Erster multikultureller Laufstall

Als Alem Grabovac in der Belgrader Altstadt vor dem Haus steht, in dem sein Vater zuletzt gelebt hat, bricht es kurz aus ihm heraus. „War nicht gerade nett von dir, mich so im Stich zu lassen. Ich weiß nicht, wie dein Leben verlaufen ist. Kann mir vorstellen, dass es nicht einfach war. Aber eines sage ich dir: meins auch nicht. Ein seltsames Leben hast du mir da eingebrockt. Ein wirklich seltsames Leben.“

Von diesem seltsamen Leben erzählt der „Welt“- und „taz“-Journalist Alem Grabovac in seinem als Roman bezeichneten Erinnerungsbuch mit dem, wie sich herausstellen wird, naheliegenden Titel „Das achte Kind“. (Hanser Blau, Berlin 2021.256 S., 22 €.)

Dabei spielt der Vater, von dem er bis auf ein paar Fotos nichts besitzt, an den er keine Erinnerung hat, lediglich eine Nebenrolle. Seine Vatersuche reduziert sich auf das Auffinden eben jenes Hauses und von dessen Grab, und die Rekonstruktion des Vaterlebens erfolgt sparsam und speist sich aus den Erzählungen der Mutter.

Grabovac hebt zwar an mit den Worten „Mein Vater war tot“, doch bildet die Offenbarung der Mutter, dass sein lange Zeit für tot gehaltener Vater erst kürzlich gestorben ist, vor allem den Rahmen der eigenen Lebenserzählung. In dieser spielen zwei weitere Väter eine größere Rolle: der neue Freund seiner Mutter Smilja, sein Stiefvater Dušan. Und der Mann, der als sein Pflegevater fungiert, Robert, der ihm letztendlich am nächsten war.

Grabovac wird Anfang des Jahres 1974 in Würzburg geboren, als Sohn der kroatischen Gastarbeiterin Smilja und des aus Bosnien stammenden Emir Grabovac, „der meine Mutter aus ihrer kleinen Schokoladenfabrikwelt befreite“.

Als Sohn fühlt er sich von seinem Vater verraten

Was nichts daran ändert, dass sie ihr Söhnchen sechs Wochen nach der Geburt in eine Pflegefamilie gibt, nach Gerchsheim, einem Dorf im Main-Tauber-Kreis in Baden-Württemberg. Emir erweist sich als unzuverlässiger, in kleinkriminelle Aktivitäten verstrickter Zeitgenosse und verschwindet schnell aus Smiljas Leben, und sie hat erst in der Würzburger Schokoladenfabrik und später als Akkordarbeiterin bei einem Autozulieferer in Frankfurt so viel zu tun, dass sie sich nur unzureichend um ihren Sohn kümmern kann.

Alem bleibt in der Pflegefamilie, bei Marianne und Robert, die trotz gleich sieben eigener Kinder zusätzlich noch einige andere Kinder zur Pflege haben, den „vermeintlich ersten multikulturellen Laufstall der Bundesrepublik Deutschland“, wie Grabovac es formuliert: „Wir kommen aus Griechenland, der Türkei, aus Portugal, aus Jugoslawien, Kinder von Männern und Frauen, die ihre Heimat verlassen haben, um in der Fremde ihre Chance auf ein besseres Leben zu suchen.” Grabovac bleibt seine ganz Jugend über bis zum Abitur bei der Pflegefamilie.

Er pendelt zwar an den Wochenenden nach Frankfurt und verbringt die Hälfte der Sommerferien bei seiner Mutter und Dušan. Doch sein Nest, dort, wo er sich am wohlsten fühlt, wo er zu eben jenem titelgebenden achten Kind wird, das ist bei Marianne und Robert.

Grabovacs Buch erinnert auf seiner Oberfläche an die Herkunftsgeschichten, die vor einem Jahr Bov Bjerg mit „Serpentinen“ und Christian Baron mit „Ein Mann seiner Klasse“ erzählt haben, nicht zuletzt passagenweise an die von Saša Stanišić. Der Verlag vergisst auch nicht, werbend darauf hinzuweisen. Nur hatten die Väter insbesondere bei Bjerg und Baron durchaus Hauptrollen inne, hieß es für die Erzähler, sich an diesen abzuarbeiten, sich zu wehren, aus den vorbestimmten Lebensbahnen auszubrechen.

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Klar, auch Grabovac setzt sich mit seiner Herkunft und den Folgen für sein weitere Leben auseinander. Er fühlt sich verraten, wirft dem leiblichen Vater vor, sich aus dem Staub gemacht zu haben. Doch muss man anders als bei Bjerg und Baron bei Grabovac von einer Patchworkherkunft sprechen: Er hat mehrere Vaterfiguren, die letztendlich alle ungenügend sind.

Und er wächst nolens volens in zwei Kulturen auf: hier in der mittelständischen, bald im Schwäbischen sich ansiedelnden Pflegefamilie. Dort bisweilen bei der Mutter, die ihn an den Wochenenden oft sich selbst überlässt, aber regelmäßig mit ihm im Sommer in ihr Gebirgsdorf ins kroatische Hinterland fährt, wo er Großeltern und andere Verwandte trifft.

Ihre Tücken haben beide Familienmodelle: Die Pflegemutter Marianne ist zwar eine wirklich wohlwollende Person; ihr Mann Robert jedoch, der im Krieg war, dort verwundet wurde und als Motoradjournalist arbeitet, erweist sich als alter Nazi, Schönhuber-Fan und Holocaustleugner. In Frankfurt wiederum spürt er am intensivsten seine Einsamkeit; da führt sein Stiefvater ein strenges Regiment, das auch Schläge beinhaltet, und Dušans Sohn treibt sich im Drogenmilieu herum.

Mitschüler nannten ihn “Jugo” oder “Ali”

Bemerkenswert ist, wie ruhig, unaufgeregt, fast leise Grabovac erzählt. Sind seine journalistischen Texte bisweilen etwas großspurig, streitlustig, hält er sich hier zurück, selbst in den Passagen mit dem Nazi-Pflegevater. Da lässt er allein dessen Worte sprechen: „Hör zu Alem, du darfst niemals einem Juden vertrauen. Er wird dich reinlegen. Merk dir das.“

Solche Bemerkungen von Robert gibt es einige. Verlag und Autor weisen deshalb eingangs darauf hin, dass das Buch „diskriminierendes Vokabular im Kontext der handelnden Figuren“ enthalte und in keiner Weise ihre Meinung widerspiegele.

War Alem Grabovac Vorurteilen, gar rassistischen Anfeindungen ausgesetzt in seiner Adoleszenz, in den siebziger, den achtziger Jahren? Mitschüler nannten ihn „abfällig Jugo oder Ali, den Döner-Türken“. Das veranlasst seine Pflegemutter, die Schule aufzusuchen und sich zu beschweren. Und als sein „glücklichstes Jahr“ in Frankfurt bezeichnet er jenes, in dem er sich mit einem jungen, aus dem Iran stammenden Videothekenbetreiber anfreundet.

Es gab viel unbehütete Kindheiten in der BRD

Aber auch hier fällt die Beiläufigkeit auf, mit der Grabovac das erzählt, der Verzicht auf jegliche Wertungen. So entsteht dann auch manchmal der Eindruck, mit „Das achte Kind“ bei allen Extremen ein fast Florian-Illies-haftes Aufwachsen vorgeführt zu bekommen. Panini-Bildchen sammeln, Dalli-Dalli und Kulenkampff schauen, dann die im Radio aufscheinenden Weltereignisse (die Grabovac eine Idee zu präzise und vermutlich um des Zeitkolorits willens erinnert); Fußball und Kino als typisch pubertierende Zufluchtsorte.

Und schließlich die womöglich „allein zu Repräsentationszwecken“ in den Regalen von Marianne und Robert herumstehende Literatur, Romane von Faulkner, Camus oder Thomas Mann, die Grabovac den letzten Kick geben, um aus seinem einerseits proletarischen, andererseits bieder-bürgerlichen Herkunftsmilieu herauszufinden.

Man muss wohl inzwischen, nimmt man jetzt einmal das „Herkunft“-Buch von Saša Stanišić, Deniz Ohdes „Streulicht“ oder Cihan Acars Heilbronn-Roman „Hawaii“ als weitere Beispiele, von einer ebenfalls typischen westdeutschen Kindheit sprechen, die weit entfernt ist von der weitgehend heilen, wohlbehüteten, wie sie Florian Illies oder David Wagner mit „Meine nachtblaue Hose“ dargestellt haben. Es hat eben auch eine Menge Kindheiten in zerrissenen und zwischen unterschiedlichen Welten gegeben, und die deutschsprachige Literatur profitiert davon, dass jetzt eine Generationen von Autoren und Autorinnen darauf hinweist.

Dass die Geschichte von Grabovac nicht zu Ende ist, die Wunden offen bleiben, zeigt der Aufbau seines Romans: Er ist in drei Bücher geteilt, das kurze von Smilja, seiner Mutter, das kurze von Emir, seines leiblichen Vaters, und das lange von ihm selbst. Auch daraus spricht die Sehnsucht nach einer heilen Kernfamilie, die Alem Grabovac nicht hatte.