Großmutters Buffet

Manche Sätze sind so in Stein gemeißelt, dass sich jeder Einwand verbietet. Diese Sätze müssen keine Gebote sein. Es reicht völlig, wenn die Mutter sagt: „Das Buffet kommt nach Berlin.“ Schon ist eine weitere Reifestufe der Menschwerdung erreicht.

Denn in eine chaotische Studentinnen-Wohngemeinschaft entlässt man das eicherne Erbstück der Großmutter nicht. Besonders wenn zum Buffet, dem Geschirrschrank mit Vitrinenaufsatz, auch noch eine niedrigere Kredenz gehört. Beide mit herausziehbaren Brettern zum Deponieren von Kannen, Karaffen oder Flaschen ausgestattet. Bestimmt für gastfreie Tafeln, Ausbund bürgerlicher Wohnkultur und trotz dem einen oder anderen Holzbock Gipfel der Solidität.

Söhne bekamen den Hof, Töchter die Möbel

Der Sohn bekommt den Hof, die Tochter bekommt Möbel. So war das früher auf dem Land. Zwar haben sich die Erbschaftssitten auf niedersächsischen Bauernhöfen inzwischen ein wenig mehr der Gleichberechtigung angepasst, aber den Hof samt der Versorgung der Altenteiler kann nun mal nur einer oder eine übernehmen.

Als die Mutter und der Vater heirateten, wurden aus Großmutter und Großvater Altbäuerin und Altbauer. Sie überließen der jungen Familie die größeren Räume und bezogen die kleinere Schlafkammer und Stube. Als die Tochter Kind war, stand das Buffet dort.

Getischlert wurde es 1920, als die Großmutter, eine Ackerbürgertochter, als junge Braut auf den Heidehof kam. Zuvor war sie in Hannover in Stellung gewesen. Als Haustochter bei Familie Mackensen. Deren Sohn Fritz sollte als Gründer der Künstlerkolonie Worpswede in die Kunstgeschichte eingehen.

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Die kennt auch eine Epoche namens Jugendstil, dem der Eichenschrank nach Auskunft der Großmutter zuzuschlagen sei. Eine Einordnung, die sich im fahlen Licht eines Berliner Jahreswechsels nur schwer bestätigen lässt. Der florale Zierrat mag als Bauern-Jugendstil durchgehen, doch gleich dahinter lauern Gründerzeit-Schwere und neusachliche Strenge.

Eichenbuffet, getischlert 1920.Foto: Christopher Rowe

Dem Kind waren alle drei Stile schnuppe. Ebenso wie das Möbel an sich. Doch die auf einem Silbertablett ruhende Mineralienbrocken, die die Großmutter auf dem Buffet zur Schau stellte, die waren ein ewiger Hingucker. Einer so schwarz wie erkaltete Lava, einer brikettglänzend mit silber glimmerndem Rand, einer weißgrau wie angetauter und wieder gefrorener Schnee.

Das Wissen, woher sie kamen, nahm die Großmutter mit in ihr Grab. Das Kind träumte sich in Mondkrater, Zwergenstollen und arktische Eishöhlen.

Als das Buffet im selben Haus ins Esszimmer der Mutter übersiedelte, verschwanden die Steine. Von Stund an kam es prall gefüllt mit Gläsern, Goldrandgeschirr und vielteiligem Tafelsilber seiner bewahrenden Aufgabe nach.

Eichenbuffet, getischlert 1920.Foto: Christopher Rowe

Das Buffet hat viele Feste gesehen. Bauern, die keinen Urlaub kennen, lassen nie eine Gelegenheit zum Einladen aus. Besonders im Winter, wenn der Frost Eisblumen an den beschlagenen Esszimmerfenstern wachsen ließ, herrschte drinnen Geschirrgeklapper, Gläserklingeln und Gelächter.

Jahre vergingen. Dann wurden die Eltern Altenteiler. Der Sohn bekam den Hof. Als der Vater starb, gab die Mutter das Esszimmer auf und schickte das Buffet auf die Reise nach Berlin.

Die Tochter empfing das Möbel mit Argwohn. Bislang galt die Losung, kein Mensch braucht einen Wohnzimmerschrank. Das änderte sich mit dem Buffet. Es macht sich sehr schön mit Neujahrskarten drauf. Wie ein Reisender passt es sich Zeiten und Räumen an. Ein eicherner Gast, der eines Tages weiterzieht.