Folge der Dolde

Eingängiges Genre, dass der Ober-Indianer des deutschen Musikkabaretts da erfunden hat: Anti-Aluhut-Dancefloor. Die mit stampfenden Elektrobeats unterlegte Eröffnungsnummer des Albums „Popmusik“ hat Rainald Grebe unter dem Eindruck der Querdenker-Demos in Berlin geschrieben.

„Wissenschaft ist eine Meinung, die muss jeder sagen dürfen“ gipfelt in der nicht nur Coronaleugner befallende Feststellung „Ich bin verwirrt, ich hab’ Couscous im Gehäuse“.

Im Video verwandelt er sich in ein kümmerliches Klick-Würstchen

Dass Rainald Grebe seine sonst solo am Piano oder in Gesellschaft der Kapelle der Versöhnung dargebotenen Lieder elektronisch derartig aufbrezelt, erweist sich auch beim zweiten Song „Der Klick“ als gute Idee.

Die Hommage an die Gaga-Texte und stupiden Rhythmen der Neuen Deutschen Welle ist ein witziger Kommentar zur grassierenden Abhängigkeit vom digitalen Equipment.

Im Video zum Song verwandelt sich Grebe, der bei seinen allfälligen Theaterproduktionen auch als Schauspieler fungiert, mittels rosa Leibchen und aufgeklebter Glatze in ein kümmerliches Klick-Würstchen.

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Beklemmender als diese satirische Vision menschlicher Evolution fällt die starke Ballade „Meganice Zeit“ aus. Darin sinniert Grebe über eine Tour durch ein von AfD-Wahlplakaten gepflastertes, bleiernes Land voller professioneller Wegseher: „Ich dreh einen Film , ich schreibe ein Buch / Ich bin auf der Erde nur zu Besuch.“

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Den Borniertheiten, Ignoranzen und Moden der urbanen Filterblase eins über zu ziehen, ist seit 20 Jahren Rainald Grebes Kernkompetenz. Dieses Mal wendet er sie in „Die Kraft der Pflanze“ auch auf die hippen Stadtflüchtlinge an, die – wie er selbst – teilzeit in der Uckermark residieren.

Turmbau zu Babel. Rainald Grebe mit Equipment.Foto: Alessandro De Matteis

[„Popmusik“ erscheint bei Tonproduktion Records/Rough Trade]

Deren Mantra „Folge der Dolde, hör auf die Halme / Leck keine Kröte, leck rote Beete“ umwabern sphärische Tranceklänge. Fabriziert hat sie Grebes treuer Produzent und Multimusikant Martin Bechler, dessen Band Fortuna Ehrenfeld bei einigen der zwölf Songs mitwirkt.
Auf Rainald Grebes Webseite kann man einen Beitrag des WDR-Fernsehens anschauen, der Bechlers heroischen Einsatz beim Zustandekommen von „Die Rose“ zeigt. Das schon von Bette Midler und Nana Mouskouri intonierte Liebeslied ist der Tränenzieher des Albums. Die ersten Strophen mit der Zeile „Liebe ist wie wildes Wasser“ singt nämlich der Männergesangsverein Harmonie der Zeche Victoria in Lünen.

Ein Volksliedschlager nach Heimatdichter-Geschmack

Coronabedingt musste jeder der greisen Bergmänner seinen Part solo in einem improvisierten Studio in der Zeche einsingen. Den rührenden Chorsatz, auf den zwei schlicht zum Klavier gesungene Strophen von Grebe folgen, hat Bechler dann aus den einzelnen Tonspuren gesampelt. Heraus kommt ein Volksliedschlager nach dem Geschmack des Heimatdichters Grebe.

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Dass der Land und Leute liebt, zeigt das hartnäckige Erinnern an den Klimawandel in den neuen Liedern. Kommenden Herbst will Rainald Grebe mit Gleichgesinnten selbst etwas gegen die drohende Verkarstung Brandenburgs tun und in Bugk, Kreis Oder-Spree, einen Kiefernwald zum Mischwald umforsten.

Die Mittel für das Setzen von 1500 Bäumen soll das für den 31. Juli geplante Konzert in der Waldbühne bringen. „Halleluja Berlin“, in zweiter Auflage. Die Alten erinnern sich an das gleichnamige Spektakel 2011, mit Gropius Chor, Turnmädels und Bolschewistischer Kurkapelle. Zum 50. Geburtstag hat Rainald Grebe die Wiederholung versprochen. Corona verpfeif’ dich, der Vorverkauf läuft.