Erinnerung an den vergessenen Demokraten

Schon die Überlieferung ist unsicher. „Ich sterbe für die Freiheit, möge das Vaterland meiner eingedenk sein“, zitierte der Bundespräsident den standrechtlich erschossenen Vorkämpfer der deutschen Demokratie am Sonntag bei der Einweihung des Robert-Blum-Saals in Schloss Bellevue. „Ich sterbe für die deutsche Freiheit, für die ich gekämpft“, heißt es hingegen deutlich konkreter auf der Gedenktafel, die in der Schöneberger Kolonnenstraße zu finden ist.

Eine Straße seines Namens hingegen sucht man in Berlin vergebens. „Seiner eingedenk ist heute fast niemand mehr“, führte der Präsident in seiner Ansprache aus, die er coronabedingt lediglich vor einer Handvoll Journalisten hält. „Wer Robert Blum war und was er mit dieser Republik zu tun hat, das ist heute kaum noch jemandem bewusst.“

Frank-Walter Steinmeier ist angetreten, das zu ändern; wie er überhaupt bestrebt ist, die Erinnerung an die Ursprünge der deutschen Demokratie zu beleben. „Wir sollten mehr tun, um die Erinnerung an das wachzuhalten, was in unserer Geschichte gelungen ist, was uns vorangebracht hat, worauf wir heute bauen können“, erklärte er, „Es ist mir ein großes Anliegen, dass wir die Orte unserer Demokratiegeschichte neu beleben.“ Das ist im Falle Blums einerseits schwierig, weil Blum in Wien hingerichtet wurde, widerrechtlich allein schon deshalb, weil er als Abgeordneter des Paulskirchen-Parlaments Immunität hätte genießen müssen.

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Andererseits weist Blums Schicksal auf ebendieses erste deutsche Parlament, das 1848/49 in der Frankfurter Paulskirche tagte und nach hoffnungsfrohem Beginn ergebnislos auseinandergehen musste, weil die monarchische Reaktion stärker war, ob unter den Habsburgern in Wien oder den Preußen in Berlin.

Vom Publizisten zum Vorkämpfer der Demokratie

Blum war einer der fähigsten Redner dieses Parlaments und von vielen Zeitgenossen schon als zukünftiger Führer eines demokratisch verfassten Deutschland angesehen. Aus einer Handwerkerfamilie stammend und mangels elterlicher Mittel ohne höheren Schulbesuch, bildete Blum sich selber fort, brachte es zum Theaterleiter, Dichter, Publizisten und endlich zum Vorkämpfer der Demokratie, deren Gedanke sich aus den im Vormärz virulent gebliebenen Ideen der Französischen Revolution speiste.

Im Robert-Blum-Saal von Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Bundespräsidenten, sind nun sechs Gemälde und Grafiken versammelt, die diese Frühgeschichte veranschaulichen. Um ein zeitgenössisches Bildnis Blums von unbekannter Hand gruppieren sich die bekannten Lithografien vom „Zug auf das Hambacher Schloss 1832“ und dem „Inneren der Paulskirche als Parlamentshaus“. Aber auch ein Gemälde der „Revolution in Dresden“ im Mai 1849 ist zu sehen. Es zeigt bereits den blutig niedergeschlagenen Versuch zur Beseitigung der absolutistischen Fürstenherrschaft.

Das Parlament ging 1849 auseinander; es hatte nichts erreicht, und seine Erinnerung verblasste. Steinmeier plädiert dafür, die Paulskirche in eine „moderne Erinnerungsstätte“ umzuwandeln. Das ist hoch umstritten, bewahrt das Gebäude in seiner jetzigen Gestalt doch zugleich die Erinnerung an den Wiederaufbau nach 1945 mit bescheidenen Mitteln wie auch seine Ereignisgeschichte seither.

Das kann jedoch die Würdigung Blums als einer Zentralfigur deutscher Demokratiegeschichte nicht länger behindern. Er war nicht nur deutscher Patriot, sondern hoffte auf ein demokratisches Europa. Erschossen wurde Robert Blum am 9. November 1849 – „der erste 9. November, der uns an die wechselvolle Geschichte unseres Landes erinnert“, wie Steinmeier ausführte und die Jahreszahlen 1918, 1923, 1938 und 1989 nannte: „Wie kein anderes Datum führt uns der 9. November Licht und Schatten unserer Vergangenheit vor Augen.“ Der erste in der Reihe dieser Tage hat es wohl verdient, neben den ihm nachfolgenden erinnert zu werden.