Frankreich plant Test-Konzerte mit infizierten Besuchern

In den letzten Wochen hatten sich im französischen Kultursektor die Fälle von regionalem Ungehorsam gegen die nationalen Corona-Auflagen gehäuft: Bürgermeister erklärten, ihre geschlossenen Museen eigenmächtig für Publikum zu öffnen.

Der Bürgermeister von Marseille verkündete den „kulturellen Notstand“. In verschiedenen kleinen und großen Kommunen öffneten einige Theater symbolisch für eine Stunde, als Akt des Protestes. Die Kulturnation macht Druck auf Kulturministerin Roselyne Bachelot.

Sie hat nun Test-Konzerte angekündigt. Diese sollen Ende März und Anfang April in Marseille und Paris unter wissenschaftlicher Begleitung endgültig beweisen, dass man unter Einhaltung der Hygieneregeln Kultur vor Publikum veranstalten kann.

„Einen Sommer ohne Festivals wird es nicht geben“, sagte Bachelot bei einem Fernsehauftritt vor wenigen Tagen und beruhigte so die aufgebrachten und wirtschaftlich dem Ruin zutreibenden Kulturarbeiter des Nachbarlandes.

Seit Wochen hatten die Druck auf die Kulturministerin gemacht, diverse Protestaktionen organisiert, an der Bastille demonstriert und eine Klage vor dem Verfassungsgericht eingereicht. Hauptargument: Der laizistische Staat genehmigt religiöse Versammlungen, nicht aber das Spielen vor Publikum.

Experimente mit 1000 Personen

Mit einer Reihe von Test-Konzerten will Roselyne Bachelot nun für die französische Kultur eine Öffnungsperspektive schaffen. Im Nachrichtensender La Chaine Info sagte sie: Es soll zwei Experimente in Marseille geben, Konzerte mit jeweils 1000 Personen auf Sitzplätzen, von denen sie aber auch aufstehen dürfen. Sie werden vorher getestet. Auch Menschen mit positiven Testergebnis dürfen in den Saal.

Bachelot will eine realistische Konzertsituation testen. „In Paris werden die Leute stehen, ein sehr wichtiger Test, weil er eine problematische Konzertsituation simuliert“, sagte sie bei einem ihrer Fernsehauftritte.

Bereits im August letzten Jahres hatte die Universitätsmedizin Halle in der Arena Leipzig ein Testkonzert mit Sänger Tim Bendzko durchgeführt. Im Dezember veranstaltete das Primavera Sound Festival in Barcelona ein weiteres Testkonzert, auch der Londoner „The 100 Club“ legte nach. Bei allen Konzerten kam es nicht zu Infektionen.

In Leipzig wurden die Besucher mit Contact-Tracern verfolgt. Es wurde ermittelt, welche Flächen sie berührten, ihre Laufwege wurden erfasst, Bewegungsmuster aufgezeichnet, die Dauer von Kontakten zwischen den Konzertbesuchern, verschiedene Sitzdichten überprüft. Aber bei allen bisherigen Konzertexperimente waren keine Gäste zugelassen, die zuvor positiv auf Corona getestet worden waren.

Unter Druck: Die französische Kulturministerin Roselyne Bachelot.Foto: Ludovic Marin / AFP

Ein wissenschaftliches Kolloquium soll die Ergebnisse auswerten

Genau hier geht Bachelot neue Wege: Man wird, wie angekündigt, auch Menschen mit dem Virus in den Saal lassen, alle Konzertbesucher werden nach einer und zwei Wochen erneut getestet. Das Marseiller Experiment, Ende März, begleitet das nationale Gesundheits- und Medizinforschungsinstitut INSERM. Das Pariser Konzert mit 5000 stehenden Zuschauern wird zusätzlich vom Pariser Krankenhausverband begleitet.

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Alle Konzertbesucher – im Alter von 20 bis 40 Jahren und ohne Vorerkrankung – bekommen Desinfektionsmittel, es herrscht Maskenzwang. Ein wissenschaftliches Kolloquium, so die Planung, soll die Ergebnisse am 8. April auswerten.

Wenn es zu keiner Infektion gekommen ist, haben die Kulturszene und ihre Kulturministerin neue Argumente an der Hand. Wenn sich allerdings Menschen haben dann hat Roselyne Bachelot ein ethisches Problem.

Denn dann hätte der Staat zusammen mit einer öffentlichen Einrichtung wissentlich eine Infektionssituation geschaffen, die nicht einmal Impfstoffentwicklern gestattet ist. Denn auch die dürfen ja weder eine geimpfte Person noch eine ungeimpfte aus der Placebogruppe willentlich einem Infektionsrisiko aussetzen.

„Wieder anfangen, zu leben“

Während in Deutschland die Bereitschaft vorhanden ist, auf Kultur im Dienste der Pandemiebekämpfung zu verzichten, hat man sich in Frankreich von solchen Perspektiven verabschiedet. Der Wertemaßstab ist ein anderer: Die Kulturnation ist bereit, für die Rückkehr der nun fast schon seit einem Jahr verstummten Kultur ein höheres Risiko einzugehen.

Der leere Louvre mit der Venus von Milo. Frankreich will ins Leben zurück.Foto: Martin Bureau / AFP

Deshalb zitieren Medien wie „La Chaine Info“ gerne Stimmen wie die des angesehenen Pariser Infektiologen Éric Caumes. „Ich glaube, die Gesundheitsdebatte nimmt in dieser Krise einen zu großen Raum ein. Wir hören viel zu wenig die Stimme der Philosophen. Wir hören viel zu sehr auf Epidemiologen oder Mathematiker, die uns Katastrophen vorhersagen. Wir müssen wieder anfangen zu leben, sonst versinken wir in einer pessimistischen Lähmung.“

Auch Lokalpolitiker erklären das Leben ohne Kultur zum zentralen Problem. So rief der Marseiller Bürgermeister Benoît Payan den „état d’urgence culturelle“, den kulturellen Notstand, aus und kündigte autonome Theateröffnungen an. Auf der stadteigenen Internetseite  erklärte in einem Video mit mediterranem Pathos: „Die Kultur ist Teil unseres Lebens, sie hat uns aus unserem barbarische Urzustand befreit, war Voraussetzung unserer Menschwerdung.“

Eigenwillige Öffnungen von Museen

Auch der grüne Lyoneser Bürgermeister Grégory Doucet opponierte gegen die Zentralmacht, als er die eigenwillige Öffnung von zwei Museen der Rhônestadt ankündigte. Die Kultur wird zum Instrument einer Fronde, mit der sich die Provinz gegen Macrons Zentralmacht auflehnt. Daran waren bislang vor allem grüne Bürgermeister beteiligt.

Im Februar hatte aber auch der Rassemblement National-Bürgermeister Louis Aliot im südfranzösischen Perpignan nachgezogen. Gegen seine Entscheidung, eigenwillig vier Museen der Stadt zu öffnen, geht inzwischen der Präfekt gerichtlich vor, also die lokale Vertretung der Staatmacht im Departement Pyrénées-Orientales.

Ein Fernsehmoderator machte sich einen Spaß daraus, die Kulturministerin nach ihren Gefühle zu fragen, wenn sie gerichtliche Schritte gegen die Öffnung von Kultureinrichtungen mittragen muss. Die kluge Roselyne Bachelot weiß natürlich um das politische Kalkül, das Macrons Opposition, oder besser Oppositionen, verfolgen.

Taktik der Oppositionen

Nach jüngsten Umfragen wird ein Wahlsieg der ultrarechten Marine Le Pen nicht mehr ausgeschlossen. Am linken Rand experimentieren Grüne und Linke mit Bündnisvarianten als Alternative zu Macron. In Marseille nannte man das bei den letzten Kommunalwahlen im vergangenen Frühjahr: Le Printemps Marseillais, Den Marseiller Frühling.

Roselyne Bachelot Vorstoß mit den Testkonzerten ist auch ein Versuch, sich in der hitzigen Kulturdebatte etwas Luft zu verschaffen und die staatliche Politik auch in Kulturfragen wieder sichtbar zu machen. Monatelang hatte sie vor Fernsehkameras kaum mehr als große Seufzer ausstoßen können. „C’est un crève-coeur“, „Es ist Herz zerreißend“ stöhnte die Opernliebhaberin glaubwürdig.

Kaum war sie im letzten Sommer Kulturministerin geworden, hatte sie nichts als Kulturschließungen und Lockdowns erlebt und musste doch als Kabinettsmitglied die Coronarestriktionen von Premier Jean Castex mittragen. Jetzt hat sie auch mit Museumsdirektoren über Öffnungsperspektiven gesprochen und strahlt Hoffnung aus.

Allerdings ist in der gegenwärtigen französischen Pandemiesituation eine zentrale der von Bachelot genannten Voraussetzungen für die Durchführung der Testkonzerte gar nicht absehbar: Ein nachhaltiger Abwärtstrend der Neuinfektionen.