Einer raus, einer rein, Erster sein

Wie schnell sich das Desaster ereignen kann. Ein winziges Detail unterschätzt, und schon gerät alles ins Wanken. So ergeht es dem britischen Team um Skipper Ben Ainslie, als es vor dem Start zum vierten Finalrennen im Herausfordererduell gegen Luna Rossa um die ideale Positionierung kämpft. Ineos UK liegt nach drei verlorenen Begegnungen deutliche zurück und fährt als Jäger in die Startbox. Ainslie lässt die Italiener nicht davonkommen, will sich mit einer engen Kurve an ihre empfindliche Lee-Seite heften, um von dort aus Tempo und Kurs zu diktieren. Luna Rossa hätte keinen Raum mehr neben sich, um zu agieren.

Doch dann gibt Ainslie noch in der Drehung das Kommando, den weniger stark belasteten Foil aus dem Wasser zu heben – und schon katapultiert es “Rita” gänzlich in die Höhe, und sie droht zu kentern.

Zwar können die Briten das Boot abfangen, sie nehmen auch schnell wieder Fahrt auf, so dass sie Luna Rossa an der Ziellinie beinahe wieder eingeholt haben. Aber eben nur beinahe, und wenn eines nicht reicht bei diesem Hightech-Duell, dann ist es beinahe.

Knappe Sache: Das italienische Konsortium Luna Rossa Prada Pirelli führt vor Ineos Team UK (l) aus Großbritannnien beim dritten…Foto: dpa

Der Fast-Crash weckt unschöne Erinnerungen an die Katastrophe, die das US-Team American Magic drei Wochen zuvor ereilt hatte und letztlich aus dem Wettbewerb um die Krone des Segelsport werfen sollte. Diese Krone hatte über hundert Jahre in den Vitrinenschränken des New York Yacht Club gelegen, war bei jeder neuen Herausforderung herausgeholt worden, nur um sie kurz darauf wieder zurückzustellen. Als der Cup dann zuerst an die Australier verloren ging und, was vielleicht sogar schlimmer war, von den Kaliforniern um Dennis Connor in die Staaten zurückgeholt wurde, verspürte der Traditionsklub lange Zeit keinen Ehrgeiz mehr, sich an der Trophäenjagd zu beteiligen, die zu einer Ego-Nummer von Start-Up-Milliardären geworden war. Erst jetzt wieder konnte Terry Hutchinson seine Klubkameraden überzeugen, an dem seglerischen Rüstungsprojekt teilzunehmen.

Mit “Patriot” ließen die New Yorker ein Fahrzeug zu Wasser, dass die Designregeln am radikalsten auslegte. Sie verstanden es als reines Flugobjekt, so dass es am Heck mehr die Form eines Düsenjets besitzt als eines schwimmenden Körpers. Mit Dean Barker engagierten sie zudem einen ausgewiesenen Experten dieses Rennformats. Der Neuseeländer hat mehr Cup-Schlachten hinter sich als jeder andere. Auch jene, in der er uneinholbar 8:1 in Führung liegend es nicht schaffte, das entscheidende 9. Rennen in der Bucht von San Francisco zu gewinnen. Seine Zeit bei seinem Heimatteam war danach vorüber, er sollte jüngeren Talenten Platz machen, weshalb er zunächst bei den Japanern anheuerte – mit wenig Erfolg – und jetzt als Steuermann der American Magic-Kampagne darauf hoffte, seine Cup-Bilanz aufzubessern.

Wieder mal geschlagen. Dean Barker, 47, weiß mit Haltung zu verlieren.Foto: imago images/Action Plus

Ob sich der 47-jährige Barker wirklich wünschen durfte, vor der heimischen Kulisse des Auckland Harbour gegen seine Landsleute anzutreten, die den Cup 2016 nach Neuseeland geholt hatten?

Jedenfalls sollte es nicht dazu kommen. Er verspielte seine Chancen mit einem einzigen Manöver.

Es war ein windiger Tag mit Schauerböen an der oberen Belastungsgrenze der foilenden Einrümpfer, die einmal aus der Balance gebracht, kein Gegengewicht besitzen, um sich wieder aufzurichten. Sie fallen einfach um. American Magic dominierte das Rennen gegen Luna Rossa wie schon in den Tagen zuvor. Nur die Briten waren stets noch besser gewesen, weshalb sie sich bereits mit einer 4:0-Bilanz für das Finale der drei Herausforderer qualifiziert hatten.

Als Barker bei zunehmendem Wind auf die letzte Luv-Marke zusteuerte wurde er von seinem Taktiker, der direkt hinter im kauerte, auf die Windbö hingewiesen. “Das wird ein wirklich hartes Manöver”, sagte Paul Goodison mehrfach, vermutlich in der Hoffnung, dass sein Skipper von der ursprünglich verabredeten Strategie abweichen und sich für die sicherere Variante entscheiden würde. Doch Barker dachte gar nicht daran, einen Vorteil aus der Hand zu geben. Als Goodison ihm zuvor schon einmal gesagt hatte, dass die andere Seite des Tores sogar näher dran war, hatte sich Barker nur ungläubig zu ihm umgedreht. Als wollte er sagen: Spinnst du?

Er steuerte also auf die Tonne zu, und als er sie erreichte, drehte er das Boot langsam vor den Wind. Eigentlich wollte er zu einer 210-Grad-Schleife ansetzen, dem schwierigsten Manöver überhaupt, da beschleunigte die “Patriot” in der einfallenden Böe so rasant, dass Barker die Kontrolle verlor. Das ganze Boot flog aus dem Wasser, machte einen Satz zur Seite und prallte nach einigen Metern hart auf. Der Aufschlag riss ein Loch in den Rumpf. Die herbeieilenden Helfer – auch von anderen Teams – brauchten Stunden, um das Boot vor dem Sinken zu bewahren.

Es war der dramatische Höhepunkt eines Wettkampfs, der wegen seiner vielen technologischen Neuerungen zwar spektakuläre Geschwindigkeiten von bis zu 52 Knoten zeigte, aber selbst professionellen Beobachtern doch ein Rätsel blieb.

Faustkeil. Die US-Yacht “Patriot” nach ihrer Wiederherstellung im Halbfinale des Prada Cup.Foto: Gilles Martin-Raget / AFP

American Magic brauchte zehn Tage, um seinen Racer wieder flott zu machen. Wie sich im Halbfinale gegen Luna Rossa zeigte, gelang es nur halb. 0:4 gingen die Amerikaner unter mit einem oftmals unzuverlässigen Gerät, dessen Systeme immer wieder Macken offenbarten. Das ging so weit, dass es immer wieder hart aufsetzte, weil die Foil-Kontrolle aussetzte.

So wirbelte der Unfall das Kräfteverhältnis gehörig durcheinander. Luna Rossa hatte zwei Wochen Zeit, sich weiterzuentwickeln, während American Magic höchstens den alten Zustand wieder herstellen konnte. Dass die in der Vorrunde noch schwachen Italiener dadurch am meisten Rennpraxis sammeln konnten, ließ auch den zuvor deutlichen Rückstand auf die Briten schmelzen. Obwohl sich Ainslie selten abhängen lässt und die Abstände bei wenigen Sekunden bleiben, haben Jimmy Spithill und Francesco Bruni als Steuerleute, die sich diese Aufgabe an Bord von Luna Rossa teilen, doch das Geschehen beherrscht. Nicvht, dass sie sich einen Fehler hätten leisten können. Sie machten nur keinen.

Eigentlich sollte das Herausforderer-Duell Mitte dieser Woche fortgesetzte werden. Doch da Neuseeland von einem neuerlichen Covid-19-Ausbruch heimgesucht wird, wurden die Rennen auf das Wochenende verschoben. Was hinter den Kulissen für einige Aufregung sorgte. Denn der Zeitplan ist strikt. Jede Verzögerung gibt den Teams die Gelegenheit, seine Technik zu verbessern. Luna Rossa will das derzeit nicht.

Gewonnen hat das Team, das sieben Siege eingefahren hat. Das gibt dem Aufeinandertreffen am Samstag und Sonntag schon fast den Charakter einer Entscheidung.