Gehen die Deutschen besser mit der Corona-Krise um als die Amerikaner?

Unser Kolumnist kehrt in der Pandemie zurück nach Hamburg. Ihm fällt auf: Die Menschen wirken hier gelassener – aber etwas ist auch wie in New York.

Klaus Brinkbäumer
Die Figuren von Angela Merkel und Donald Trump tragen im Wachsfiguren Kabinett Madame Tussauds Mund-Nasen-Schutze.Foto: Britta Pedersen/dpa

Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“. Das Buch „Im Wahn – die amerikanische Katastrophe“ von Klaus Brinkbäumer und Stephan Lamby erscheint am 28. 9., eine gleichnamige Doku sendet das Erste am 26. 10.

Die USA, so wirkt es seit Januar, können ein Problem wie Covid-19 nicht lösen, weil sie polarisiert sind, vereint nur im Hass auf sich selbst; wenn die eine Seite des Landes Masken trägt, erklärt die andere Seite Masken für sozialistischen Unfug, aus Prinzip. Diese USA sind nicht mehr in der Lage, Kraftakte zu schaffen: Der Gemeinsinn ist weg. Wie wird es in der Heimat sein, in Deutschland?

Transatlantisches Umziehen im Coronazeitalter ist aufreibend. Eine Woche lang kommt keine Antwort von der Umzugsfirma, niemand mehr da. Es bräuchte auch bloß ein Formular aus New Hampshire, um in New York das Auto verkaufen zu können, aber das Formular kommt wochenlang nicht. Zumindest der Markt ist unser Freund: New Yorker haben das U-Bahn-Fahren eingestellt, kaufen Autos, obwohl es weniger Parkplätze gibt, da auf den Parkstreifen Manhattans nun die Tische der Restaurants stehen.

Momente des Abschieds. Auf dem Wasser Tränen, die letzte Regatta darf nicht enden und endet. Der beste Freund, der Arzt C., druckt unsere Covid-Testergebnisse aus, „I’ll be back soon“, sage ich, „I know“, sagt er. Letzter Spaziergang auf der High Line, letzte Cheeseburger im „Pastis“.

Alle Geschäfte und Cafés geschlossen

Flughafen Newark, New Jersey: Kulisse eines vergangenen Lebens, wie nach einem nuklearen Winter stehen die Bauten da, wo sind die Menschen? Alle Geschäfte geschlossen, alle Cafés geschlossen. Richtung Manhattan starten wir, fliegen über dem Hudson nach Norden, dort unten nun leuchtet die Stadt, da ist der Central Park, dort Washington Square, wir glauben unser Haus zu sehen, 110 Bleecker.

Zwei amerikanische Jahre sind vergangen. Ohne Sohn kamen wir an, vor Covid, auch damals einen anderen Abschied betrauernd, der auf der anderen Seite des Meeres, mit der Entfernung von Deutschland schrumpfte, banal wurde. Mit Sohn reisen wir heute in die umgekehrte Richtung. Er kommt klaglos und angstlos mit, vertraut, „es ist sein best bet“, sagt Samiha. Wie sagt man auf Deutsch? Bestes Bett? Beste Chance, natürlich.

Nach zwei Jahren USA sprechen wir schlechter Deutsch. Wie antwortet Alexej auf das Medikament, frage ich, da es auf Englisch nun einmal so heißt: He responds to the medication. „Ich nehme den Abflug mehr seriously als du“, auch das sage ich, ernsthaft, und bemerke es nicht.

In Amerika waren die Zahlen nie niedrig

Im Flugzeug hätte es früher Sekt gegeben, vielleicht Champagner. „Darf ich Ihnen ein Desinfektionstuch anbieten?“, fragt die Stewardess. Die Mundnasenbedeckung ist während der gesamten Reise zu tragen, jedoch abzunehmen, falls die Sauerstoffmasken zum Einsatz kommen. Die Lufthansa-Crew freut sich, Menschen zu sehen, zu arbeiten, zu fliegen, das alles ist etwas Besonderes geworden.

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

Sonntagmittag, Heimat: Die Beamten bei der Passkontrolle desinfizieren sich nach jedem Ausweis die Hände. Spricht auch Deutschland schlechter Deutsch als vor zwei Jahren? „One out of many“ (Uhrenwerbung) steht auf einem Plakat, „Super Food by Natural“ über dem Laden gleich nebenan.

Die Flughäfen Frankfurt und Hamburg: Kulissen der Gegenwart. Um 8 Uhr öffnen die Geschäfte. Die Deutschen wirken gelassener als die Amerikaner, haben sie sich auf eine andere, eigene Normalität verständigt? Oder sind sie bloß müde, ungeduldig, verstehen sie gar nicht, wie erfolgreich sie waren, lassen sie sich verführen von denen, die nicht durchhalten wollen und Masken zur Unterwerfung unter die Kanzlerin erklären? In Amerika waren die Zahlen nie niedrig, in Deutschland waren sie’s und steigen wieder.

Die Deutschen essen drinnen (New Yorker nicht), die Deutschen reisen, tragen draußen kaum Masken. Und drinnen rutschen vielen Männern die Dinger unter die Nase, dann unter den Mund, viele Masken schützen viele Bärte. Das ist in Hamburg ganz wie in New York.