Erinnerung von quälender Intensität

Es scheint ein Abschied wie jeder andere zu sein, an einem Morgen im Mai 1986 in Halle. Eine Mutter bringt ihren kleinen Sohn in den Kindergarten. Sie unterhalten sich angeregt, machen Pläne für den Sommer, für Ausflüge der Familie ans Meer.

Vor dem Kindergarten umarmt die Mutter den Sohn und blickt ihm hinterher, während er sich nur noch für die anderen Kinder interessiert. Die Mutter und der Sohn werden sich nicht mehr wiedersehen.

Wie sie zu Tode kommt – das erfährt der Sohn erst, als er erwachsen ist. Auch über 30 Jahre später kann sich Johannes Wagner, der Ich-Erzähler des Romans, noch genau an diese letzte Begegnung erinnern.

Matthias Jüglers kurzer Roman über eine Kindheit in der DDR und die Nachwendezeit ist von quälender Intensität. Jede Szene ist genau austariert, auf ihre Essenz reduziert, kein Wort zu viel. Nicht alles löst Jügler am Ende auf, bewusst arbeitet er mit irritierenden Leerstellen.

Erinnerungen können ambivalent sein

Oft wünscht sich der erwachsene Sohn, seine Erinnerungen manipulieren zu können, selbst zu entscheiden, was er behält und was nicht. Die Brutalität der Erinnerung und der Wunsch, ihre Macht zu brechen, ist eines der großen Themen dieses Romans.

Gleichzeitig können Erinnerungen an geliebte Menschen ambivalent sein: Selbst wenn sie schmerzhaft sind, haben sie etwas Kostbares. Subtil lotet Jügler die Vielschichtigkeit von Erinnerung aus, und gerade das macht den Roman so besonders unter den zahlreichen Büchern, die von Kindheiten in der DDR erzählen.

Als die Mutter stirbt, gibt der Vater, Thomas Wagner, seinem Sohn nur begrenzt Trost. Seine Fragen bleiben unbeantwortet. 1994 verschwindet der Vater; Johannes wächst bei seiner Großmutter auf. Auch auf die Frage nach dem Vater bekommt er keine Antwort.

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Johannes ist verheiratet und wird selbst bald Vater, als er die Wahrheit erfährt. In einem Buch des Vaters findet er einen Brief, adressiert an Thomas Wagner, abgeschickt aus Norwegen im Mai 1994, kurz bevor dieser verschwand.

Was Johannes für seine Erinnerungen hält, erscheint jetzt in neuem Licht. Seine Eltern, die in der DDR Systemkritiker waren, sind von der Stasi bespitzelt worden.

Schicksaalsschläge, die auf das Konto der Stasi gehen

Einer der Spitzel war Wolfgang Köhler, mit dem Johannes’ Vater eng befreundet gewesen war. Sein Deckname: Stefan. Wolfgang trägt eine Mitschuld am Unfalltod von Johannes’ Mutter, er sorgte dafür, dass wertvolle Manuskripte des Vaters verschwanden. Später hat er sich nach Norwegen abgesetzt und ein neues Leben aufgebaut.

Wie ist es, wenn die vermeintlich sicheren Lebenskoordinaten hinfällig werden? Jügler zeigt, dass wir immer das Schicksal unserer Eltern in uns tragen – mit manchmal verhängnisvollen Folgen bis zur sekundären Traumatisierung. Johannes Wagner muss mit dem Hass auf den Mann zurechtkommen, der das Leben seiner Eltern zerstört hat. Später bekommt er selbst die Chance, Wolfgang Köhlers Leben zu zerstören.

Jügler erzählt die Geschichte sehr nüchtern

Matthias Jügler, fünf Jahre vor der Wende in Halle geboren, hat für sein Buch eine wahre Begebenheit fiktionalisiert. Es ist eine perfide Geschichte, die er aus dem Umfeld des aus Halle stammenden Malers Moritz Götze erfahren hat.

Im Zentrum dieser Geschichte steht ein Maler, der zu DDR-Zeiten Opfer diverser „Schicksalsschläge“ wird, die in Wahrheit auf das Konto der Stasi gehen, um den Systemkritiker zu zermürben. Fünf Jahre nach der Wende liest der Maler seine Stasi-Akte und begreift, dass die Staatssicherheit ihn in den Selbstmord treiben wollte. Daraufhin nimmt er sich das Leben.

Weil Jügler diese Geschichte sprachlich zurückgenommen, fast nüchtern erzählt, entfaltet sie eine so starke Wirkung. Auch die Dokumente, die er in den Text einfügt, berühren durch ihre bürokratische Sachlichkeit.

Da ist eine Beurteilung der Kreisdienststelle Halle, die den inoffiziellen Mitarbeiter „Stefan“ als „zuverlässige Kraft“ ausweist. Oder die minutiöse Rekonstruktion des Verkehrsunfalls, bei dem die Mutter stirbt.

Jügler hat sich eine „Erika“ besorgt

Jügler hat diese Dokumente selbst erstellt und sich sogar eine Ost-Schreibmaschine, eine „Erika“, besorgt, um den Texten den Anstrich von Authentizität zu geben. Dass die Geschichte, die er mit vielen Zeitsprüngen erzählt, kein Einzelfall ist, verdeutlicht er mit dem Titel des Romans: „Die Verlassenen”, das sind die, denen durch ein Unrechtssystem die Kindheit gestohlen worden ist.

Jügler hat einen sensiblen Polit-Krimi geschrieben, mit einem zum Ende hin spannenden Showdown. Dass die Geschichte anrührend erzählt, aber niemals rührselig ist, macht ihre Stärke aus.

Da ist zum Beispiel die Szene, in der Johannes nach dem Tod der Mutter darunter leidet, dass sein Vater sich in ein hartnäckiges Schweigen hüllt. „Das wird schon wieder“, sagt der Sohn unbeholfen zum Vater. Genau diesen Satz hatte seine Mutter immer gesagt, wenn sie ihren Sohn trösten wollte.