Große Erwartungen

Wie Donald Trump während seiner Amtszeit tiefe Gräben durch die weiße Mittelschicht der USA gezogen hat: Richard Russos Novelle „Sh*tshow“.




Der amerikanische Schriftsteller Richard RussoFoto: Elena Seibert/Dumont Literaturverlag

Ellie und David, ein pensioniertes Akademikerpaar, führt ein ruhiges Leben im gediegenen Sam Hughes District in Tuscon, Arizona. Doch das ist Erschütterungen ausgesetzt: Zunächst wird Donald Trump zum U.S.-Präsidenten gewählt. Das lässt sie erzittern, denn Politisches und Privates verschränken sich: Kann es sein, dass einer ihrer besten Freunde Trump gewählt hat?

Das zweite Ereignis ist viel drastischer: Ein Unbekannter, pardon, scheißt in ihren Whirlpool. Nicht ein, sondern mehrere Male, schließlich verübt er einen raffinierten Fäkalien-Großangriff auf das gesamte Anwesen, was die ohnehin labile Ellie völlig aus dem Gleichgewicht bringt. Sie verlässt das Haus. „Ich komme nicht mehr zurück. Nie wieder. Ich kann es einfach nicht“.

Von was handelt Richard Russos Erzählung „Sh*tshow“ eigentlich? (Aus dem Amerikanischen von Monika Köpfer. Dumont Verlag, Köln 2020.68 Seiten, 10 €.)

Mitten im Trump-Land

Vom Älterwerden, davon, wie das Freundschaften zerstören kann, weil es zu Halsstarrigkeit und damit verbundenen Verletzungen führt? Dass im Rentenalter soziale Beziehungen neuer Bewertungen bedürfen?

Von der Politik im Allgemeinen? Der der Trump-Regierung im Speziellen? Davon, wie Trump tiefe Gräben durch die weiße Mittelschicht Amerikas zieht?

Von einer Parabel spricht Russo selbst; das liegt nahe, auch wenn es eine reichlich derbe ist. Ebenso lassen sich die 68 Seiten aber auch als Novelle lesen, denn eine unerhörtere Begebenheit, als seinen Stuhlgang im Erholungsbereich fremder Menschen zu verrichten, gibt es kaum.

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Nun muss man sagen, dass selbst der achtsamste Leser nach knapp einer Stunde mit diesem schmalen Bändchen durch ist. Von leiser Produktenttäuschung lässt sich da sprechen; in der Popmusik würde man das eine Single nennen – in der Literatur dieses Format schlichtweg ungewöhnlich. Wer weiterlesen möchte: „Jenseits der Erwartungen“, der im Frühjahr veröffentlichte Roman des Pulitzer-Preisträgers. Dieser erklärt Amerikas Zerrissenheit auf Doppelalbumlänge.