Es gibt auch eine Rückkehr ohne James Bond

Die Pandemie hat die wunderlichsten Unwortschöpfungen hervorgebracht. „Lockdown light“ war so ein Begriff, mit dem die Politik im vergangenen Herbst der Bevölkerung die nächste Phase der Selbstbeschränkung schmackhaft zu machen versuchte. In der Werbung klingt „light“ stets wie ein Versprechen: weniger Kalorien, mehr Geschmack. Ich will so bleiben, wie ich bin. Das Leben musste ja irgendwie weitergehen, zumindest für die, die von sich behaupten konnten, „systemrelevant“ zu sein. Noch so eine fragwürdige Vokabel, die uns Corona beschert hat. In die Röhre guckte dabei die Kultur. Sie ging Anfang November binnen einer Woche in den vorzeitigen Winterschlaf, Museen, Bühnen, Kinos wurde die Komplettschließung verordnet.

Das Gefühl war den Betroffenen schon aus dem Frühjahr nur zu vertraut. Auch da gehörte die Kultur zu den letzten, die aus dem Lockdown zurückkehren durften. Inzwischen sind all die, die sich zum erweiterten Kreis der Kulturschaffenden zählen, von den Routinen etwas abgestumpft. Man berichtet halt über die Theaterpremiere im Stream, flaniert online durch den Louvre und guckt nach dem Homeoffice auf der Couch Netflix.

Als am Mittwoch die Ministerkonferenz zum Corona-Gipfel zusammenkam, hatten die Interessenverbände vorab Erinnerungsschreiben aufgesetzt, um von den erhofften Lockerungsmaßnahmen bloß nicht übergangen zu werden. Auch die Filmbranche, die Kinobetreiber und Verleiher, gehörte dazu. Das Resultat war ernüchternd: Kinos und Theater wurden wieder nur unter ferner liefen erwähnt, dabei spitzt sich die Situation für die Angestellten, Soloselbstständigen und mittelständischen Betriebe in der Kulturbranche inzwischen dramatisch zu.

Die aufmunternden Sprüche auf den Markisen der Kinos gehören längst zum Straßenbild. Stay Healthy! Wir sehen uns bald wieder! Aber so einfach ist das nicht. Sollte sich die Lage nach Ostern trotz der neuen Covid-Mutationen stabilisiert haben, waren die Kinos fast sechs Monate geschlossen; länger als nach dem ersten Lockdown.

Vertrauen in die Kultur in der Pandemie

Schon der Sommer, in dem die Kinos mit verringerter Sitzplatzzahl wieder spielten, war unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten kaum vertretbar, erklärt Christian Bräuer von der Berliner Yorck-Kinogruppe. Er bereut die Entscheidung trotzdem nicht: „Wir mussten uns bemerkbar machen. Anfangs haben sich viele Menschen noch nicht ins Kino getraut, darum war es wichtig, Vertrauen zu schaffen und zu zeigen, wie nötig Kultur in der Pandemie ist.”

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Dieser Effekt scheint im zweiten Lockdown verpufft zu sein. Filmfestivals wandern ins Netz ab, Nachrichtenwert hatten zuletzt meist nur noch die Hollywoodstudios, wenn sie wieder mal den Starttermin des neuen Marvel- oder Bond-Films verschoben. Aus der Politik haben die Kinos im Moment, anders als Einzelhandel oder Friseure, kein Entgegenkommen zu erwarten, obwohl sich ihre Hygienekonzepte – im Gegensatz etwa zu dem der Bundesliga – bewährt haben.

Vor allem aber fühlte sich die deutsche Branche im Sommer vom „starken Partner“ Hollywood im Stich gelassen. Es mutet absurd an, wenn man in Berlin, Hamburg und Nürnberg gerade verzweifelt auf das Infektionsgeschehen in Los Angeles und New York starrt: Bis die Kinos in den beiden wichtigsten US-Märkten (wo bis heute Christopher Nolans „Tenet“ nicht auf der Leinwand zu sehen war) wiedereröffnen, werden die Hollywood-Studios ihre Blockbuster zurückhalten. Somit ist die deutsche Branche vorerst auf sich allein gestellt.

Die Informationspolitik der Regierung frustriert

Ähnlich sieht es Björn Hoffmann vom Arthouse-Verleih Pandora, der die neuen Filme von Andreas Dresen und Christian Schwochow in den Startlöchern hat. „Tritt das Worst-Case-Szenario ein, dass die Kinos erst im Sommer oder gar Herbst aufmachen dürfen, wird die Situation existenzbedrohlich. Dann, fürchte ich, werden einige Kinos und Verleiher nicht aus dem Lockdown zurückkehren.“

Erschwerend kommt hinzu, dass die Verleiher im Herbst nicht für die Überbrückungshilfe II antragsberechtigt waren, weil die Einnahmen in den seltensten Fällen zu 80 Prozent aus dem von den Schließungen betroffenen Kinogeschäft stammen. Doch die Umsätze durch BluRay-Verkäufe und Video-on-Demand reichen nicht zur Deckung der Fixkosten. „Gott sei dank haben wir die Kurzarbeit“, seufzt Hoffmann.

Bräuer zeigt einerseits Verständnis für die vorsichtige Haltung der Politik; selbst für die Senkung des Schwellenwerts auf die Inzidenz 35, die schlimmstenfalls bedeuten könnte, dass die Kinos noch länger geschlossen bleiben. Er ist nach dem vergangenen Mittwoch nur zunehmend von der Informationspolitik der Regierung frustriert: „Man wird nicht mal vertröstet, die Kinos tauchen gar nicht auf.“

Hollywood ist kein Partner der Kinos

Dabei benötigen die Kinos Planungssicherheit. Man fährt, darin unterscheidet sich die Kultur vom Einzelhandel, den Kinobetrieb nicht einfach von 0 auf 100 hoch. Vier Wochen sind der mindeste Vorlauf, den man zur Wiedereröffnung benötige, darin sind sich Kinos und Verleiher einig.

Da man gerade nicht auf die US-Studios zu zählen braucht, ist man allerdings etwas flexibler als im Sommer, als die Branche ihre Zukunft von „Tenet“ abhängig machte. Hier helfen die Mittel aus dem Programm „Neustart Kultur“ – auf die Verleiher bislang ebenfalls keinen Anspruch haben. Aber auch die Kinos warten, wie fast alle Unternehmen, noch auf einen Großteil der „Novemberhilfe“. Wenn die ausstehenden Zahlungen, die sich bei vielen Programmkinos, so Bräuer, momentan noch auf 80 Prozent des zugesicherten Betrags belaufen, nicht in den nächsten Monaten fließen, bedeute das für einige Kinos der Yorck-Gruppe das sichere Ende, erklärt der Geschäftsführer.

In einem strukturschwachen Land wie Thüringen kann die Schließung des einzigen Multiplexkinos, wie in Gera geschehen, die kulturelle Grundversorgung drastisch reduzieren. In Berlin sind die Arthousekinos mit einem Anteil von, laut Bräuer, 30 Prozent zwar kein Nischenmarkt. Trotzdem besteht die Gefahr, dass auch sie bald unter Artenschutz stehen.