Es geht auch eklig

Wie ein Rugby-Spieler fixierte Taiwo Awoniyi den fliegenden Ball mit seinem Blick, und drängelte sich an der Strafraumkante in Position. Das lange Zuspiel von Marvin Friedrich wurde erst einmal von Marcus Ingvartsen verlängert, bevor Awoniyi den Ball unter Kontrolle brachte, sich gegen zwei Kölner Verteidiger durchsetzte und ihn ins untere Eck schaufelte. Es war kein besonders schönes Tor, aber ein wichtiges. Denn in einem wie auf dem Rugby-Feld umkämpften Spiel eröffnete es dem 1. FC Union den Weg zum 2:1-Auswärtssieg in Köln.

Dass Union auch noch eklig gewinnen kann, hatte Trainer Urs Fischer schon vor dem Spiel versprochen. Und tatsächlich mussten die Köpenicker gegen Köln auf alte Tugenden setzen. Das Tor von Awoniyi war schon das zweite Mal in der ersten Halbzeit, dass Friedrich mit einem langen Ball eine gute Chance kreierte. Nach den spielerisch starken Leistungen der ersten Saisonwochen zeigte Union am Sonntag wieder sein altes Gesicht, und zwar in voller, ekliger Pracht. „Es gilt, dieses Gesicht beizubehalten“, sagte Fischer nach dem Spiel. „Wenn es dann so enge Spiele sind und du nicht so viel Raum bekommst, dann geht’s eben auch über Kampf.“

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Am Sonntag ging es fast nur über Kampf. Von der Leichtigkeit, die Union bei den Kantersiegen gegen Bielefeld und Mainz ausgezeichnet hat, war im Duell mit dem FC wenig zu sehen. Weil die Kölner Abwehr den Spielmacher Max Kruse exzellent aus dem Spiel nahm, mussten die Berliner ackern und den Ball lang schlagen.

Das kam vor allem Awoniyi zugute, der vorne drängelte, die Bälle aus der Luft holte und sich endlich mit seinem ersten Tor für Union belohnte. Das Wiedersehen mit Sebastian Andersson, der früher diese Rolle gespielt hat und am Sonntag für Köln auf dem Platz stand, geriet dabei fast in Vergessenheit. Schließlich liegt Union jetzt auf Platz fünf in der Tabelle und darf seinen Blick entschieden nach vorne richten.

Und irgendwann, irgendwann einmal, spielt Union auch international, singen die Köpenicker Fans zur Melodie von „Mrs Robinson“. Gerade in diesen Tagen träumen sie 20 Jahre nach der letzten Europapokalteilnahme wieder von Reisen über den Kontinent. Doch davon will Urs Fischer nach wie vor nichts hören. „Es ist doof und dumm, über Europa nachzudenken“, sagte der Trainer am Montag, und hat damit wohl recht. Bei allem aktuellen Optimismus gab es am Sonntag auch leise Untertöne von einem anderen Lied von Simon and Garfunkel, und zwar „Hazy Shade of Winter“. Denn nach dem goldenen Herbst deuteten die Mühen in Müngersdorf erstmals darauf hin, dass der Winter hart werden könnte.

Die Verletztenliste wird immer länger

Das lässt sich erst einmal an der wachsenden Liste der Verletzten festmachen. Am Sonntag musste Sebastian Griesbeck schon nach einer halben Stunde angeschlagen vom Platz, während Florian Hübner erst gar nicht nach Köln reisen konnte. Bei beiden Spielern hoffe man, „dass es nicht so schlimm ist“, sagte Fischer. Denn sonst gehen ihm so langsam die Optionen aus.

Neben dem Langzeitpatienten Anthony Ujah fällt auch Joel Pohjanpalo bis Februar aus. Christian Gentner, Nico Schlotterbeck und Keita Endo kämpfen noch um ihre Rückkehr ins Mannschaftstraining. Und der zuletzt positiv auf das Coronavirus getestete Marius Bülter befindet sich weiterhin in Quarantäne.

Gerade jetzt, unmittelbar vor der hektischsten Zeit des Jahres steht, kommt die Verletzungsmisere für Union etwas ungelegen. Nach dem Heimspiel am Samstag gegen Eintracht Frankfurt und dem darauf folgenden Derby gegen Hertha stehen für die Köpenicker im Dezember zwei englische Wochen an, mit insgesamt vier Spielen in elf Tagen. Zu den Gegnern zählen dann unter anderem Bayern München und Borussia Dortmund.

Die schweren Spiele kommen noch

„Wir haben eine nicht so ideale Auslosung mit den sehr starken Gegnern am Ende, deswegen ist es nicht schlecht, dass wir jetzt Punkte holen“, sagte Kapitän Christopher Trimmel. Mit den guten Ergebnissen in der Anfangsphase der Saison hat Union zumindest dafür gesorgt, dass der Druck in der Weihnachtszeit ein bisschen niedriger sein könnte. Wenn man zum Klassenerhalt 40 Punkte braucht, müssten es bis zum Ende der Hinrunde 20 sein. Rein theoretisch könnte Union diese Marke mit Siegen gegen Frankfurt und Hertha schon vor den englischen Wochen knacken, und bis tief in den Januar sorgenfrei verlieren.

Aber es kann auch anders kommen. Wie im vergangenen Jahr, als Union einen ebenfalls berauschenden Herbst mit einem Sieg gegen Köln zu Ende brachte – und dann keines der nächsten vier Spielen mehr gewann. Man ist also gewarnt. Der Winter kommt, und für den 1. FC Union hat der Kampf in dieser Saison erst begonnen.