Frischzellen für die Ohren

Thomas Schmidt-Ott ist Programm-Direktor von TUI Cruises. Über die „Creative Partners Berlin GmbH“ berät er das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin in strategischen Fragen, gerade entwickelt er zudem als Songwriter zusammen mit Dieter Hallervorden dessen „Lebensalbum“.

Elon Musk, der Boss von Tesla, SpaceX und The Boring Company, sprach kürzlich auf der Live-Audio-App Clubhouse. Klar, dass er den virtuellen Veranstaltungsort mit seiner maximal 5000-Nutzer-Zulassung pro Raum sprengte. Youtube kam zur Hilfe und streamte live für ein Millionen-Publikum.

Clubhouse, eine Social-Media-Audio-only-App, ist ein junger Hype. Facebook wirkt dagegen wie das Fax der Netzwerke. Dank Clubhouse stehen wir möglicherweise am Anfang einer Entwicklung, bei der jeder, der will, sein privates Hörfunkprogramm kuratiert und streamt. Man braucht nur ein iPhone und eine App, und schon geht’s los!

Das Publikum hört zu wie beim Radio, erlebt Gespräche wie in Live-Podcasts und kann mitten in der Sendung „aufs Podium“, um mitzumachen. Es gibt endlose Vorträge, Panels, interaktiv, spontan, verspielt. Ist das die Zukunft des Hörfunks – oder sein Ende im öffentlich-rechtlichen System?

Es wäre nicht das erste Mal, dass digitale Trends alteingesessene Hörfunkanstalten unter Reform- und Innovationsdruck setzen. Der digitale Wandel, neue Mediennutzungsgewohnheiten, immer konvergentere Endgeräte zwingen alle, egal ob privat oder öffentlich-rechtlich, in einen permanenten Konkurrenzkampf, inhaltlich wie auch technisch.

Wie können Zuhörerdaten in Programm umgesetzt werden?

Wer als Radio seine Zuhörerschaft nicht verlieren, oder besser, wer eine neue gewinnen will, muss als Welle maximal agil unterwegs sein. Eine Nische zu bedienen, kann dabei niemandes Ehrgeiz sein. Kundenorientierung ist der Schlüssel – aber nachhaltige Kundenbindung ist nicht leicht. Welche Welle weiß wirklich, wohin genau sie sich orientieren soll – und wie Zuhörerdaten wirkungsvoll in Programme umgesetzt werden?

Radio muss heute Multi-Channel sein. Es kann sich längst nicht mehr auf einen Übertragungsweg oder einen technischen Standard beschränken. UKW als lineares, für den Hörer „kuratiertes“ Angebot war Kernaufgabe, ist heute aber nur noch ein Teil des Ganzen und darf in der Fülle der Möglichkeiten nur die Abschussrampe in digitale Hör- und Content-Welten sein. Andernfalls greifen die Algorithmen der Streamingdienste mit ihrem Moodmanagement, also dem passenden Sound für den perfekten Moment, die Zuhörerklientel für sich ab.

Wer, wie die Wellenchefin von RBB Kultur, Verena Keysers, mit ihrem Team die rund 100 000 Zuhörer ihrer „linearen“ Welle an ihr Haus binden möchte, wer wie sie im ARD-Kontext 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche zwei Prozent Reichweite in der Kulturhörerwelt erobern möchte, mit hohen Verweildauern auch der über 60-Jährigen, der muss den richtigen Ton treffen: die ideale Mischung aus Bildung, Unterhaltung, Information, Emotion und last but not least Staatsvertrag. Zu jeder Tageszeit. Individuell den situativen Kontext jedes Zuhörenden erahnend, erfühlend und ins Schwarze treffend, wann immer sie oder er einschaltet.

Keysers und ihr Team müssen einer, in ihren Reaktionen schwer zu bestimmenden, Zuhörerklientel inhaltliche und ästhetische Neuerungen des Programms vermitteln. Ihr Auftrag lautet, RBB Kultur attraktiver zu machen, den Hörerschwund zu stoppen. Zugleich soll sie den Altersdurchschnitt unter 60 Jahre senken, neue digitale Formate entwickeln. Im Managementjargon heißt das: Programmentwicklung, Marktdurchdringung und Diversifikation. Kein leichter Job. Doch Keysers nahm die Herausforderung an und verpasste unter anderem dem Musikprofil der guten alten Dame RBB Kultur Frischzellen.

Droht beim Genuss von RBB Kultur Ohrenkrebs?

Erstmal nur fein dosiert: ausgewählte Filmmusik, New-Classics, Jazz und Pop ergänzen nun Bach, Beethoven, Brahms und Co. Doch so zart der Ansatz mit ein bisschen mehr Ludovico Einaudi, Yiruma, Hans Zimmer und anderen auch sein mag, der Aufschrei der Klassik-Klientel folgte sofort. Wenn Frederik Hanssen von „Glutamat für die Ohren“ schreibt, prognostiziert er damit indirekt: Ohrenkrebs, Parkinson, Gehirnschädigungen und was man Glutamat noch so alles an Langzeitwirkung nachsagt.

Wer auf klangliche Geschmacksverstärker setzte, gehe – um Himmels Willen! – das Risiko ein, die Stammklientel zu vergraulen, die auf die Unterkomplexität des neuen Programms allergisch reagiere. Ein Argument, das heute so langweilig klingt, wie die Kritik an der Kulturindustrie von Adorno und Horkheimer in den fünfziger Jahren: Das gebildete Individuum wird zum Kulturwaren-Konsumenten degradiert, weil es die trivialen Nichtigkeiten der New-Classics-Komponisten hören muss.

Einaudi, Yiruma, Zimmer sind Weltstars, an renommierten Hochschulen ausgebildet, sie haben eigene Klangsprachen entwickelt, die ihre Werke wiedererkennbar machen. Sie nutzen meist einfache, eingängige Harmonien. Und an ihnen haftet ein Stigma: kommerzieller Erfolg. Der macht sie in der Nische der Hardcore- Klassiker verdächtig.

Die Klassik-Puristen zerstören, was sie schützen wollen

Wer im Easy-Listening-Stil komponiert, wessen Musik nichts kon- oder dekonstruiert, sondern schlicht schön klingt, ist nicht würdig einzugehen unter das Dach der Puristen. Nicht mehr und nicht weniger kommuniziert die Ablehnung von New-Classics im Umfeld der alten Klassiker. Hier zeigt sich einmal mehr die falsche weil ideologisch verkrustete Klassifizierung unserer kulturellen Rezeption in U (Unterhaltungsmusik) und E (ernste Musik).

Wissentlich oder unwissentlich schließen die Verteidiger dieser Differenzierung den Elfenbeinturm der Klassik weiter zu. Sie merken nicht, dass sie zerstören, was sie schützen wollen. Sie merken nicht, dass sie die Marginalisierung der Klassik nicht nur im Radiokontext, sondern letztlich auch im Live-Konzert vorantreiben. Längst sind wir gefordert, wertfrei zu hören, ohne dabei Einaudis horizontale gegen Bachs vertikale Ästhetik auszuspielen. Wann sind wir so weit, im Land der Dichter und Denker tolerant mit musikalischen Stilen umzugehen? Wann stellen wir „die Klassik“ nicht mehr über alles und sprechen damit neuen Genres indirekt den künstlerischen Anspruch ab? Vielleicht wäre dies ein Thema für ein neuen Rau“Room“ in Clubhouse, für ein Panel mit denjenigen, die mit drei Akkorden drei Millionen erreichen, und jenen, die mit drei Millionen Akkorden drei Menschen beglücken.