Heinrich Mann sollte uns heute ein Vorbild sein

Der Autor ist Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Am Donnerstag sprach Frank-Walter Steinmeier bei einer Heinrich-Mann-Veranstaltung in der Akademie der Künste Berlin.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Berliner Akademie der Künste einen Festakt zu Ehren von Heinrich Mann ausrichtet. Im März 1931 lud sie ein in ihre Räume am Pariser Platz, um dem frisch gewählten Vorsitzenden ihrer Sektion für Dichtkunst zu seinem 60. Geburtstag zu gratulieren.

Unter den Gästen waren damals Ricarda Huch und Alfred Döblin, die Redner hießen Max Liebermann, Adolf Grimme und Thomas Mann. Sie würdigten den Jubilar als modernen Künstler und „heimlichen Politiker“, als „Grand écrivain“ und „europäischen Moralisten“. Was für eine großartige, illustre Geburtstagsrunde!

Das Setting ist jetzt zum 150. Geburtstag aus unterschiedlichen Gründen etwas anders als damals: Livestream statt feierlicher Empfang, Videobotschaft statt Festrede, Bundespräsident statt Bruder und Nobelpreisträger. Es gilt, einem Denker, Dichter und Demokraten neu zu begegnen, dessen Leben uns heute selbst wie ein großer Roman vorkommt.

Heinrich Mann zog es aus Lübeck fort bis nach Italien. Er fand seine geistige Heimat im Frankreich des 18. und 19. Jahrhunderts. Er schrieb im Deutschen Kaiserreich, in der Weimarer Republik und im Exil; er bewegte sich in der Bohème und auf dem politischen Parkett; er schätzte die Nachtbar und den Salon, gab sich als vornehm-unnahbarer Künstler und las bei Karstadt am Berliner Hermannplatz.

Vernunft und Wahrheit waren seine Ideale

Widersprüche und Ambivalenzen, Tragisches und Groteskes kennzeichnen sein Leben und sein Werk. Ich finde, gerade deshalb ist er ein faszinierender Autor, der uns auch heute noch viel zu sagen hat. Damals, an seinem 60. Geburtstag, ergriff Heinrich Mann in der Akademie auch selbst das Wort. Er sprach, wie so oft, über das Verhältnis von Geist und Politik. In der Demokratie, sagte er, sei es ganz natürlich, wenn der Staat und die Schriftsteller „sich zusammenfinden, um, jeder auf seine Art und mit seinen Mitteln, der Gesellschaft zu nützen.“

Heinrich Mann wollte der Gesellschaft nützen, auf seine Art und mit seinen Mitteln. Er wollte Menschen verändern und auf die Wirklichkeit einwirken, als moderner Romancier, als kritischer Intellektueller, als Künstler und als Citoyen. Bis zuletzt arbeitete er daran, die Welt mit Hilfe des Wortes zu einem besseren Ort zu machen, allen Enttäuschungen zum Trotz.

Er war ein Humanist und ein Aufklärer, geprägt von Voltaire und Zola, den er als leidenschaftlichen Ankläger in der Dreyfus-Affäre bewunderte. Vernunft und Wahrheit, Frieden und Freiheit, Gerechtigkeit und Güte, das waren die Ideale, um die sein Schreiben seit der Jahrhundertwende kreiste.

Ein Meister der Satire

In seinen großen Romanen, vom Professor Unrat bis zum Henri Quatre, übersteigerte, überformte, verdichtete Heinrich Mann die Wirklichkeit, um, wie er schrieb, die „Seele der Menschen und der Gesellschaft“ bloßzulegen. Er war ein Meister der Satire, der im Untertan nicht nur das Kaiserreich hellsichtig kritisierte, sondern auch von Sehnsüchten und Lebensängsten erzählte, die uns bis heute nicht loslassen.

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Heinrich Mann glaubte an die aufklärerische Kraft der Literatur. „Niemand“, schrieb er, „lehrt das Wissen um das gesellschaftliche Leben und um das Leben schlechthin, wie die Dichtkunst.“ Deshalb gehört die Literatur für ihn mitten hinein ins öffentliche Leben, gerade in einer Demokratie, die auf die Urteilskraft ihrer Bürgerinnen und Bürger angewiesen ist. „Wer mitreden, mitwählen, seine Meinung durchsetzen will“, davon war er überzeugt, der „muss auch lesen“.

Er schrieb gegen die Nationalsozialisten an

In der Weimarer Republik trat Heinrich Mann selbst hinaus auf die öffentliche Bühne, als Romanautor, aber auch als politischer Intellektueller. Er schrieb Essays und Artikel, hielt Reden, unterstützte Aufrufe, übernahm Ämter. Von Anfang an ergriff er dabei, anders als manch anderer Schriftsteller, Partei für die Sache der Republik.

Heinrich Mann rief dazu auf, in einer zerrissenen Gesellschaft Brücken zu schlagen und die „werdende Demokratie“ durch vernünftiges Handeln lebensfähig zu machen. Er feierte die Verfassung in Zeiten der Krise, kritisierte Angriffe auf die Meinungs- und Kunstfreiheit, warnte vor ungezügeltem Kapitalismus. Unermüdlich setzte er sich für die Verständigung mit Frankreich ein, plädierte für übernationale Zusammenarbeit und einen europäischen Staatenbund.

Vor allem aber schrieb er gegen die Nationalsozialisten an, gegen ihre Lügen, ihren Terror, ihren Hass. Und er wurde, als Repräsentant der Republik, selbst zur Zielscheibe dieses Hasses. Sein Ideal einer Öffentlichkeit, in der räsoniert, argumentiert, kultiviert gestritten wird, stieß auf eine Wirklichkeit, in der Häme, Hetze und brutale Gewalt die Oberhand gewannen.

Heinrich Mann sah die Katastrophe kommen, viel früher als andere. Kurz nach der Machtübergabe an Hitler wurde er aus der Akademie der Künste ausgeschlossen. Nur wenige Tage später floh er nach Frankreich. Sein Name stand auf der ersten Ausbürgerungsliste des Nazi-Regimes, im Mai 1933 wurden auch seine Bücher hier in Berlin ins Feuer geworfen.

Sein Wirken ist in diesen Zeiten wieder relevant

Aber seine Stimme blieb hörbar, auch im französischen Exil. Heinrich Mann versuchte, die Kräfte im Kampf gegen die Nazis zu bündeln. Er machte Mut, dass auf das „Zeitalter des Irrationalen“ ein neues der Vernunft folgen werde. Erst im Exil in den USA verlor er seine Rolle als öffentlicher Schriftsteller.

Einer wie er, ein Anhänger der Aufklärung und Verteidiger der Demokratie, sollte uns gerade heute Vorbild sein. Denn wir erleben ja wieder, wie die Demokratie verächtlich gemacht wird, wie der Hass öffentliche Debatten vergiftet, wie sich autoritäres Denken und Irrationalismus verbünden, wie mancherorts die Sehnsucht nach nationaler Abschottung wächst.

Auch deshalb bin ich der Akademie der Künste dankbar, dass sie den Nachlass Heinrich Manns in einem Online-Portal zusammenführt, damit sein Werk weiterhin wirken kann. Die Akademie, vor 325 Jahren gegründet, trägt heute ganz entscheidend dazu bei, dass Kunst und Kultur gesellschaftliche Debatten anregen, irritieren und bereichern können – ganz so, wie Heinrich Mann sich das gewünscht hat. Auch dafür meinen herzlichen Dank!

In seinem Roman „Die kleine Stadt“ lässt Heinrich Mann eine Operntruppe in ein verschlafenes italienisches Städtchen einfallen. Die Künstler bringen Bewegung ins öffentliche Leben, und am Ende resümiert der Advokat: „Was sind wir? Eine kleine Stadt. Was haben jene uns gebracht? Ein wenig Musik. Und dennoch – wir haben uns begeistert, wir haben gekämpft, und wir sind ein Stück vorwärtsgekommen in der Schule der Menschlichkeit!“ Ein Stück vorwärtszukommen in der Schule der Menschlichkeit, das ist auch heute nicht das schlechteste Ziel.