schon wieder verlassen. Und die Zahl derer, die ihn kannten und gesehen hatten im Nachtleben der geteilten Stadt, wuchs und wuchs. Und anno 2020 ist es immer noch nicht genug, gibt es dieses Album, das mit einem außerordentlichen Cover lockt. Zu sehen ist da nicht Schöneberg und auch kein Kreuzberger Motiv, sondern der Bierpinsel in Steglitz, rot und provozierend, ein Raumschiff, das 1976 in West-Berlin landete mit Major Tom als blindem Passagier. Es waren heroische Zeiten, zweifellos, immer wieder gut für einen Retro-Trip.