Erfolg macht dem Bundestrainer Beine

Vielleicht hat Joachim Löw am Dienstag und Mittwoch Fußball geschaut. Champions League zum Beispiel, letzter Spieltag der Vorrunde. Im Fernsehen natürlich, und nicht vor Ort in einem der Stadien. Vier deutsche Mannschaften mit zahlreichen Nationalspielern traten auf. Wie wir unlängst erfahren haben, geht der Bundestrainer seit einem halben Jahr nicht mehr ins Stadion. Von wegen Corona und so. Hat der 60-Jährige erst am Montag erzählt. Vielleicht hatte Löw auch anderes zu erledigen gehabt. Er hatte ja auch erzählt, dass er wahnsinnig viel zu erledigen hat bis für die Nationalmannschaft wieder ein Spiel ansteht. Das wird dann im März 2021 sein.

Wie dem auch sei, der kleine Zwischenerfolg der Bundesligisten ragt letztlich auch in seinen Verantwortungsbereich rein und erhöht den Druck auf Löw. Mit Bayern München, Borussia Dortmund, RB Leipzig und Borussia Mönchengladbach haben alle vier deutschen Vertreter im wichtigsten internationalen Klubwettbewerb das Achtelfinale erreicht. Das gab es zuletzt vor sechs Jahren. Damals konnten neben den Bayern und Dortmund auch Bayer Leverkusen und – man mag es kaum glauben – der FC Schalke 04 in der Champions League überwintern.

Mit 16 Punkten (5 Siege, 1 Unentschieden) in der Gruppenphase hat der Champions-League-Titelverteidiger das zweitbeste deutsche Ergebnis der Geschichte erzielt. Nur in der Vorsaison war der FC Bayern mit sechs Siegen in der Gruppenphase erfolgreicher.

Gut für den deutschen Fußball

Das positive Abschneiden speziell des deutschen Quartetts wird in der Bundesliga wenig überraschend mit Wohlwollen registriert. „Das ist wahrlich keine Selbstverständlichkeit, das tut dem deutschen Fußball unglaublich gut“, sagte etwa Michael Preetz, Geschäftsführer Sport von Hertha BSC.

Hinzu kommt, dass in Bayer Leverkusen und der TSG Hoffenheim zwei weitere Bundesligisten in der Europa League weitergekommen sind. Man muss das jetzt alles nicht überbewerten, aber es ist eine positive Entwicklung. Ihre vier Starter in der Champions League brachte sonst nur die spanische Primera Division durch, die mit den beiden Klubs aus Madrid, Real und Atlético, sowie dem FC Sevilla und dem FC Barcelona in der Champions League noch vertreten ist.

„Man kann sagen, dass wir in Deutschland und der Bundesliga enorm an Qualität dazu gewonnen haben. Letztlich ist es eine Aufwertung der Bundesliga“, sagte Bayern-Trainer Hansi Flick. Das findet auch sein Bundesliga-Kollege Bruno Labbadia. „Es ist ein sehr gutes Signal, dass du als deutscher Fußball so gut da stehst“, sagte der Trainer von Hertha BSC, „das ist für die Liga top.“

Beweisen auf höchstem europäischen Niveau

Aber nicht nur für die. Auch für den Bundestrainer und der Nationalelf muss das kein schlechtes Zeichen sein. So erhält eine Vielzahl von Nationalspieler in ihren Klubs die Möglichkeit, sich im Jahr der Europameisterschaft auf höchstem europäischen Niveau zu beweisen. Was für die Länderspiele im März in der WM-Qualifikation gegen Island, Rumänien und Nordmazedonien nicht gegeben ist.

In der Champions League werden sich dann auch jene deutsche Nationalspieler zu beweisen haben, die im Ausland tätig sind wie beispielsweise Timo Werner, Kai Havertz (beide FC Chelsea), Robin Gosen (Atalanta Bergamo), Ilkay Gündogan (Manchester City) und Toni Kroos (Real Madrid). „Ich glaube schon, dass es wichtig ist, dass ein Großteil der Spieler international spielt. Das weiß ich aus meiner Zeit beim DFB“, sagte Flick. Der 55-Jährige war von 2006 bis zum WM-Titelgewinn 2014 Co-Trainer der Nationalelf sowie von 2014 bis 2017 Sportdirektor beim DFB. „Für ein großes Turnier ist es wichtig, wenn man erfahrene Spieler hat, die in großen Spielen gefordert werden. Das wertet eine Mannschaft auf“, sagte Flick.

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Wie seriös und belastbar die Entwicklung des deutschen Fußballs dann tatsächlich sein mag, wird sich dann in den K.-o.-Spielen mit dem Achtelfinale der Champions League zeigen, die im kommenden Frühjahr ausgespielt werden. Bei der Auslosung am kommenden Montag in Nyon warten auf Leipzig und Mönchengladbach starke Gegner wie Manchester City, Liverpool, Chelsea, Juventus Turin, Real Madrid oder Paris Saint-Germain. „Für den Moment jetzt“, wie es Herthas Manager Preetz ausdrückte, „ist das wunderbar für den deutschen Fußball.“

Als in der Spielzeit 2014/15 das bisher letzte Mal vier deutsche Mannschaften die K.-o.-Runde der Champions League erreicht hatten, war dies für drei Mannschaften gleichbedeutend mit dem Ende in diesem Wettbewerb. Juventus war damals für Dortmund eine Nummer zu groß, Leverkusen schied gegen Atlético Madrid aus. Dem FC Schalke fehlte gegen Real Madrid damals ein Tor zum Weiterkommen.