Feingefühl ist etwas anderes

Es war furios, wie der Schriftsteller Maxim Biller in dieser Woche mit der tatsächlich unsäglichen Kabarettistin Lisa Eckhart in der „Süddeutschen Zeitung“ abrechnete.

Der Grund: Eckhart saß am Freitagabend im Literarischen Quartett, der Sendung im ZDF die aufs allerengste mit der Person von Marcel Reich-Ranicki verbunden ist. (Und ein ganz kleines bisschen natürlich auch mit seiner eigenen Person, war Biller doch zwei Jahre festes Mitglied des Quartetts).

Reich-Ranicki habe nun, so der Berliner Schriftsteller, „endgültig den Kampf gegen die Nazis verloren“, denn mit Eckhart war im Quartett eine Buchvorstellerin zu Gast, die laut Biller „mit ihrer sehr, sehr blonden HJ-Frisur, mit ihrem Nazi-Domina-Look und ihrem herablassenden, nasalen Offiziersmessen-Ton nicht gerade den Charme und die Menschlichkeit von Barbra Streisand, Clarice Lispector oder Ruth Klüger versprüht.“

Literaturkritik findet im Quartett nicht mehr statt

Was bei der langen Zornesrede, die geschickt Eckharts Tätigkeit als „Schmähkabarettistin“ und „Retro-Österreicherin“ mit Reich-Ranickis Leben und Lebenswerk überblendet, überdies mal wieder ins Bewusstsein geriet: Das Literarische Quartett gibt es noch immer!? Wann war noch einmal die letzte Ausgabe? Was wurden dort für Bücher besprochen?

Warum es allerdings dieses Format immer noch gibt, weiß niemand so genau, nicht einmal von einem Mindestmaß an Relevanz kann die Rede sein. Literaturkritik findet im Quartett nicht mehr statt, Literaturkritikerinnen und Literaturkritiker haben bei Thea Dorn, der neuen Vorsitzerin der Runde, nichts mehr zu suchen und zu besprechen.

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Stattdessen Prominente und halbwegs Prominente, die Bücher lesen oder, noch idealer, selbst schreiben, wie die österreichische Schriftstellerin Vea Kaiser, wie Juli Zeh, wie der Schauspieler Matthias Brandt. Oder wie jetzt am Freitag sehr spät am Abend die Tennisspielerin und Sportmoderatorin Andrea Petković, die gerade mit „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“ ihren ersten Erzählband veröffentlicht hat, und eben Lisa Eckhart mit ihrem Debütroman „Omama“.

Die Hoffnung des ZDF scheint es zu sein, dass zumindest wegen der Vielzahl der vermeintlichen Promis noch irgendjemand zuschaut, dass eine Reizfigur wie Eckhart die Leute vor die Bildschirme lockt.

Es ist inzwischen leider sehr egal geworden, ob diese Sendung noch existiert oder nicht. Selbst der Buchmarkt dreht sich nur noch müde zur Seite.

Zumal die Buchauswahl in der Regel erratisch ist.

Die Auswahl der Bücher ist erratisch

Dieses Mal wollte man es wohl mit den Essays von Michel Houellebecq (“Chefprovokateur”, “Provokationsmaschine”, so Dorn) ordentlich kesseln und sich mit Don DeLillos „Die Stille“ auf den Stand unserer Digitalabhängigkeit bringen lassen (Apokalypse, Internetausfall! “Meister des Postmodernismus” nennt ihn Andrea Petković).

Nur: Wie passt dazu „Es wird wieder Tag“, der jüdische Familienroman der in einem Displaced-Persons-Camp 1947 als Tochter von Holocaust-Überlebenden geborenen Soziologin Minka Pradelski? Erstaunlich, dass Biller auf Eckhart als Bewerterin des Pradelski-Buches gar nicht eingegangen ist. (Was sie im übrigen ähnlich wie Ulrich Matthes stilistisch misslungen fand.)

Gut vorstellbar, dass Thea Dorn und der Redaktion des Quartetts Billers „Anmerkungen“, wie sie überschrieben waren, nur recht gekommen sind: Biller hat sich mit der Einladung Eckharts provozieren lassen. Letztendlich wirft er dem Sender mangelndes Feingefühl vor. Provokation gelungen, Sendung endlich wieder im Gespräch, so das ZDF-Kalkül. Fehlt jetzt nur noch, dass nächstes Mal der bekannte Literaturexperte Dieter Nuhr neben Dorn Platz nimmt.