Eine Rosine erleuchtet New York

Möge das Büchlein manchem einige frohe Stunden der Anregung bringen!“, schreibt Albert Einstein 1916 vergnügt im Vorwort von „Über die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie“.

Das Buch ist gewissermaßen die Volksausgabe seiner Gravitationstheorie, die 1915 die Physik auf den Kopf stellt. Diesen Anspruch, theoretische Physik allgemeinverständlich zu erläutern und – mehr noch – für sie zu faszinieren, verfolgen auch Autor Carl Wilkinson und Illustrator James Weston Lewis in dem großformatigen Bilderbuch „Albert Einsteins Relativitätstheorie“.

Autoritätsdusel ist der Feind der Wahrheit

Zum Glück schlägt Wilkinson keinen Wow-wie-toll-Comic-Ton an, sondern informiert in knappen, sachlichen Texten über Einsteins Person, seine Ausbildung, den naturwissenschaftlichen Kenntnisstand seiner Zeit, Einsteins eigene Forschungen und Theorien und deren Folgen.

Immer wieder durchsetzt mit Zitaten des Physikers, den nicht nur die bahnbrechende Formel E = mc², sondern auch sein lässiger Look und der Widerwillen gegen Autoritäten zum Popstar machen. „Autoritätsdusel ist der größte Feind der Wahrheit“, schreibt der 1879 in Ulm geborene und 1955 in Princeton verstorbene Denker, der alles andere als ein Musterschüler ist und mit 15 sogar mal von der Schule fliegt.

Als Genie mit rausgestreckter Zunge bringt es Einstein sogar zum coolen T-Shirt-Motiv.

Popstar der Physik. Nobelpreisträger Albert Einstein auf dem Foto von 1951, das noch Jahrzehnte später Shirts zierte.Foto: AFP

Irre, wie viele Erfindungen auf ihn zurückgehen

Ziemlich irre, wie viele Erfindungen der modernen Welt auf Einsteins Erkenntnissen fußen: Atomkraft, GPS-Navigation, Laser, Glasfaserkabel, Photozellen. Das Buch listet sie am Ende auf, als es den heutigen Wissensstand und die Forschung nach Einstein, etwa über schwarze Löcher erläutert.

Er selber arbeitet sich an Thesen zu Schwerkraft, Raum, Zeit, Licht ab, die zuvor Galileo Galilei und Isaac Newton aufstellten, und widerlegt manches. Einsteins Zeitgenossen ergänzen wiederum seine Theoreme, er nimmt deren Ideen auf. So funktioniert Wissenschaft.

[Behalten Sie den Überblick: Jeden Morgen ab 6 Uhr berichten Chefredakteur Lorenz Maroldt und sein Team im Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint über die aktuellsten Entwicklungen rund um das Coronavirus. Jetzt kostenlos anmelden: checkpoint.tagesspiegel.de. ]

Erkenntnisgewinn ist ein endloser Prozess, wie das Buch beiläufig zeigt. Er bedarf vieler Gehirne, aber keines Geniekults. Auch die Folgen des naturwissenschaftlichen Fortschritts wirken – wie die militärische Nutzung der Kernspaltung als Atombombe zeigt – nicht nur segensreich.

Schicke Grafiken, die über eine Doppelseite gehen und von mehrfarbig unterlegten Textblöcken umrahmt werden, machen Einsteins komplexe Gedankenexperimente anschaulich. Erläutern Lichtgeschwindigkeit, Längenkontraktion, Zeitdilatation und die berühmteste Gleichung der Welt, die Äquivalenz von Masse und Energie, die Einstein 1905 erstmals formuliert: E steht für Energie, = heißt „entspricht“ oder „ist gleich“, m steht für Masse, gemessen in Kilogramm, c² für die konstante Lichtgeschwindigkeit in einem Vakuum, multipliziert mit sich selbst.

Cover von “Albert Einsteins Relativitätstheorie”.Abbildung: Insel Verlag

[Carl Wilkinson: Albert Einsteins Relativitätstheorie. Illustriert von James Weston Lewis. Aus dem Englischen von Ebi Naumann. Insel Verlag, Berlin 2021.64 S., 29,90 €. Ab 10 J.]

„Die Masse eines Körpers ist ein Maß für dessen Energiegehalt“, sagt Einstein. Ein Naturgesetz mit erstaunlichen Konsequenzen. Wilkinson veranschaulicht die Riesenmenge an Energie, die selbst kleine Dinge enthalten, mittels einer Rosine. Deren in Strom umgewandelte Masse reiche, um New York einen Tag lang zu versorgen, schreibt er. Doll.

Kleine Mitmach-Aufgaben und Gedankenexperimente helfen beim Verstehen

Immer wieder helfen kleine Mitmach-Aufgaben beim Vergegenwärtigen des spannenden, aber auch für erwachsene Physik-Versager abstrakten Stoffs. Aufforderungen wie „Kannst du beschreiben, wo du dich aufhältst, ohne auf Dinge zu verweisen?“ lassen sich beim Gemeinsamlesen durchaus zu einem Spiel ausbauen. Trotz dieser fantasieanregenden Hilfestellungen und der verständnisfördernden Illustrationen bleiben am Ende mancher Doppelseiten immer wieder Fragen offen, die nur ausführlichere Texte erläutern können.

Ein guter Anfang zum Begreifen physikalischer Gesetzmäßigkeiten ist jedoch gemacht. Von aufregenden Versprechungen wie „Zeitreisen sind denkbar!“ im Kapitel über das „Zwillingsparadoxon“ ganz zu schweigen. Nach Einsteins spezieller Relativitätstheorie führt die Reise jedoch nur in eine Richtung: mit Lichtgeschwindigkeit in die Zukunft.