Flucht ins All

Dystopien stehen – aus guten Gründen – derzeit hoch im Kurs. Eigentlich ist es erstaunlich, dass sich nicht noch mehr Comics mit dem drohenden Weltuntergang beschäftigen.

In „Soon“ (Carlsen, 240 S., 29,90 €) von Benjamin Adam und Thomas Cadène („6 aus 49“) ist er längst eingetreten: Im Jahr 2151 ist die Menschheit durch Klimakatastrophen, Kriege und eine weltweite Pandemie auf ein Zehntel geschrumpft und konzentriert sich auf sieben große Städte, in denen jeweils neue Wege des sozialen Zusammenlebens erprobt werden.

Der Energieverbrauch ist klar rationiert und an jedem Produkt angegeben, in den Museen wird Schulklassen gezeigt, wie rücksichtlos unsere Generation über ihre Verhältnisse gelebt und die Zukunft des Planeten verspielt hat.

Eine letzte Reise auf der Erde

Ein Großteil der Erdoberfläche ist verstrahlt, und in Zonen eingeteilt: Zone 1 zum Beispiel macht 88 Prozent der Landfläche aus, hier wird die Natur sich selbst überlassen. Das Reisen zwischen den Städten ist ein Luxus, den sich nur wenige leisten können.

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Zu ihnen gehört Simone, die sich zu Beginn der Geschichte mit ihrem Sohn auf eine letzte Reise auf der Erde begibt, denn sie ist Raumschiffkapitänin für eine überaus bedeutsame Mission: Um das Überleben der Art zu sichern, wird ein Generationsraumschiff ohne Wiederkehr nach Alpha Centauri geschickt – eine Reise ohne Wiederkehr.

Eine weitere Seite aus „Soon“.Foto: Carlsen

Simones Sohn ist weder davon noch von der gemeinsamen Reise sonderlich angetan: Das Verhältnis der beiden ist gestört, die Begeisterung für die Raumfahrt kann er, der sich der Erde und den Pflanzen verbunden fühlt, nicht teilen. Der Sinn von Simones Mission, die Rettung der Menschheit außerhalb des Planeten zu suchen, steht immer wieder in Frage.

Optisch ein Genuss, erzählerisch schwach

Grafisch ist „Soon“ überaus sehenswert: Die Städte der Zukunft leuchten in grün-türkiser Eleganz über die Seiten, die kunstvoll gesetzten Glanzeffekte sind ein optischer Genuss.

Das Titelbild des besprochenen Bandes.Foto: Carlsen

Erzählerisch hingegen leisten sich die Autoren einige Längen: Die Entwicklung der Erde bis zum Jahr 2151 wird umständlich mit vielen Rückblenden und Info-Dumps erzählt, ohne sich wirklich in die Story einzufügen.

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Das wird auf Dauer schnell ermüdend und nimmt den eigentlich großen Themen des Comics einiges von ihrer Wucht.

„Soon“ bleibt bei allen Ambitionen am Ende zu unentschlossen, welche Botschaft der Gegenwart denn nun mitgegeben werden soll: Die Erde hinter uns lassen und den Schritt ins All wagen? Oder sich lieber doch darauf konzentrieren, erst einmal die Probleme hier vor Ort zu lösen? Hoffen wir, dass wir uns nie zwischen diesen Optionen entscheiden müssen.