Glutrot gespenstisch

Einen graziösen „Tanz auf dem Zifferblatt“ vollzieht das Paar, das Metronom und Waage mit sich führt. Den Tanzboden tragen Menschen mit gepuderten Gesichtern. Am glutroten Himmel fliegen Leute über gespenstisch verbogene Häuser. Wer genau hinsieht, entdeckt in der Galerie Brockstedt, dass der Tänzer auf dem Stundenrad einen Stapel Manuskripte auf seiner Schulter stemmt.

Natascha Ungeheuer bringt mit feinen Pinseln die Geschichten vom Kopf auf die Leinwand. Inspiriert von Theater, Zirkus, Musik, vom Berliner Straßen- und Nachtleben. Gemalt in altmeisterlicher Manier mit fast erschreckender Präzision. Als phantasmagorischen Realismus könnte man ihre Kunst am ehesten bezeichnen. Ineinander verschachtelte Räume, simultane Ebenen, schräge Perspektiven. Vogel, Fisch, Einhorn und Elefant neben Akrobaten, Stelzenläufern, Lebenskünstlern, Nachtschwärmern. Hinter mit Paradieslandschaften geschmückten Vorhängen öffnet sich eine Weltbühne, deren Kulissen einzustürzen drohen. Gelegentlich dienen versteckte Ferngläser anstelle von Ü-Kameras der Beobachtung.

Ihr Lebensgefährte, ein dichtender Seefahrer

Oft integriert Natascha Ungeheuer sich und ihren langjährigen Lebenspartner, den 2006 verstorbenen Schriftsteller und dichtenden Seefahrer Johannes Schenk, mit dem sie zeitweise im Künstlerdorf Worpswede in einem Zirkuswagen lebte: als Traum-Paar, jeder den anderen inspirierend, liebend. Im Bild „Malerin und der Fisch“ von 1985 schwappt das Meer auf der Leinwand in das gemeinsame Berliner Domizil, dessen Wände aus düsteren Fassaden bestehen. Mittendrin schläft der Gefährte, die Muse möge ihm hold sein. Der „Halbgeöffnete Vorhang“ von 1998 gibt eine Frau im Fischgewand frei, umringt von Publikum. Darunter spielt die Kapelle auf (15.750 Euro).

Geboren 1937 im südbadischen Blumenfeld als Ursula Rosa Ungeheuer, verbrachte die Künstlerin ihre Kindheit im Schwarzwald. Nach dem Abitur legte sie 1959 das Lehrerexamen an der Pädagogischen Hochschule in Lüneburg ab und besuchte anschließend die Tanzakademie von Harald Kreutzberg in Bern. 1962 zog sie nach Kreuzberg und begann autodidaktisch mit der Malerei. Sie spielte Straßentheater, malte Bühnenbilder, fertigte Masken und illustrierte Bücher. An der Spree hatte sie 1967 ihre erste Soloschau in der Galerie Natubs, seitdem folgten Ausstellungen im In- und Ausland. 2014 fand eine große Retrospektive ihrer Werke im Willy-Brandt-Haus Berlin statt.

Ungeheuers Archiv geht an die Akademie der Künste

Im September übergab Natascha Ungeheuer ihr Archiv der Akademie der Künste. Es wird von der Archivabteilung Bildende Kunst betreut und umfasst neben Unterlagen zu Person und Werk im Wesentlichen Briefe von Schriftstellern und Künstlern wie Wolf Biermann, Heinrich Hannover, Yaak Karsunke, Helga M. Novak oder Christoph Meckel. Besondere Bedeutung kommt den überwiegend handschriftlichen, häufig mit Zeichnungen versehenen Mitteilungen von Schenk an Ungeheuer aus Berlin und Worpswede zu. Bereits seit 1998 bereichert sein in einem Überseekoffer übergebener literarischer Nachlass das Literaturarchiv der Akademie. Nun zeugen mehr als 600 Briefe, datiert auf die Zeit zwischen 1964 und Schenks Tod, von der Intensität der Beziehung des Künstlerpaares.

Utopie, Traum und Realität reichen sich auf den Gemälden von Natascha Ungeheuer die Hand, die nicht zuletzt eine Hommage an die Malerei schlechthin sind. Letzterer wurde im Strudel der rasch wechselnden Ismen des 20. Jahrhunderts oft der Tod prophezeit. Wie lebendig sie sich trotz allem erweist, zeigt diese Ausstellung, in der von über 60 Exponaten überhaupt nur 15 Ölbilder verkäuflich sind.

Galerie Brockstedt, Mommsenstr. 59; bis 10. November, Di–Fr 12–18 Uhr, Sa 11–14 Uhr.