Er hatte Kreativität für Zehn

„Unser sechzehnjähriger Novize und Terrorlehrling Ralph Niese serviert uns seine jugendlich-grausame Version von den Wolf-Men.“ So wurde Ralph Niese 1999 von Bela B. Felsenheimer im Editorial von „Extrem Illustrated #3“ der Comic-Welt vorgestellt. Der „Ärzte“-Frontmann hatte einige Jahre zuvor gemeinsam mit Comic-Veteran Schwarwel den Verlag „Extrem Erfolgreich Enterprises“, kurz EEE, gegründet. EEE war damals heiß, dort erschienen „Faust“ und „Schweinevogel“, etwas später gar „Hellboy“, und ich war ein großer Fan.

Ich schickte einen meiner Comics namens „Killerkröte Kuno“ zu EEE, weil ich unbedingt mitmachen wollte. Allerdings meldete sich – niemand. Bis zu dem Tag Ende 1999, als plötzlich das Telefon klingelte: Ralph Niese war dran. Er hatte sich bei EEE, der Verlag residierte wie Ralph in Leipzig, selbst eingeladen, war im Büro ein- und ausgegangen, hatte allen über die Schulter geguckt.

Das resultierte in besagtem Kurzcomic „Wolf-Men“ und in der Aufgabe, ein „Extrem Illustrated“ Sonderheft mit Beiträgen von Newcomern zusammenzustellen. Insgesamt waren vier Kurzcomics für das Heft geplant, einer davon sollte von Ralph sein. Aus einem riesigen Packen Comic-Zusendungen sollte er die restlichen drei Kandidaten auswählen. Ihm gefiel „Killerkröte Kuno“ und so klingelte er durch.

Wir hatten sofort einen Draht zueinander, mochten die gleichen Comics, hatten einen ähnlichen Zugang zum Medium. Das „Extrem Illustrated“ Sonderheft war schließlich fertig, aber wurde kurz vor Erscheinen doch noch kassiert. Was Ralph und mich nicht davon abhielt, weiter angeregt zu korrespondieren.

Per Fax – ja, per Fax: Ich hatte mich im Jahr 2000 selbständig gemacht (damals gehörte ein Fax zur Grundausstattung), Ralph hatte Zugang zum Faxgerät seines Vaters, und dieses neumodische Internet hatte keiner von uns beiden zur Hand – schickten wir uns Charakterdesigns, Entwürfe und Szenarien hin und her.

Ralph Niese im Selbstporträt.Illustration: Ralph Niese

Ralphs Geschichte „Bob und die Zombies vom Balaton“, die er für das Extrem-Sonderheft gezeichnet hatte, brachte er 2001 in Ausgabe 36 des legendären Underground-Magazins „Menschenblut“ unter. Unser Moses Ralph Niese, der sich, geködert von Metzger Fröhlichs Dauerwurst, aus den Tentakeln des EEE-Tintenfischs befreien konnte, weiß mit stimmungsvollen Bildern zu überzeugen. Er webt uns die Mär vom Bagdalgul, dem seelenfressenden Riesenfisch, der neulich unseren Kurs gekreuzt hat. Auch hier der Ruf nach mehr!“, tönte Herausgeber Bimi damals im Vorwort.

Inder Kneipe gab es immer Bier und Cola

Zu Recht, denn „Bob und die Zombies vom Balaton“ war noch besser als „Wolf-Men“: Der Strich war sicherer, der Schwarzeinsatz pointierter, das Seitenlayout expressiver. Während „Wolf-Men“ noch als relativ klassische Gruselgeschichte daher kam, waren im Nachfolger bereits einige absurde Elemente enthalten, wie ein Bild mit „X-Ray Special View sponsored by Dr. Nerv“. Rückblickend hatte Ralph hier bereits viele der Elemente etabliert, die sein späteres Werk auszeichne sollten.

Berlin-Leipzig-Connection: Ein Gemeinschaftswerk von Bela Sobottke und Ralph Niese.Foto: BLC

2002 gründeten wir – per Fax – die „Berlin Leipzig Connection“, und planten diverse Veröffentlichungen und Aktivitäten. Ralph brachte eine weitere Geschichte in „Menschenblut“ Nr. 37 heraus – das war allerdings die letzte Ausgabe des Magazins. Für Ralph nicht so schlimm, er zog einfach weiter.

Ich arbeitete an meinen „Gonzo Gulasch“-Heften, die ich ab 2004 im Selbstverlag herausbrachte. Ralph zeichnete 2007, zum fünfjährigen Jubiläum der „Berlin Leipzig Connection“ ein grandioses Cover für ein „Gonzo Annual“, das ein Crossover von seinen und meinen Figuren abbildete.

Nur für Erwaxene: 2001 zeichnete Ralph Niese dieses Cover für das Underground-Magazin „Menschenblut“.Foto: Ralph Niese/„Menschenblut“

Er besuchte mich und meine Frau mal in Berlin und schlief bei uns in der Küche. Beim Kneipenbesuch trank er Diesel und war damit der einzige Mensch, den ich kenne, der Bier mit Cola trank: Auch hier einzigartig.

Ob per Fax, Telefon oder beim Besuch: Wir berieten, inspirierten, und beflügelten uns. Heute sehe ich an den Meldungen in den Sozialen Medien der vergangenen Tage, dass es – natürlich nicht per Fax, sondern via Deviant Art und später Instagram – vielen so ging: Die Gespräche mit Ralph waren immer fruchtbar. Auch wenn mal mehr, mal weniger konkrete gemeinsame Projekte entstanden – beide Gesprächspartner gingen hoch motiviert und voller Ideen aus der angeregten Unterhaltung heraus.

Eine Arbeit von 2014.Foto: Ralph Niese

In den letzten zehn Jahren war der Kontakt zwischen Ralph und mir eher sporadisch. Ich hatte 2008 eine verlegerische Heimat bei Gringo Comics gefunden. So eine Sesshaftigkeit war nichts für Ralph. Er musste immer weiterziehen. Das lag nicht etwa an einer Bindungsangst, ganz im Gegenteil, er war geradezu bindungsfreudig, sondern an den diversen Möglichkeiten, die das Leben und die Comic-Welt boten. Nichts davon wollte Ralph ausschlagen, alles probieren.

Er war immer da, wo es interessant war

Auch wenn wir nicht mehr regelmäßig Kontakt hatten, musste ich nie nach ihm suchen. Ralph poppte immer da auf, wo es interessant war. 2015 entdeckte ich die einzigartigen Bootleg-Figuren von Goodleg Toys. Und wer machte für sie die Begleitcomics? Ralph Niese. Ich las die Serie „Space Riders“ von Alexis Ziritt und Fabian Rangel, erschienen in den USA bei Black Mask, die schnell zu einem meiner Lieblingscomics avancierte. Und wer steuerte für die Zweitauflage von Heft 1 das Cover bei? Ralph Niese.

Cover Art: Ralph Nieses Titelzeichnung für „Space Riders“ von Alexis Ziritt und Fabian Rangel.Foto: Black Mask

Außerdem traf ich ihn natürlich bei diversen Comic-Festivals, wie dem Comic-Salon Erlangen oder der Comic Invasion Berlin. Ich nahm dann immer alles mit, was er am Stand hatte: „Mekano Turbo“, „Squint“ #1 bis #4, „The Young Time Traveller“ und diesen super-bizarren Alf-Comic „Maximo Problemo“. Das meiste davon erschien im handgetackerten Kleinformat, kreativste Werke komplett uneitel verpackt. Pure Comics, die trotz ihres teilweise unscheinbaren Äußeren zu den Highlights meiner Comicsammlung gehören.

[2016 würdigte dass Comicfestival Hamburg Ralph Niese mit einer Ausstellung. Den Tagesspiegel-Festivalbericht von Oliver Ristau gibt es hier.]

Gemeinsam mit Ralphs Auftragsarbeiten und seinen vielfältigen Veröffentlichungen von Illustrationen in den Sozialen Medien, die kreativ für zehn waren und in einem Bild soviel erzählten, wie anderswo ein ganzer Comic, ergibt sich das vielfältigste, bunteste, spannendste Werk, das man sich vorstellen kann.

Ralph Niese, geboren 1983, starb völlig überraschend am vergangenen Montag, dem 23. November 2020. Er wird mir fehlen. Er wird uns fehlen. Mach’s gut, Ralph!

Unser Autor Bela Sobottke ist Comiczeichner und Grafiker und lebt in Berlin. Er zeichnet deftige Genrecomics wie das zuletzt erschienene Album „Die Legende von Kronos Rocco“.