Für immer in Stars Hollow

Vor vier Jahren war „Luke’s Diner“ plötzlich überall. Zum 16. Jubiläum der Serie „Gilmore Girls“ ließ der Streaminganbieter Netflix 200 Cafés in den USA umdekorieren, nach Vorbild des fiktiven Bistros, in dem die Serienheldinnen ihre Tage so oft beginnen. Eine New Yorker Cafébetreiberin erzählte den „ABC News“, dass die Schlange schon am frühen Morgen zwei Blocks lang war. Ziemlich sicher sind die Fans nicht für den Gratiskaffee gekommen – sondern für das Gefühl, das einem die Serie, in der irgendwie immer Indian Summer ist oder dicke Schneeflocken vom Himmel fallen, bis heute gibt.

Jetzt werden die „Gilmore Girls“ 20 Jahre alt. Am 5. Oktober 2000 feierte die Serie in den USA Premiere, vier Jahre später in Deutschland. Erfolgreich war sie auf der ganzen Welt. Sieben Jahre und sieben Staffeln lang drehte die US-Regisseurin Amy Sherman-Palladino die schönste, liebevollste Serie über Mütter und Töchter, die man sich zum Anbruch des neuen Jahrtausends wünschen konnte – mit zwei kaffeesüchtigen Hauptfiguren, in denen sich viele Frauen wiedererkennen wollten: die alleinerziehende Mutter Lorelai Gilmore und ihre Tochter Rory.

Lorelai wurde schon mit 16 schwanger und tritt eher als große Schwester ihrer Tochter auf, während die strebsame Rory ihre Chaosmutter mit Besonnenheit ausgleicht. Um Rory den Besuch einer Privatschule finanzieren zu können, muss die Hotelbetreiberin Lorelai ihre wohlhabenden Eltern, mit denen sie sich überworfen hat, wieder in ihr Leben lassen.

Millennials lernten wenig über das Zeitgeschehen

Natürlich ging es in „Gilmore Girls“ auch immer ums Ver- und Entlieben. Bis heute scheiden sich die Geister der Fans an der Frage, wer von Rorys Freunden nun der beste war: der Vorstadtprinz Dean, der Möchtegern-Beatnik Jess oder der neureiche Logan. „Gilmore Girls“ war immer eine Serie, die man nicht nur für ihre beiden Hauptfiguren liebt, obwohl deren Schlagfertigkeit legendär ist – sondern vor allem für die Nebencharaktere.

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Zum Personal gehören die glamouröse Tanzlehrerin Miss Patty, Rorys beste Freundin Lane, die ihre Plattensammlung vor ihrer ultrachristlichen Mutter versteckt, und eben der Diner-Besitzer Luke, der als Archetyp des patenten, liberalen No-Bullshit-Amerikaners eigentlich Bruce Springsteen heißen müsste. 

Ihre fiktive Heimat, Stars Hollow an der US-Ostküste, ist eine Kleinstadt wie ein Gemälde von Norman Rockwell: sehr drollig, sehr amerikanisch und sehr weiß, dazu unberührt von George Bushs „Krieg gegen den Terror“ und sozialen Problemen. Bei den Gilmore Girls lernten Millennials wenig über das Zeitgeschehen, dafür hörten sie von Margaret Atwood oder Patti Smith.

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339 Bücher, dutzende Filme und Bands tauchen auf

Am Ende der Serie wird die Serienbelegschaft über 339 Bücher, dutzende Filme und Bands gesprochen, die Regisseurin Sherman-Palladino unzählige Popkultur-Referenzen versteckt haben: Kelly Bishop, die Lorelais Mutter Emily spielt, gab schon in „Dirty Dancing“ die strenge Upper-Class-Mum. Die Gilmore Girls bauen einen Schneemann in Gestalt von Björk, sehen die leibhaftigen Bangles auf einem Konzert und treffen die (heute Ex-)Eheleute Kim Gordon und Thurston Moore von der Noise-Band Sonic Youth als Straßenmusiker. Für den Vorspann spielte die Sängerin Carole King ihren Song „Where You Lead“ von 1971 mit ihrer Tochter neu ein, bevor sie als Instrumentenhändlerin selbst in Stars Hollow auftauchte.

Lorelai und Rory waren nicht nur schlau, lustig und eigensinnig, sondern auch wandelnde Literatur- und Pop-Lexika. Die weißzähnigen, wohlfrisierten Gilmore Girls führten Nerd-Dialoge wie sonst nur Typen bei Quentin Tarantino oder Nick Hornby. Das hatte es in einer Serie für ein breites Publikum noch nicht gegeben. Während die echten und fiktionalen Stars der US-Gegenkultur meist Ausbrecher gewesen sind, Einzelgänger oder Rebels without a Cause, waren freundliche Kleinstadt-Streberinnen als coole Vorbilder lange nicht vorgesehen.

Lorelai und Rory mussten nicht demonstrativ die Gesellschaft hassen, um Jack Kerouac gut zu finden. Ein bisschen waren die Gilmore Girls der Schlussstrich unter die Neunziger mit ihren „Generation X“-Klischees über Antiheldentum und Nihilismus.

Fans hassten die Fortsetzung auf Netflix

Eine Wohlfühlserie war „Gilmore Girls“ natürlich immer, allerdings eine, deren Macherin mit einem Bein in der Li-La-Launewelt der traditionellen US-Familienserien und mit dem anderen in einer progressiveren Zukunft stand. Diesen Widerspruch löste Sherman-Palladino auf, indem sie in Gilmoreworld alles zugleich möglich machte: Rory und Lorelai ernähren sich – als Rebellion gegen Schönheitswahn und Diätkult – hauptsächlich von Junkfood, bleiben aber dünn.

Man darf sich über die Spitzen gegen den spießigen Bürgermeister Taylor amüsieren und trotzdem die heile Kleinstadtwelt genießen. Vor allem aber leistet sich Lorelai als angeblich prekäre Alleinerziehende einen Lebensstil, von dem die meisten Mittelständler nur träumen können – den Eltern, deren Lebensstil sie verachtet, sei Dank.

Möglicherweise hassen so viele Fans die Miniserie „Ein neues Jahr“, die 2016 auf Netflix als eine Art achte Staffel herauskam, weil sie ziemlich schmerzhaft zeigt, was für privilegierte Prinzessinnen ihre Girls doch sind. Vor allem Rory, die als Journalistin in der Sinnkrise nach Stars Hollow zurückkehrt, ist eine ziemlich blöde Kuh geworden: Sie schläft in Interviews ein, ist dann aber überfordert davon, dass ihr nicht jeder Erfolg in den Schoß fällt. Und auch ihr kuscheliges Stars Hollow ist, bei Tageslicht betrachtet, eben doch nur eine Kleinstadt, in der jeder dem (heterosexuellen) Pärchenglück entgegenstrebt.

Wenn also an irgendeinem Ort der Welt, ob in New York City oder anderswo, mal wieder eine Filiale von „Luke’s Dinner“ aufpoppt, sollte man sich diese schöne Wunderkammer unbedingt anschauen. Denn so wie da drinnen, war die Welt nie, und sie wird es wohl auch nicht mehr – leider, aber auch zum Glück.