Emotionale Erblast

Eine Mutter lässt ihre kleine Tochter zurück. Sie verspricht, dass sie wiederkommen und sie holen wird. Aber sie weiß: Das ist gelogen. Mit dem Dasein als Ehefrau und Mutter kann Senta Köhler wenig anfangen. Sie ist Anfang zwanzig und träumt von einem selbstbestimmten Leben. Als die Tochter drei Jahre alt ist, lässt Senta sich scheiden und geht nach Berlin – ihr Kind überlässt sie der Schwägerin in Mecklenburg.

Senta ist die Hauptfigur in Alena Schröders Romandebüt „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“. Schröder, die bisher vor allem erzählende Sachbücher geschrieben hat, erforscht hier die Spuren ihrer Familie. In der Figur von Senta spiegelt sich die Lebensgeschichte ihrer Urgroßmutter.

Ein Kind verlassen, das ist Schuld

Senta ist sich bewusst, dass eine Mutter kaum größere Schuld auf sich laden kann, als ihr Kind zu verlassen. Aber sie hat sich für diesen Schritt entschieden und lebt mit den Konsequenzen. Sie schickt dem Kind Briefe und Geld, sieht es jedoch nur selten. Die Begegnungen gehen eigentlich immer schief, es entsteht keine Nähe mehr. Der Bruch in der Beziehung zwischen Mutter und Tochter lässt sich nicht mehr kitten.

Die Art und Weise, wie Senta mit der Trennung von ihrer Tochter Evelyn umgeht, weicht vom konventionellen Muster ab: Anders als die Mehrheit der Frauenfiguren in der Literatur, die sich gegen ein Kind entscheidet, geht Senta weder psychisch noch physisch daran zugrunde.

Sie wird auch nicht als kaltherzige oder emotional deformierte Person gezeichnet, sondern als Frau, für die es keinen anderen Weg gibt. Nüchtern stellt Senta fest: „(…) so bin ich wohl nicht (…). Verantwortungsvoll. Eine gute Mutter. Keine große Neuigkeit.”

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In Berlin arbeitet sie sich bei einem Zeitungsverlag von der Sekretärin zur Journalistin hoch und lernt dort Julius Goldmann kennen, den sie später heiratet. Grundlegend erschüttert wird ihr Leben, als die Nazis an die Macht kommen.

Die jüdische Familie ihres Mannes wird tyrannisiert und bedroht. Der Besitz ihres Schwiegervaters, der Kunsthändler ist, wird konfisziert. Die Familie versucht, zumindest ein wertvolles, mutmaßlich von Vermeer stammendes Gemälde zu retten. Sie wollen es für Evelyn in Sicherheit bringen, damit sie wenigstens finanziell abgesichert wäre.

Evelyn lebt in einem Pflegeheim

Während Stella und Julius nach Dänemark fliehen können, sind Julius’ Eltern schon zu alt für eine Flucht. Sie werden kurze Zeit später deportiert und ermordet. Über das Bild, das die Familie für Evelyn beiseite schaffen wollte, knüpft Schröder ein erzählerisches Netz, das ihre zentralen, allesamt weiblichen Figuren über vier Generationen bis in die Jetztzeit miteinander verbindet.

Im Erzählstrang der Gegenwart lebt Evelyn in einem Pflegeheim. Eines Tages erhält sie Post von einer israelischen Anwaltskanzlei: Sie sei die einzig verbliebene Erbin eines Gemäldes aus dem Besitz der Familie Goldmann, um dessen Restitution man sich bemühe. Das Motiv des Bildes: junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid. Evelyn ignoriert das Schreiben, weil sie sich nicht mit den Hinterlassenschaften ihrer Mutter beschäftigen will. Die Verletzung sitzt noch immer zu tief: „Sie war keine Mutter für mich. Sie hat sich für ein anderes Leben entschieden.“

Hannah trifft sich in der Ankerklause

An ihrer Stelle begibt sich ihre Enkelin Hannah in Berlin auf die Spur des verschollenen Bildes. Hannah trifft ihren Bekannten in der Kreuzberger „Ankerklause“, der Professor, mit dem sie eine Affäre anfängt, stolpert über eine Plagiatsaffäre, und zwischen den Zeilen gibt es einen Kommentar auf die Schließung von Tegel: „Für Hannah der beste Flughafen der Welt.“ Ja, „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ ist auch ein Berlin-Roman. Die Leichtigkeit, mit der Schröder die historischen Episoden und die Berliner Gegenwart verknüpft, ist eine der großen Stärken des Buches.

Im Kern ihres Romans aber beschäftigt sich Schröder mit der Frage, welche Lebensthemen und was für ein emotionales Gepäck die Mitglieder einer Familie ihren Nachfahren hinterlassen. Hier ist es das Spannungsverhältnis von Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung und Mutterschaft.

[Alena Schröder: Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid. Roman, dtv, München 2020. 386 Seiten. 22 €.]

Sentas Tochter Evelyn findet wie Senta keine Erfüllung in der Elternrolle. Als sie eine Tochter bekommt, nimmt sie zunächst an, das Muttersein würde sie aufladen mit Liebe und Sinnhaftigkeit. „Hatte es dann nicht“, stellt sie lakonisch fest. Sie sehnt sich nach ihrer Arbeit als Ärztin zurück. Doch solange ihr Mann, der ebenfalls Arzt ist, lebt, ist klar, wer sich um die Tochter kümmert. Erst nach seinem Tod kann Evelyn in ihren Beruf zurückkehren.

Inzwischen klingt die Formel von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oft abgedroschen. Aber Schröders Roman ergründet eindrücklich, welche Entbehrungen die mangelnde Vereinbarkeit für Frauen bedeutet hat.

Keine Larmoyanz oder Anklage

Sich für das eine zu entscheiden bedeutete, das andere zu opfern – im Extremfall sogar die Beziehung zum eigenen Kind. Die Geschichte erzählt, welche emotionalen Deformationen aus diesem Dilemma erwachsen und wie diese über Generationen weitergegeben werden. Dabei fällt auch ein Licht auf die Selbstverständlichkeit, mit der Bedürfnisse von Frauen übergangen oder tabuisiert wurden.

Der Ton des Buches kippt dabei nie ins Larmoyante oder Anklagende. Die Figuren analysieren ihre Leben trocken, ohne Selbstmitleid oder Wehleidigkeit. Schröder erzählt ernsthaft und unterhaltsam zugleich von den miteinander verstrickten Lebensthemen und Schicksalen von Frauen aus gleich vier Generationen.