Gespielte Durchhalteparole

Zwischen dem 8. März und dem 11. Oktober liegen exakt 216 Tage. Die Zeit ist lang genug, um in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) eine komplette Hauptrunde zu spielen. Aber sie ist viel zu lang für eine Sommerpause. Insofern war es für die Profis der Eisbären eine Wohltat, dass sie am Sonntag endlich wieder mal für 60 Spielminuten Eis unter die Schlittschuhe bekamen – wenn es auch nur bei einem, an früheren Maßstäben gemessen, eher belanglosen Testspiel in Weißwasser gegen einen Zweitligisten war.

Für Eisbären-Angreifer Marcel Noebels war es aber eine runde Sache mit dem Nachmittag bei den Lausitzer Füchsen. „Das Spiel war für uns sehr gut und hat viel Spaß gemacht“, sagt er. „Ich glaube aber auch, dass es sehr schwierig ist nach so einer langen Zeit zu spielen. und klar: Das läuft nicht alles direkt so, wie man sich das vorstellt.“

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Dafür war die Atmosphäre da, mit fast 1000 erlaubten Zuschauern in der erstaunlich gut gefüllten Arena von Weißwasser und singen ist in Sachsen ja noch erlaubt. Eisbären-Geschäftsführer Peter John Lee war schon etwas gerührt vom Tamtam auf den Tribünen. „Die Stimmung in der Halle war toll. Logisch, die Menschen wollen einfach wieder Eishockey sehen, das hast du gespürt.“ Und die Spieler hätten sich voll ins Zeug gelegt. „Da war mehr Niveau drin als im Vorbereitungsspiel im vergangenen Jahr“, sagt Lee.

Bei der jungen Fraktion im Berliner Team lief es im Spiel auch ganz gut, Nino Kinder und Sebastian Streu trafen für die Eisbären, am Ende gewannen sie 4:1, Trainer Serge Aubin sagte: „Ich habe mich heute vor allem auf unsere jungen Spieler konzentriert. Das sah schon ganz gut aus. Nach sieben Monaten ohne Spiel ist es schön, mit einem Sieg zu starten.“ Sein Kollege aus Weißwasser, Corey Neilson, fand sogar, das sein Team gegen eine „fantastische Mannschaft“ gespielt habe.

Also hallo, war da Musike drin im alten Ostklassiker Weißwasser gegen Berlin! Oder, ehrlich analysiert: So spricht die Euphorie aus Menschen, die ihren Beruf seit Monaten nicht richtig ausüben können. Nachvollziehbar.

Das Ergebnis war trotz aller Begeisterung über die Tatsache, dass wieder mal gespielt werden konnte, natürlich Nebensache. Denn große sportliche Erkenntnisse verbieten sich ja in einer Zeit, in der niemand in der deutschen Eishockeyszene zu wissen scheint, wie es oberhalb der zweiten Liga weitergehen könnte. In dieser Woche werden Deutscher Eishockey-Bund (DEB) und DEL weiter beraten, nächster Programmpunkt im höherklassigen Eishockey wäre der Deutschland Cup im November in Krefeld. Danach wäre dann irgendwann die DEL dran mit dem Saisonstart, sonst könnten sie die Saison auch so langsam knicken. Doch ohne Zuschauer oder nur mit wenig Zuschauern geht ja aus finanziellen Gründen nicht. Keine gute Voraussetzung für einen Saisonstart.

Bisher steht nur fest, dass sie in der Champions League Mitte November zwei Spiele in Lulea haben sollen – in Schweden!

Eisbären-Geschäftsführer Lee sagt: „Wir hoffen sehr auf den Dezember und erwägen gerade, was alles möglich ist.“ Was genau, will er nicht so ausführen. Dafür aber: Die Zeit sei eben hart für alle. Aber es gebe auch gute Nachrichten: etwa die am Montag über ein Ergebnis aus der Welt des Basketballs. „Am Montagmorgen habe ich sofort nach dem Aufstehen nachgeschaut – toll, dass die Lakers den Titel in der NBA geholt haben.“ Das freut nämlich die Firma, der Basketballmeister aus Nordamerika gehört wie die Eisbären zum Imperium der Anschutz-Entertainment-Group, in dessen Halle, dem Staples Center, das Team sonst auch gespielt hat. Anschutz ist bei den Lakers auch Mitinhaber.

Vielleicht können die Berliner oder eben ihre Liga ja auch von der NBA etwas lernen. Die haben ja ihre Saison durchgezogen! Obwohl – so eine Blase, in der dann abseits der Öffentlichkeit gespielt wird, das ist im deutschen Eishockey wohl völlig unrealistisch, auch nicht nur für die Dauer der Play-offs und erst recht nicht für eine komplette Saison. So bleibt erst einmal das Punktspiel gegen Bremerhaven am 8. März das bis hierhin letzte Punktspiel der Eisbären.

Das Testspiel von Weißwasser war zwar für die Berliner ein Lichtblick, aber irgendwie auch eine gespielte Durchhalteparole. Bisher steht nur fest, dass sie in der Champions League Mitte November zwei Spiele in Lulea haben sollen – in Schweden! Wer glaubt, dass das klappt, ist in dieser heutigen Zeit ein unfassbarer Optimist. Schließlich führt die Ungewissheit Regie: Wie es nun weitergeht, wissen die Eisbären auch nicht so genau, ein weiteres Testspiel sei noch nicht geplant, sagt Peter John Lee.