Geklatscht wird elektronisch

Auch für die nicht aktiven Sportler ist das Istaf Indoor in diesem Jahr besonders anstrengend. Vielleicht sogar gerade für sie. Am Donnerstagnachmittag jedenfalls tat sich der Berliner Sport-Staatssekretär Aleksander Dzembritzki stellenweise schwer mit seinen Ausführungen zum Leichtathletik-Meeting in der Großarena am Ostbahnhof, das am Freitag ohne Zuschauer stattfinden wird (ab 17 Uhr, Livestream bei zdf.de). Dzembritzki trug eine FFP2-Maske im Gesicht und atmete bei seinen laut und deutlich gesprochenen Ausführungen schwer. „Jetzt fühle ich mich unter der Maske selbst ein bisschen wie jemand nach einem Hundertmeterlauf“, sagte er. Doch es muss auch unter erschwerten Bedingungen weitergehen, auch im Sport.

So sieht das zum Beispiel der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Thomas Bach, der in diesen Wochen den Eindruck vermittelt, als wäre die olympische Bewegung immun gegen das Virus. Bach hält bislang unbeirrt an den Plänen fest, die Spiele im Sommer in Tokio stattfinden zu lassen. Und auch die Organisatoren des am Freitag beginnenden Leichtathletikmeetings in Berlin finden, dass der Sport, selbst wenn er in der Halle ausgetragen wird, seine Berechtigung hat. Zumal es offenbar Wege gibt, es möglich zu machen. In der Senatsverwaltung hätten zu den Istaf-Plänen nicht alle sofort „Hurra“ geschrien, gab Dzembritzki zu. Es sei intensiv darüber diskutiert worden. „Aber das Hygienekonzept hat uns überzeugt“, berichtete er. „Außerdem sind wir in einem olympischen Jahr und wollen die Sportlerinnen und Sportler unterstützen.“ Und Olympia soll ja laut Thomas Bach durchgeführt werden.

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Es gibt Athleten wie den Stabhochspringer Torben Blech, die dem obersten Verbandsherren Bach folgen. „Jeder Sportler will, dass die Olympischen Spiele stattfinden“, sagte Blech am Donnerstag und sprach gleich für die anderen mit. Es gibt aber auch Athletinnen wie die reflektierte Weitspringerin Malaika Mihambo, die die starren Olympiapläne durchaus mit Skepsis betrachtet. Man müsse erst mal schauen, ob die Spiele wirklich am 23. Juli beginnen können, sagte sie. „Noch ist Olympia ganz weit weg.“ Zumal Corona gezeigt habe, dass man sich mit nichts zu sicher sein könne.

Was heute noch geht, geht in einer Woche vielleicht schon wieder nicht. Und was in ein paar Monaten oder gar in einem halben Jahr möglich ist, das weiß kein Mensch. Das zermürbt das gesellschaftliche Leben und dementsprechend auch den Sport. Sicher aber ist, dass am Freitag 50 Athletinnen und Athleten in der Arena am Berliner Ostbahnhof antreten werden.

Nur getestete Athleten dürfen teilnehmen

Es hat die Veranstalter um Meetingdirektor Martin Seeber viel Arbeit gekostet, das Istaf Indoor möglich zu machen. Das Organisationsteam habe Nachtschichten gemacht, erzählte Seeber. Die Umsetzung des Hygienekonzepts ist für sein kleines Organisationsteam nicht so eben zu leisten. Wo übernachten die Athletinnen und Athleten, wie kommen sie zum Veranstaltungsort, wie und wo sollen sie sich während des Wettbewerbs aufhalten, und was ist eigentlich mit den Servicekräften des Istaf Indoor? Auf eine Frage reduziert: Wie schafft man es, eine Veranstaltung mit vielen Menschen zu organisieren, ohne dass diese sich groß in die Quere kommen?

Die Beantwortung dieser Frage ist mit hohem Aufwand und hohen Kosten verbunden. So mussten zum Beispiel die Sportlerinnen und Sportler in diesem Jahr in zwei Hotels statt wie bisher in einem untergebracht werden. Aufwendig sind auch die Corona-Tests. Alle Istaf-Teilnehmenden müssen bei der Einreise einen negativen PCR-Test vorweisen, der nicht älter als 48 Stunden ist. Auch im Hotel werden alle noch einmal getestet.

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Gute Erfahrungen mit einem ganz ähnlichen Ablauf hatten Seeber und sein Team erst vor wenigen Tagen gemacht. Am Sonntag fand das Istaf Indoor zum ersten Mal in Düsseldorf statt. Es sei eine gelungene Veranstaltung gewesen, bilanzierte Seeber. „Alle 800 Anwesenden, die danach getestet worden sind, waren negativ. Das war das Schönste“, sagte er.

Für Athletinnen wie Malaika Mihambo sind die Anstrengungen der Organisatoren von großem Wert. „Es ist gut, wenn man die Chance bekommt, unter Wettkampfbedingungen zu testen“, sagte sie am Donnerstag. Mihambo ist aktuell die wohl beste Weitspringerin der Welt, sie gilt als Gold-Favoritin für Tokio – sollten die Spiele stattfinden.

Normale Bedingungen wird die 27-Jährige am Freitag in der Arena am Ostbahnhof freilich nicht vorfinden können. Statt rund 12 000 Fans werden sich nur von Kindern bemalte Pappkameraden und ein paar Trainer auf den Tribünen befinden. Das rhythmische Klatschen etwa zur Unterstützung vor und während des Anlaufs beim Weitsprung kommt aus den Boxen. „Man wird schon getragen vom Publikum und erzielt dadurch bessere Leistungen“, schwelgte Mihambo in Erinnerungen an Zeiten vor der Coronavirus-Pandemie. Immerhin dürfen sich die Athletinnen und Athleten ihre Lieblingsmusik aussuchen, die der Hallen-DJ bei ihren Versuchen abspielt.

PCR-Tests, Pappkameraden, elektronisches Klatschen – das alles klingt ziemlich traurig. Man kann es aber auch anders sehen, so wie der Sport-Staatssekretär Dzembritzki. Er sagt: „Das Istaf Indoor ist ein besonderes Highlight mit besonderer Signalwirkung für den Sport.“ Olympia kann kommen – vielleicht aber auch nicht.