Fest in der Krise

Es ist kurz nach halb zwölf an diesem verregneten Berliner Mittwoch, und auf dem Bildschirm ist Denis Scheck zu sehen, wie er gerade auf der riesigen ARD-Bühne in der Frankfurter Festhalle die neben ihm sitzende Schriftstellerin Judith Zander willkommen heißt zur „virtuellen Buchmesse“.

Die Stimmen beider füllen die Halle akustisch komplett aus, kein Geräusch, kein Gesumme, Gemurmel oder sonst irgendwas ist im Hintergrund zu hören. Trotzdem: Lauter kann eine Leere kaum sein.

Die 72. Frankfurter Buchmesse, sie findet fast ausschließlich digital statt, abgesehen von einigen Veranstaltungen bei den in der Stadt stattfindenden Lesefestivals „Open Books“ und „Bookfest“ mit einem zahlenmäßig jeweils arg eingeschränkten Publikum: Und natürlich: Es geht. Die Technik funktioniert, zuhause im Home-Office ist es schön und lauschig.

Man kann auf seinem Laptop ins Netz gehen, den Buchmessenlivestream einschalten eine Viertelstunde oder länger zuhören, wieder raus, etwas anderes machen, und eine Stunde später erneut einschalten, im Halbstundentakt gibt es schließlich bis zum Abend ein moderiertes Gespräch. Dazu findet sich auf der Seite der Messe ein Digitalportal für Kontakte, Informationen und den Handel im Bereich Rechte und Lizenzen. Oder ein Button, der zum „Networking“ einlädt, ein anderer zum „Matchmaking“.

Gibt es die Messe 2021 wieder im alten Format

Was fehlt? Klar, der Rummel, der physische Kontakt, die Begegnungen.Kein Redner, keine Rednerin vergaß darauf hinzuweisen, als es am Dienstag traditionsgemäß erst am Mittag die Eröffnungskonferenz und am frühen Abend auch die offizielle Buchmesseneröffnungsfeier gab, letztere dann mit dem kanadischen Premierminister Justin Trudeau als Repräsentant des vorgesehenen Gastlands und dem wie stets traurig dreinblickenden israelischen Schriftsteller David Grossman als sogenanntem Keynote-Sprecher, beide wurden sie zugeschaltet.

Obwohl Buchmessendirektor Jürgen Boos vor der Messe häufig genug gesagt hatte, dass die Buchmesse in Zukunft nicht mehr so sein werde, wie sie einst war, klang es bei vielen Rednern und Rednerinnen, als würde es 2021 eine Frankfurter Buchmesse in alter Jubel- und Trubelform geben – ob bei Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier am Mittag, bei Kulturstaatsministerin Monika Grütters am Abend (die im übrigen eine gute, engagierte Rede hielt), aber auch bei Boos selbst.

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Doch fragt sich, woher dieser Optimismus kommt? Wieso sollte das so sein, da die Pandemie auch 2021 eine sein wird, es bestenfalls teilweise wirkende Impfstoffe gibt?

Immerhin erwähnte die Börsenvereinsvorsteherin des Deutschen Buchhandels Karin Schmidt-Friderichs, die vorher kaum eine lobende Floskel auf die Kraft des Buches ausgelassen hatte, „Das Buch ist krisenfest“, „Bücher sind Leuchttürme“, „Bücher bringen die Welt nach Hause“ etc., dass ein „Back to normal“ nicht mehr möglich sei, die Buchmesse sich „neu erfinden“ müsse.

Das arg kitschige Motto, das die Messe sich gegeben hat, „Signals of Hope“, spricht da eine eigene Sprache. Diese Signale will die Messe aussenden, dergestalt, dass sie trotzdem und eben digital stattfindet und nicht abgesagt wurde, aus wirtschaftlichen Gründen gar nicht abgesagt werden konnte. Es wirkt an diesem Dienstag aber vor allem so, als würden sich alle Beteiligten gegenseitig Mut zu sprechen.

Denn natürlich wird der einmal eingeschlagene digitale Weg weiter beschritten, gerade im Erfolgsfall dieser sogenannten „special edition“, der besonderen Messeausgabe.

Konzentrierter lassen sich solche Eröffnungspressekonferenzen- und feiern digital allemal verfolgen, oder Gespräche von Denis Scheck mit Autorinnen wie Judith Zander. Konzentrierter geht es sicher auch bei digitalen Lizenz- und Rechteverhandlungen zu. 

Gut möglich also, dass die Buchmesse in Zukunft eine viel kleinere sein wird, weil viel mehr ins Netz verlagert wird und sich viele ausländische Aussteller sehr genau überlegen werden, ob sich eine Reise in die Mainmetropole überhaupt noch lohnt. Was wiederum Auswirkungen auf das Wirtschaftsgeschehen in Frankfurt hat, bei der Messe GmbH, beim Hotel- und Gaststättengewerbe, bei Taxiunternehmen etc.

Digital ist besser? Signale der Hoffnung? Die Frankfurter Buchmesse leidet. Die Trauer, dass es nie mehr so sein wird, wie es war, ist deutlich zu spüren – und doch haben die Verantwortlichen gezeigt, wie flexibel sie sein können. So wie überhaupt die Buchbranche bislang.

“Signals of hope” heißt das Motto der Messe

Das Klagen, das früher stets mit dazu gehörte, selbst wenn es eigentlich sehr gut lief, ist ein doch eher leises, Optimismus versprühendes, nicht zuletzt weil die gesunkenen Umsätze seit dem Sommer und der Aufhebung des Lockdowns wieder ansteigen. „Buchmärkte erholen sich vom Corona-Schock“, hat gerade das Marktforschungsunternehmen GfK für ganz Europa herausgefunden.

Und wie gehabt sind die Verlage wieder dabei, ihre Frühjahrsprogramme zu verschicken. Nur schwer lässt sich bei der Durchsicht erkennen, dass es weniger Titel als sonst gibt. Am Dienstag waren es Hanser und Rowohlt, am Mittwochmittag folgte um kurz vor eins der Aufbau Verlag mit der Zeile: „Wenn die Buchmesse ausfallen muss, kommen die Informationen zu den Frühjahrstiteln der Aufbau Verlage nun eben auf diesem Weg zu Ihnen.“

Das wären sie so oder so. Es weist aber auf die Beweglichkeit auch der Verlage hin. In der Woche vor der Messe präsentierte etwa der Verlag Kiepenheuer & Witsch sein Herbstprogramm in Form von zwei live gestreamten Bühnenshows in Köln und Berlin. 

Der in München beheimatete Deutsche Taschenbuchverlag (dtv) produzierte ein Magazin mit Leseproben, bestellten Rezensionen und Interviews zu seinen Neuerscheinungen und legte dieses der Montagsausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ bei. Und in Berlin ließ sich der Schweizer Verlag Kein & Aber eine originelle Aktion einfallen: ein sogenanntes Videomapping, eine Lichtinstallation, bei der die Fassade der neben dem Kanzleramt liegenden Schweizer Botschaft mit Covern und Inhalt von Büchern des Verlags bunt bespielt wurde.

Ob die deutschsprachigen Verlage erneut geschlossen nach Frankfurt kommen, wenn die Messe 2021 oder 2022 ihre Hallen wieder öffnen darf? Die Branche jedenfalls hat die Corona-Krise bislang einigermaßen gemeistert, und Börsenvereinsvorsteherin Schmidt-Friderichs mahnte am Dienstag die Verbindung „der durch Corona gestärkten digitalen Skills mit unseren klassischen Kompetenzen“ an. Es könnte sein, dass die Frankfurter Buchmesse sich darauf einrichten muss, ihre „special edition“ zur Norm werden zu lassen.