„Frauen- und Männerfußball sind im Grunde zwei Sportarten“

Frau Linne, was halten Sie von dem Begriff Frauenfußball? Man sagt ja auch nicht Männerfußball.
Das ist richtig. Dazu passt auch, dass die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen offiziell Fifa Women’s World Cup heißt. Bei den Männern fehlt der Verweis auf das Geschlecht. Dort wird die WM einfach als Fifa World Cup bezeichnet.

Stimmt.
Aber ich habe keine Einwände gegen den Begriff Frauenfußball. Frauenfußball und Männerfußball sind nicht zu vergleichen, es sind im Grunde zwei Sportarten.

Und das aus dem Munde einer Frau.
Ja, aber der Fußball war zu Beginn nun einmal von Männern erdacht und für Männer gemacht. Erst sehr viel später kamen die Frauen dazu. Fußball ist auch im Jahr 2020 eine Domäne der Männer. Die Frauen müssen sich weiter ihren Platz erkämpfen, und sie werden wohl immer unter dem großen Bruder Männerfußball stehen. Das weiter zu verändern, ist eine schöne Herausforderung für die nächsten 50 Jahre. Da die meisten mit dem Begriff Fußball Männer assoziieren, finde ich es auch als Frau okay, wenn man Frauenfußball zum Frauenfußball sagt.

Der Anlass dieses Gesprächs mit Ihnen ist, dass es Frauen in Deutschland fast auf den Tag genau seit 50 Jahren erlaubt ist, Fußball zu spielen. Aus heutiger Sicht ist es kaum zu glauben, dass es dieses Verbot so lange gegeben hat. Was waren die Gründe dafür?
Das Rollenbild der Frau. In einer Ehe waren die Männer damals der sogenannte Haushaltsvorstand. Frauen hatten offiziell wenig zu sagen. Und Fußball war nun einmal Männersache, auch wenn es vereinzelte Frauenteams nach dem Krieg gegeben hat. Der Deutsche Fußball-Bund hatte den Frauen mit Verweis auf den Zeitgeist sowie Ehe- und Familienrechte im Jahr 1955 das Fußballspielen untersagt. Hinzu kam, dass der ausschließlich von Männern geführte DFB durch den Gewinn der Weltmeisterschaft im Jahr 1954 schwer euphorisiert war. Frauen waren in dieser Art männerbündischer Veranstaltung nicht vorgesehen. Dann gab es noch gesundheitliche Bedenken.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Pandemie live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können]

Welche waren das?
Der vielzitierte Psychologe Fred J. J. Buytendijk etwa kam in einer Studie aus dem Jahr 1953 zu dem Ergebnis, dass Fußball „eine Demonstration der Männlichkeit“ und das „Treten spezifisch männlich“, aber „das Nichttreten weiblich“ sei. Vor allem aber wurde vor der verminderten Gebärfähigkeit der Frau durch den Fußball gewarnt. Diese vermeintlich wissenschaftlichen Erkenntnisse aus den 1920er Jahren hielten sich bis in die 1950er und 1960er Jahre. Im Grunde sogar noch viel länger. Denn auch nachdem die Frauen 1970 hierzulande offiziell Fußball spielen durften, gab es wegen gesundheitlicher Bedenken zunächst Einschränkungen.

In welcher Art?
Im März 1971 stellte der DFB 17 Fußballregeln für Frauen auf. Darin stand zum Beispiel, dass Frauen keine Stollenschuhe tragen durften, dass sie mit kleineren Bällen spielen sollten und dass die Spielzeit bei ihnen nicht wie bei den Männern zwei Mal 45 Minuten betrug, sondern zwei Mal 30 Minuten. Erst viel später spielten die Frauen gleich lang wie die Männer. Auch wurde den Spielerinnen wegen ihrer vermeintlich schwächeren Natur eine sechsmonatige Winterpause verordnet.

Viele Erfolge. Die deutschen Frauen (hier am Ball Felicitas Rauch) haben bislang acht EM- und zwei WM-Titel geholt.Foto: picture alliance/dpa

Das 50-jährige Jubiläum des offiziellen Frauenfußballs in Deutschland wird dieser Tage gefeiert. Dabei wird oft vergessen, dass es noch ein anderes Deutschland gab, die DDR. Wie verhielt es sich mit dem Frauenfußball dort?
Ganz anders. In der DDR war Frauenfußball nie verboten. Gerade in den Betriebssportgemeinschaften wurde er gefördert. Allerdings war der Frauenfußball keine olympische Sportart, er erfuhr in der DDR keine leistungssportliche Förderung. Daher spielten nach der deutschen Einheit auch verhältnismäßig wenige Frauen aus dem Osten in der Frauennationalmannschaft. Aber im sogenannten Freizeit- und Erholungssport der DDR war er anerkannt.

Wie lässt sich der unterschiedliche Umgang mit dem Frauenfußball in der Bundesrepublik und der DDR erklären?
Am differierenden Rollenbild der Frau. In der DDR nahm die Frau in den Bereichen Arbeit und Sport eine viel dominantere Rolle ein als in der Bundesrepublik. In meinen Recherchen bin ich aber auch auf Dokumente gestoßen, die zeigen, dass es in den Verbänden der DDR ebenfalls Vorbehalte gab. Etwa, was die Zulassung von Schiedsrichterinnen betraf. Ich kenne auch Geschichten von Mädchen aus der DDR, die aus dem Fenster gestiegen sind, um heimlich zum Fußballtraining zu gehen, weil die Eltern dagegen waren. Grundsätzlich aber war die DDR dem Frauenfußball gegenüber viel aufgeschlossener.

Können Sie ein paar Beispiele aufführen, die veranschaulichen, wie sehr der Frauenfußball von den Medien verschmäht wurde?
Es gibt unzählige. Am bekanntesten sind die chauvinistischen Sprüche des früheren Sportstudio-Moderators Wim Thoelke, der in den 1970er Jahren einen Beitrag zum Frauenfußball mit den Worten „Decken, decken – nicht Tisch decken. Richtig Mann decken, so ist recht“, kommentierte. Aber er war nicht der Einzige. Im Gegenteil, noch im Jahr 1981 stand in der sonst aufgeschlossenen und liberalen „Süddeutschen Zeitung“ in einem Artikel zum „Brennpunkt“ Frauenfußball: „Eine Zukunft hat der Frauen-, Damen- und Mädchenfußball trotzdem. Nur müssen Aktive und Zuschauer sich frei machen von dem Gedanken, dessen Vater der Vergleich mit den kickenden Männern ist. Die Anziehungskraft liegt in einem anderen Bereich, dessen Betonung mehr auf Spaß an der Sache an sich, auf Freude und – welcher Mann kann das leugnen – auf dem Reiz weiblicher Attribute beruht. Und die können auch im Trikot durchaus ästhetisch wirken. Der Platz auf dem Thron freilich gebührt weiterhin (und wohl für immer) dem König Fußball. Jedoch wird er sich daran gewöhnen müssen, eine Königin neben sich zu haben.“

[Mehr guten Sport aus lokaler Sicht finden Sie – wie auch Politik und Kultur – in unseren Leute-Newslettern aus den zwölf Berliner Bezirken. Hier kostenlos zu bestellen: leute.tagesspiegel.de]

In der Bundesrepublik galten Turnen, Leichtathletik, Schwimmen und Tennis als Frauensportarten. Was sprach gegen den Fußball?
Ganz einfach, ich habe es schon angedeutet: Die Männer waren in Europa – die Wiege des Fußballs ist ja England – schon eher da. Letztlich gibt es schon seit 1795 mit den Dick Kerr Ladies auch Frauen, die den Sport ausübten. Doch die Geburtsstunde dieses Sports ist einfach männlich geprägt und daher haben es in der Bundesrepublik die Frauen von Beginn an schwerer gehabt.

Warum war die Entwicklung in anderen Ländern, beispielsweise in den USA, ganz anders?
Das hat sporthistorische und sportkulturelle Gründe. In den USA nehmen Football, Baseball, Basketball und Eishockey den größten Platz im Sportraum ein. Alle diese Sportarten sind dort männerdominiert. Der Fußball ist in den USA eine Art Nische für Frauen. Außerdem entfachte der Turniersieg der US-Amerikanerinnen bei der ersten Frauenfußball-WM im Jahr 1991 eine große Euphorie. Das Geld floss in den Fußball. Bis heute ist das der Fall. Auch in England oder Frankreich wird immer mehr in den Frauenfußball investiert. Viel mehr als in Deutschland.

Wo ein Bundesligaspiel der Frauen im Schnitt von knapp 800 Zuschauern verfolgt wird.
Diese Zahl ist sehr niedrig. Das mangelnde Interesse hat mehrere Gründe. Zum einen spielen zeitgleich mit den Frauen sämtliche Männer-Amateurmannschaften. Man müsste den Frauen einen eigenen Platz einräumen, damit die Spiele von den Fans stärker frequentiert werden. Und ein zweiter Punkt ist auch das mangelnde Interesse der Medien. In der Regel läuft es doch so: Wenn eine Europa- oder Weltmeisterschaft stattfindet, flammt mediales Interesse für den Frauenfußball auf. Danach verschwindet er wieder von der Bildfläche. Aber das Thema ist noch viel größer.

Inwiefern?
Das mangelnde Interesse von Zuschauern und Medien hängt mit einer generellen Unterrepräsentation der Frauen im Fußball zusammen. Frauen befinden sich nach wie vor kaum oder gar nicht in den entscheidenden Gremien des Fußballs. Außerdem werden viel zu wenige Trainerinnen ausgebildet. Aktuell wird nur eine einzige Frauen-Bundesligamannschaft von einer Frau trainiert. Ein wichtiger Punkt ist zudem, dass an viel zu wenigen Schulen Frauenvereine angegliedert sind. Deutschland befindet sich in Sachen Frauenfußball in einem Prozess, der immer noch ganz am Anfang steht.

Aber Frauenfußball ist doch inzwischen gesellschaftlich akzeptiert.
Diese Aussage stimmt so halb. Richtig ist, dass viele Eltern hierzulande im Vergleich zu früher kaum oder gar keine Vorbehalte mehr haben, ihr Mädchen zum Fußball zu schicken. Aber auch hier muss man unterscheiden. Gerade in ländlichen Regionen wird der Frauenfußball mitunter immer noch belächelt. Und was die Akzeptanz und gewissermaßen den Respekt vor dem Fußball angeht, fällt mir ein gutes Gegenbeispiel ein.

Ja?
Anlässlich ihres 40. Geburtstages bekam Ariane Hingst, eine der erfolgreichsten Nationalspielerinnen dieses Landes, Glückwünsche vom Bund Deutscher Fußball-Lehrer per Post zugesandt. Die Anrede lautete: „Lieber Kollege Hingst.“ Wäre so etwas bei, sagen wir mal, Lothar Matthäus passiert? Vermutlich nicht. Das ist eine Kleinigkeit. Aber sie verrät, wo der Frauenfußball in Deutschland steht.

Carina Sophia Linne, 38, ist Sporthistorikerin. Ihr Schwerpunkt liegt auf Frauenfußball.Foto: Falk Weiß

Im Umgang mit Homosexualität scheint der Frauenfußball dagegen ungleich weiter zu sein als der Männerfußball. Während es unter den Fußballprofis angeblich keine schwulen Männer gibt, haben die Frauen keine Probleme damit, sich zu outen. Wie kommt diese komplett unterschiedliche Herangehensweise von Mann und Frau mit dem Thema Homosexualität im Fußball zustande?
Das ist schwer zu sagen. Vielleicht liegt es daran, dass sich Frauenfußballerinnen von Beginn an recht offen über ihre Homosexualität äußerten.

Die frühere Bundestrainerin Tina Theune bezifferte den Anteil an homosexuellen Fußballerinnen auf 20 bis 40 Prozent.
Die Mädchen werden groß mit dem Wissen, dass es im Frauenfußball einen offenen Umgang mit diesem Thema gibt. Das öffnet die Türen für homosexuelle Frauen im Fußball. Ich bin überzeugt davon, dass Vorbilder hierbei eine wichtige Rolle spielten. Im Tennis etwa war es Martina Navratilova, die sich outete. So etwas nimmt dem Thema letztlich die Bedeutung. Im Frauenfußball spielt die Sexualität im Grunde keine Rolle. Es ist nichts Besonderes, homosexuell zu sein. Bei den Männern ist es für die Medien so spannend, weil es eben ein Tabuthema ist. Die Fußballer könnten es lösen, indem sie lockerer damit umgehen, wohl wissend, dass es eine sehr private Entscheidung ist, dazu öffentlich zu stehen.

Carina Sophia Linne, 38, ist Sporthistorikerin. Ihr Schwerpunkt liegt auf Frauenfußball. Während ihres Studiums war Linne als Spielerin beim Chemnitzer FC in der Regionalliga aktiv.

Das Interview führte Martin Einsiedler.