Es bleiben nur noch Rechenspiele

Die Hände hinter dem Kopf verschränkt und mit starrem, nachdenklichen Blick saß Alfred Gislason am Spielfeldrand. Der Bundestrainer brauchte einen Moment um die 28:32-Niederlage der deutschen Handballer gegen Spanien zu verdauen, die das fast schon sichere Aus bei der Weltmeisterschaft besiegelte. Seinen Spielern ging es nicht anders.

Grüppchenweise trotteten sie in die Kabine zurück, jeder in seinen Gedanken, bevor sich die Mannschaft noch einmal zusammensetzte. „Natürlich waren wir sehr niedergeschlagen“, berichtete der 23-Jährige Johannes Golla. „Jeder geht damit anders um. Ich persönlich falle nach so einer bitteren Niederlage in ein kleines Loch, aber wir haben uns dann zusammengerafft und versucht, Positives mitzunehmen.“

Nach einer durchschnittlichen ersten Halbzeit kamen Golla und Co. sensationell aus der Pause zurück und drehten den Drei-Tore-Rückstand. Agil in der Abwehr und mit einem bestens aufgelegten Johannes Bitter im Tor setzte die deutsche Mannschaft ihren Gegenüber zunehmend unter Druck, fand immer bessere Lösungen gegen die unangenehme offene Defensive der arrivierten Spanier.

Der Sensations-Erfolg gegen den amtierenden Europameister schien auf einmal möglich. Doch die alten Hasen um den 39-jährigen Kapitän Raul Entrerrios ließen sich nicht aus der Ruhe bringen und spielten über die Zeit ihre individuelle Klasse aus. Deutschland auf der anderen Seite erlaubte sich zu viele Ungenauigkeiten, konnte in der Schlussphase knapp neun Minuten lang kein Tor erzielen und gab die Führung und damit den Sieg wieder aus der Hand.

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Minuten, in denen Gislasons Team Lehrgeld zahlte. Im Angriff leistete sich Juri Knorr nach zunächst wertvollen Impulsen zwei unglückliche Abspielfehler, freie Würfe wurden wie schon in der ersten Halbzeit unnötig verschenkt und durch die Unkonzentriertheiten handelte man sich schnelle Gegenstoßtore ein. Hinten wirkte Golla wiederholt überfordert, während sein Nebenmann im Mittelblock Sebastian Firnhaber bereits in der ersten Viertelstunde zwei Strafzeiten erhielt und in der Crunchtime nach dem dritten Verweis die rote Karte sah.

Es waren Einzelaktionen, die „an der Psyche zehrten“ und das Spiel der Deutschen am Ende wieder langsam zermürbten. „Da muss man sagen, dass Gegner auf diesem europäischen Topniveau noch etwas abgezockter und erfahrener sind als wir. Daraus müssen wir lernen, um uns in Zukunft besser zu präsentieren“, räumte Golla nach seinem erst zwölften Länderspiel ein, wenngleich er zumindest eine Steigerung gegenüber der Partie gegen Ungarn konstatieren konnte.

Die letzte Hoffnung ist jetzt ein Dreiervergleich

Es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die junge deutsche Truppe, die auf viele ihre Leistungsträger verzichten musste und wenig Zeit hatte, um sich zusammenzufinden, zwar Talent hat, allerdings noch nicht über die Qualität verfügt, um in der Weltspitze Stand zu halten. Dennoch ist zumindest rechnerisch noch ein Weiterkommen möglich.

Dafür müsste Deutschland in jedem Fall am Samstag gegen Brasilien und am Montag gegen Polen gewinnen (beide 20.30 Uhr). Da davon auszugehen ist, dass Spanien seiner Favoritenrolle gegen Uruguay gerecht wird und als erstes in das Viertelfinale einzieht, können die Deutschen abschließend nur auf einen Dreiervergleich hoffen, wofür Ungarn gegen Polen und Spanien verlieren müsste. Ungarn, Deutschland und Polen wären dann punktgleich und das Torverhältnis würde entscheiden.

Viel hätte, wenn und aber auf das sich Johannes Golla nicht versteifen will: „Wir haben es nicht mehr in der eigenen Hand. Natürlich wollen wir die nächsten zwei Spiele gewinnen und mit einem guten Gefühl aus dem Turnier gehen. Das würde uns auch für die Zukunft helfen.“ Seine schwierigste Aufgabe ist es jetzt, den Schock nach den zwei schmerzhaften Niederlagen abzuschütteln. Was dann noch in Ägypten möglich ist, wird sich zeigen.