Er sah Amerikas Spaltung vor langer Zeit voraus

Caroline Fetscher schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Sachbücher. Nächste Woche: Gerrit Bartels über den Literaturbetrieb.

Als Arthur M. Schlesinger seine Studie zu Amerika nach dem Kalten Krieg schrieb, prophezeite er „eine vielleicht noch gefährlichere Epoche ethnischer, herkunftsbezogener Animositäten“ . Das war 1991, ein halbes Jahrzehnt vor Samuel Huntingtons Schlagwort vom „Clash of Civilisations“, seiner Prophezeiung zunehmender Attacken auf den Universalismus der Menschenrechte und andere „westliche“ Normen.

Schlesingers Studie „The Disuniting of America – Reflections on a Multicultural Society“ erscheint jetzt, exzellent übersetzt von Paul Nellen, erstmals auf Deutsch, und lässt sich heute mit frischer Aufmerksamkeit lesen. (Arthur M. Schlesinger: Die Spaltung Amerikas. Überlegungen zur multikulturellen Gesellschaft. 1991 London/New York. Ibidem Verlag, Stuttgart, 2021. 172 Seiten, 22 €.)

„Mit dem Verlöschen des ideologischen Wettbewerbs nunmehr auch in der Dritten Welt“, sah Arthur M. Schlesinger (1917–2007), Historiker an der Universität Harvard und Berater der Präsidenten Kennedy und Johnson, die „tribalistischen Konfrontationen“ zwischen den Supermächten abebben und neue Tribalismen heraufdämmern.

Schlesingers Zeitgenossen ahnten noch nichts von einer Ära Obama oder vom darauf folgenden, destruktiven Trumpismus. Die Präsidenten Obama wie Trump wirken wie Verkörperungen der Pole eines gespaltenen Amerika, das zu einen ein neu gewählter Präsident nun antreten will, um den Kalten Bürgerkrieg zu beenden.

Je beschleunigter der Fortschritt, desto härter die sozialen Folgen

Schlesinger erinnert an Ralph Waldo Emersons Satz zu Amerika als „Asyl aller Nationen“ wie an Herman Melvilles Emphase: „Die Vergangenheit ist tot, die Vergangenheit ist ein Textbuch für Tyrannen; die Zukunft allein ist die Bibel der Freien.“ Schlesinger erklärt: „Die Zukunft – das war Amerika.“ Seine Analyse zeigt, worauf nun oft hingewiesen wird: Dass viele Gräben längst da waren, ehe der Trumpismus sie vertiefte.

Je intensiver die Beschleunigung durch globalisierte Marktkräfte und digitale Technologien, desto stärker erodieren soziale Strukturen. Schlesinger sah große Gruppen, migrantische wie einheimische, in einem riesigen „anonymen Meer“ treiben, sich sehnend „nach einer Politik der Identität.“

Solange aber „kein gemeinsames Ziel sie verbindet, werden ethnische Antagonismen“ sie auseinanderdriften lassen. Der Autor sah diesen Mechanismus am Werk in der UdSSR, von Jugoslawien bis Ruanda, in Afghanistan, Liberia, Nigeria oder im Sudan. Und bei den Irredentisten in Europa: ein Vorflackern des Brexit.

Ideologisierte Identitätspolitik befördert Kulturrelativismus

Gebraucht werden demokratische, föderale, multiethnische Rechtsstaaten, die sich auf supranationale Regelwerke verständigen. In Amerikas Formel „E pluribus unum – Eins werden aus Vielen“ erkannte Schlesinger die „brillante Lösung“, mit der eine neue Identität ethnische Differenzen „absorbiert und sie transzendiert.“

Jedoch: Nichtweiße Menschen, so Schlesinger, verwies „ein tief verwurzelter Rassismus (…) hinter die Grenzen ihres jeweiligen Grundstücks.“

Die Utopie der Nation ohne ethnischen Nationalbegriff war nie völlig in sich aufgegangen. Notwendigerweise, so Arthur M. Schlesinger, holte man das Anerkennen von Herkunft nach, aber die Folgen waren ambivalent. Alarmiert sah Schlesinger mit der Aufwertung ethnischer Aspekte, vor allem im Bildungssektor, das Entwerten der universalistischen, amerikanischen Vision von Demokratie einhergehen.

Inzwischen hat ideologisierte Identitätspolitik einen postmodernen Kulturrelativismus befördert – und wird von rechten Milieus zur Legitimierung „alternativer Fakten“ und zur Retribalisierung genutzt.

Es werde nötig sein, „in Beziehungen des Austauschs mit dem vom Weltmarkt aufgerührten Bodensatz der westlichen Gesellschaften zu treten“, hat der Ethnologe Thomas Hauschild kürzlich über den Capitol-Aufstand angemerkt. Politisches Handeln jenseits von Schwarz- Weiß-Schablonen tut not. Mit Schlesinger könnte man den Auftakt dazu in der neuen US-Regierung erkennen.