Heilige Zwecklosigkeit

Preisfrage: An welchem Ort auf der Welt gelten diskret abgewetzte Polstermöbel und leicht vergilbter, den Gesetzen der Schwerkraft folgender und somit spontan abblätternder Putz nicht als Grund, den Laden sofort dichtzumachen und einer radikalen Grundsanierung zu unterziehen – sondern im Gegenteil als unvermeidliche Spuren des Vergehens von Zeit, als selbstverständliche Kulisse der eigenen Existenz, ja für manche geradezu als Bedingung der Möglichkeit von Glück?

Wo sind die Regeln der kapitalistischen Verwertung von Zeit so weit außer Kraft gesetzt, dass das stundenlange Verweilen vor ein oder zwei Schalen Kaffee bei paralleler Zeitungslektüre nicht nur keine Sanktionen nach sich zieht, sondern von Oberkellnern, die die Kunst des Wechsels zwischen sichtbar und unsichtbar perfekt beherrschen, scheinbar ignoriert, in Wahrheit natürlich schlicht respektiert wird?

Allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen

Wo sind diejenigen zu finden, die – mit einem bekannten Wort Alfred Polgars – „allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen“? Für die eine Sitzecke zur wahrlich Handke’schen Niemandsbucht wird, in der – so ein anderes Zitat aus Polgars „Theorie des Café Central“ – „die Zwecklosigkeit den Aufenthalt heiligt“? Der Begriff ist bereits gefallen: Natürlich ist hier vom Wiener Kaffeehaus die Rede.

Das Nippen an einem heißen Getränk, das Verzehren eines Schnittlauchbrotes oder einer Mehlspeise ist an sich ein banaler Vorgang und im Prinzip überall möglich. Es bleibt ein Mysterium, warum das spezifische Milieu eines Wiener Kaffeehauses auch wirklich nur in dieser Stadt – und, mit Abstrichen, in kleineren Kernen österreichischer Lebensart wie Salzburg – entstehen kann.

Nicht in Zürich, nicht in Berlin, Rom oder Paris. Und schon gar nicht in London. Die Nähe zum Balkan, die eigenartige Mischung aus Morbiditätssehnsucht, Melancholie, Spottlust und diskreter Hinterfotzigkeit (sprich: das Gegenüber zu beleidigen, ohne dass dieses es überhaupt merkt) spielen wohl eine Rolle. Und akute Vergangenheitsverliebtheit.

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Wo Berlin immer schon mit Verachtung auf die eigene Geschichte geblickt hat und sich am liebsten alle 20 Jahre einreißen und neu aufbauen würde (was in den Augen mancher Österreicher wiederum „cool“ wirkt), schaut der Wiener oder die Wienerin zunächst mal, wenn nicht mit Liebe, so doch mit deutlich stärkerer Gelassenheit und Zuneigung zurück.

Schriftsteller und Dramatiker Thomas Bernhard 1971 im Café Bräunerhof.Foto: Otto Breicha/Imagno/picturedesk.com

Klar, dabei wird auch viel Unerträgliches unter den Teppich gekehrt, etwa der Judenhass, der in Wien immer schon viel ausgeprägter war als in Berlin. Aber so ist sie eben, die Konstellation, die das Wiener Kaffeehaus – das nicht zuletzt von vielen Juden besucht wurde – überhaupt erst ermöglicht.

Durchaus eine Herausforderung, zu einer Institution, über die schon so viel Erhellendes geschrieben worden ist, noch neue Worte und Gedanken zu finden. Der Brandstätter Verlag wagt es jetzt mit dem schwergewichtigen Prachtband „Das Wiener Kaffeehaus“ – und sucht sein Heil in einer Melange aus neuen, 2020 entstandenen Texten und denen kanonischer Autoren.

Wir sind eine zum Mittelmeer gewendete Stadt

Heimito von Doderer etwa kann man kaum ernsthaft widersprechen, wenn er behauptet: „Man bedarf einer Zange mit längeren Hebelarmen, um das Wiener Café erklärend zu erfassen (…) Wir sind eine zum Mittelmeer gewendete, ursprünglich römische Stadt! Ein Wiener Café hat jene meditative Stille und das zweckfreie Vergehenlassen von Zeit in sich aufgenommen, die jeder kennt, der ein orientalisches, ein türkisches Café besucht hat.“

Mit sicherem Gespür widmet sich dieses Buch auf über 300 Seiten den wesentlichen für ein Wiener Kaffeehaus konstituierenden Elementen: dem Mythos seiner Herkunft aus den Türkenbelagerungen, dem Zeitunglesen, dem Schachspiel, dem Rauchen, dem immer noch meist männlichen Ober (der nur in seiner wortkargen, sich auch dabei jeder kapitalistischen Service- und Verwertungslogik widersetzenden Variante wirklich ein Wiener-Kaffeehaus-Ober ist) und natürlich, in Corona-Zeiten noch wichtiger: dem Schanigarten, wie man in Wien die Terrasse nennt.

Auch in Wien ist die Gastronomie dicht

Ach ja, die Pandemie. Die muss natürlich erwähnt werden. Die Kaffeehäuser Wiens sind seit Monaten geschlossen; was noch vor einem Jahr undenkbar war, gilt inzwischen als selbstverständlich. Sehnsucht und Sorge steigern sich bei der Lektüre des Buches ins Unerträgliche.

Das Rüdigerhof, das Ritter, das Sperl, das Savoy am Naschmarkt, das Eiles am Rathaus, das Prückel am Stadtpark mit den herrlichen großen Fenstern, durch die die Nachmittagssonne fällt und die auch den Blick auf das Denkmal des antisemitischen Bürgermeisters Karl Lueger freigeben – Tops und Flops sind in Wien oft nur einen Atemzug voneinander entfernt –, der Bräunerhof, wo man heute noch meint, dem Geist Thomas Bernhards zu begegnen („Da ich an der Kaffeehausaufsuchkrankheit leide, bin ich gezwungen, immer wieder in ein Literatenkaffeehaus hineinzugehen, auch wenn sich alles in mir dagegen wehrt“): Werden sie diese Katastrophe eines endlosen Lockdowns schadlos überstehen?

Der Litterat im Kaffeehaus. Abbildung aus dem Buch.Foto: Brandstätter Verlag

Das leider nicht gerade günstige Buch lebt mindestens ebenso sehr von seinen Texten wie von den spektakulären Zeichnungen, Illustrationen und historischen Fotos, mit denen es tief in die Geschichte des Kaffeehauses hinabtaucht: Ringstraßenarchitektur, Inneneinrichtung um 1900 oder 1950, Porträts von Robert Musil, Friedrich Torberg oder Peter Altenberg.

Frauen kommen eher in ihrer Eigenschaft als Gäste vor, auch wenn sich auf Seite 266 in einer größeren Gruppe der Kopf von Ingeborg Bachmann versteckt – dieses Foto stammt, wie viele in diesem Band, von Franz Hubmann, der in den 50er und 60er Jahren nicht nur die Atmosphäre im Café Hawelka, sondern überhaupt das Wiener Kaffeehaus in wunderbar stillen Schwarz-Weiß-Bildern einzufangen wusste. Ein einsamer Hut auf dem Tisch oder auf einem der von Adolf Loos entworfenen Stühle erzählt bei ihm eine ganze Geschichte.

Cover der Buches “Das Wiener Kaffeehaus”.Foto: Brandstätter Verlag

[Christian Brandstätter (Hg.): Das Wiener Kaffeehaus. Brandstätter Verlag, Wien 2020, 70 €.]

Womit wir auch beim vielleicht einzigen Problem des Buches wären: Es hat starke Nostalgieschlagseite. Trotz einiger Fotos von 2020 und des aktuellen Einleitungstextes, in dem Schriftstellerin Doris Knecht ihren „Sehnsuchtsort Kaffeehaus“ vorstellt und erläutert, was diesen von einer Gaststätte oder einem Restaurant unterscheidet („Ihnen fehlt die Leichtigkeit, dieser Wille zu einer für soziale Unterschiede blinden Egalität, diese Tretet-alle-ein-Niederschwelligkeit“): Wir haben es hier vor allem mit einer Liebeserklärung an ein großes Damals zu tun.

Das Kaffeehaus ist pure, pulsierende Gegenwart

Damit besteht die Gefahr, ein Missverständnis zu befördern, das vor allem außerhalb Wiens grassiert. Das Wiener Kaffeehaus ist eben nicht nur verflossene Zeit. Sondern, das ist ja gerade das Besondere, zugleich pure, pulsierende Gegenwart.

In einem Wiener Kaffeehaus sitzen sie alle: Hausfrauen, Hausmänner, Studierende mit Laptop, Professorinnen, Burgschauspieler, Lokalpolitiker, Touristen und Stammkundinnen mit onduliertem Haar, die sich ihrem Topfenstrudel am immer gleichen Stammplatz mindestens seit 1984 widmen.

Die Vergangenheit entwickelt sich in einem Wiener Kaffeehaus organisch weiter, sie faltet sich auf eine Weise, wie es in Deutschland nicht möglich zu sein scheint, in die Gegenwart hinein, ohne dabei zerstört zu werden. Am besten hinfahren und selbst überzeugen. Sobald es wieder möglich ist.