Geehrt und gefedert

Ben Rothery mag spitze Bleistifte und seltsame Tiere. Er wuchs in Südafrika auf, wollte als Teenager eine Mischung aus Indiana Jones und David Attenborough werden und nennt sich jetzt einen „frustrierten Naturkundler, der im Körper eines Zeichners lebt“. Von Frust kann allerdings keine Rede sein, wenn der heute im britischen Norwich lebende Illustrator den „Geheimnissen der Tierwelt“ mit seinen Stiften zu Leibe rückt.

Im Gegenteil: Ben Rothery zeichnet seine Porträts mit einer derart detailversessenen Hingabe, dass man sich beim bloßen Durchblättern dieses Prachtbands im Dschungel wähnt, in der Savanne oder in Fledermaushöhlen. Dabei deutet er die Umgebung nur skizzenhaft an und konzentriert sich ganz auf Fell und Gefieder, Barthaare, Hautfalten, Augen. Allein der Blick des Zwergseidenäffchens! Schon der Cover-Löwe springt einen förmlich an.

Die Runzelhaut des Kraken. Die leuchtende, kreisrunde Schwanzfeder des Paradiesvogels. Sei es das Panzerschillern des Hirschkäfers, die Monsterkralle der Harpyie, einem der stärksten Raubvögel der Welt, oder das Schuppengewand des scheuen Pangolins, der sich bei Gefahr zum Kugelpanzer zusammenrollt: Rothery animiert die Tiere in seinen hauchfein ziselierten Nahbildern zu sinnlich-haptischen Geschöpfen. Man betrachtet sie und weiß auf der Stelle, wie sie riechen (oder stinken) und wie sie sich anfühlen; man hört ihr Grunzen, ihr Kreischen, ihren Gesang.

Gehäuse zu klein? Einsiedlerkrebse reihen sich geduldig in der Warteschlange ein

Was auch daran liegt, dass der 35-Jährige nie aufgehört hat, über die Schönheit, die skurrilen Besonderheiten und Fähigkeiten der Tiere zu staunen. Zum Beispiel über das satellitenschüsselförmige Gefieder im Gesicht der Schleiereule, das sie wie einen Schalltrichter ausrichten kann, um noch besser zu hören. Oder über den Motion-Dazzle-Effekt der Zebras, wenn sie sich als galoppierende Menge vor dem Zugriff der Raubkatzen schützen. Besonders verblüffend die „Warteschlange“ der Einsiedlerkrebse. Bis zu 20 Krebse harren nach Körpergröße sortiert geduldig aus, wenn die aktuelle Schneckenbehausung zu klein geworden ist. Sobald der größte Krebs ein passendes Gehäuse gefunden hat, ziehen sie einer nach dem anderen ins jeweils passende Domizil um.

Zum Staunen: Das Zebra schützt sich mit seinen Streifen vor Angreifern, dank des Motion-Dazzle-Effekts.Abb.: Ben Rothery/Frederking & Thaler

Auch den Licht- und Farbenspielen, sei es zur Tarnung oder zur Balz, gilt Rotherys Aufmerksamkeit, den changierenden Pigmentzellen, transparenten oder prismenförmig angeordnete Schuppen. Eine der Doppelseiten ist allein den Federn gewidmet, vom spitzigen Fasanfederkiel über den zerzausten Wintermantel des Felsenpinguins bis zur puscheligen Konturfeder des Helmperlhuhns, samt den watteweichen Daunen ihres Unterkleids. So wird „Geheimnisse der Tierwelt“ auch zum Dokument der Faszination. Das Buch huldigt der Kunst der Mimikry, der Symbiose, der Geschlechtsumwandlung je nach Bedarf, dem Leben im Verborgenen oder unter widrigsten Bedingungen.

Rothery nennt das Buch seinen „Liebesbrief an unsere Erde“. Mit der Liebe wächst die Sorge: Der Band versammelt vor allem bedrohte Arten. Mit einer Bitte am Schluss: Malt auch Ihr Euer Lieblingstier! Wer ein Lebewesen schützen will, muss es erst mal kennen. Und das geht am besten, wenn man sich in seine Details vertieft. Rothery liebt die Tiere auch deshalb, weil er sie zeichnet.
Ben Rothery: Geheimnisse der Tierwelt. Aus dem Englischen von Marcus Taeschner. Frederking & Thaler, München 2021. 97 Seiten, 27, 99 €. Ab 10 Jahren.