Gestrandet an der Wupper

Das Wuppertaler Tanztheater hat in den letzten beiden Jahren schon zwei gelungene Rekonstruktionen von frühen Pina-Bausch-Choreografien gezeigt. Die Macbeth-Paraphrase „Er nimmt sie an der Hand und führt sie in das Schloss, die anderen folgen“ und „Blaubart“ sind beides Werke, die in den 1970ern entstanden sind und heute noch sehr radikal wirken. Eigentlich sollte am 21. November eine weitere Neueinstudierung eines Bausch-Werks im Wuppertaler Opernhaus vor Publikum gezeigt werden.

„Das Stück mit dem Schiff“ wurde 1993 uraufgeführt und seit 24 Jahren nicht mehr gespielt. Das Opernhaus ist derzeit Corona-bedingt geschlossen wie alle Bühnen. Doch das Wuppertaler Tanztheater erleidet trotzdem keinen Schiffbruch. Die Rarität wird als Livestream gezeigt. Das digitale Format, das sich die Wuppertaler ausgedacht haben, ist ungewöhnlich: Der Film, der von der Live-Aufführung mitgeschnitten wird, erscheint auf die Fassade des leerstehenden Schauspielhauses projiziert; diese Installation wird wiederum gestreamt.

Die Premiere von „Das Stück mit dem Schiff“ bildet den Auftakt des neuntägigen Online-Festival „under construction – Wir bauen zusammen ein Haus“. Mit der Veranstaltungsreihe, die vom 21. bis zum 29. November 2020 stattfindet, sollen Ideen für das zukünftige Pina Bausch Zentrum ausgelotet werden. Über 30 Aktionen sind geplant, darunter Videoprojektionen, Diskussionsrunden, Workshops, Podcasts; alle Formate sind kostenlos.

Das Bühnenbild aus Sand, Dünen und einem aufgelaufenen Schiffskörper ersteht neu

Der Höhepunkt ist aber natürlich „Das Stück mit dem Schiff“. „Es ist ein sehr besonderes Stück, dass uns in Corona-Zeiten ein bisschen gerettet hat“, sagt Bettina Wagner-Bergelt, die Intendantin des Wuppertaler Tanztheaters. „Wir konnten daran weiterarbeiten, weil es enorm viele fantastisch gearbeitete Soli hat.“ Die Tänzerinnen Barbara Kaufmann, Héléna Pikon, Julie Anne Stanzak, die zur Urbesetzung 1993 gehörten, haben die Proben geleitet und ihre Rollen an jüngere Tänzer weitergegeben. Dies ist eine erprobte Arbeitsweise beim Wuppertaler Tanztheater. Zum ersten Mal wurde nun aber auch eine externe Künstlerin einbezogen. Die israelische Choreographin und Regisseurin Saar Magal wurde eingeladen, einen konstruktiven Außenblick auf das Werk zu werfen.

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Selbstverständlich war auch der Bühnenbildner Peter Pabst, ein langjähriger Mitstreiter von Pina Bausch, an der Neueinstudierung beteiligt. Pabst hat 1993 ein Bühnenbild entworfen, das aus Sand, Dünen und einem gestrandeten Schiffskörper besteht. Es wurde nun unter seiner Leitung wiederhergestellt. Die musikalische Collage stellte von Matthias Burkert zusammen. Arien von Walther von der Vogelweide, Georg Friedrich Händel, Christoph Willibald Gluck treffen auf Klänge aus Indien, Marokko und Namibia. Hinzu kommen Geräusche des Urwalds, Vogelstimmen, das Rauschen von Regentropfen, das sich bis zum drohenden Gewitter steigert.

[Livestream am Samstag, 21.11., 20 Uhr: under-construction-wuppertal.de, Online-Festival bis 29.11.]

„Das Stück mit dem Schiff“ passt mit seiner zarten Melancholie perfekt in unsere von Ungewissheit geprägte Zeit. Es zeigt eine gestrandete Gesellschaft an einem verlassenen Ort. Die Protagonisten, die aus dem Alltag gerissen wurden, tanzen, als ginge es um ihr Leben. Und der feine Humor von Pina Bausch sorgt dafür, dass wir uns nicht der Untergangslust hingeben.