Eine Herkunft, zwei Handschriften

Die eine fotografiert Albert Einstein von vorn, ganz nah. Das Licht im Stil eines klassischen Porträts auf den dunklen Augen. Die andere porträtiert den zierlichen Wissenschaftler in einer schweren Lederjacke, zusammengesunken im Sessel. Nur das weiße Haar steht wie elektrisiert zu Berge. Zwei Schwestern, zwei Porträts des gleichen Menschen.

Auch wenn Ruth und Lotte Jacobi unterschiedliche Perspektiven einnehmen – ihre Erfahrung im Porträtstudio ist den Bildern der Fotografinnen anzusehen.

Die Ausstellung erzählt von der Geschichte der Fotografie

Im Berliner Willy-Brandt-Haus hängen die Fotos der Schwestern jetzt einander gegenüber, sie erzählen auch etwas über die Geschichte der Fotografie. Der Urgroßvater Samuel Jacobi hatte sein Handwerk bei Louis Daguerre gelernt, einem der Erfinder der Fotografie. Der Großvater und der Vater der beiden betrieben mehrere Fotostudios in Westpreußen.

Lotte Jacobi, die ältere von beiden, wurde 1896 in Thon geboren, Ruth Jacobi kam drei Jahre später in Posen auf die Welt.

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Fotos der Familie zeigen gutbürgerliche Verhältnisse mit einem Berliner Kindermädchen für die drei Geschwister. Alexander, der Jüngste, kam mit zwanzig Jahren bei einem Badeunfall ums Leben. 1920 zog die Familie nach Berlin. Sigismund Jacobi eröffnete sein Atelier in der Joachimsthaler Straße. In ihren Erinnerungen nennt Ruth Jacobi ihren Vater einen „Romantiker“ und einen „Meister der Fotografie“.

Manchmal schimmert der Hang zur Romantik auch in ihren Bildern auf. Ein Porträt des Schauspielers Viktor de Kowa hat Herzensbrecherqualität. Ruth Jacobi, die unbekanntere, wird als zurückhaltend beschrieben, verunsichert durch die schwere Brille, die sie seit ihrer Kindheit tragen musste. Vielleicht resultiert auch daraus ihr Blick für Außenseiter.

Beide faszinierte die künstlerische Avantgarde

Die Schwestern absolvierten eine Ausbildung im Studio ihres Vaters, beide studierten Fotografie, Ruth in Berlin, Lotte in München. Beide waren fasziniert von der künstlerischen Avantgarde. 1928 ging Ruth Jacobi mit ihrem ersten Ehemann, dem Dramaturgen Hans Richter, nach New York, kehrte aber nach ihrer Trennung drei Jahre später nach Berlin zurück und heiratete den Arzt Maurus Roth.

In der Ausstellung sind einige hinreißend ironische Bilder von Ruth Jacobi zu sehen. Eine Dame hält ihren Schoßhund im Arm. Die hellen Augen der Frau korrespondieren mit der bebenden Zartheit ihres Hündchens. Eine New Yorkerin geht auf dem Bürgersteig spazieren, hinter ihr trippelt mit erhobenem Kopf eine stolze Gans an der Leine. Ein Seifenverkäufer schreit seine Angebote hinaus, als säße ihm die Existenzangst im Nacken.

„Mein Stil ist der Stil der Menschen“, sagt Lotte Jacobi

Lotte Jacobi galt als klug und selbstbewusst. Ihre Bilder wirken im Vergleich zupackender, aber auch distanzierter. „Mein Stil ist der Stil der Menschen, die ich fotographiere“, beschreibt sie ihre Vorstellung von einem Porträt. Den französischen Filmregisseur René Clair zeigt sie durchschimmernd zart wie seine Filme. Thomas Mann nimmt im Zweireiher präsidiale Haltung an. Und Lotte Lenya füllt mit ihrer Ausstrahlung das Bild.

1935 emigrierten beide Schwestern in die Vereinigten Staaten, ihre Familie kam nach. Zunächst eröffneten sie gemeinsam ein Studio in New York, bald aber trennten sich ihre Wege. Ruth Jacobi gab die Fotografie auf, um in der Praxis ihres Mannes zu helfen. Lotte Jacobi zeigte ihre Bilder auch in der eigenen Galerie, fotografierte für Magazine und experimentierte mit der Belichtung ohne Kamera. Dabei entstanden die sogenannten „photogenics“, abstrakte Kompositionen mit Licht und Schatten.

[Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 28, bis 10. 1., Sa/So 10 – 20 Uhr, Zeitfensterticket unter: www.fkwbh.eventbrite.com]

In den 60er Jahren reiste Lotte Jacobi noch einmal nach Europa, um die Stationen ihrer Vergangenheit zu besuchen, Thon, Posen, Berlin. Sie wurde mit dem Dr.-Erich -Salomon- Preis geehrt. Ihre Bilder waren schon oft und in größerem Zusammenhang zu sehen. Aber in der Gegenüberstellung der beiden Schwestern kann man erkennen, wie sich zwei verschiedene Fotografinnen-Handschriften aus der gleichen Tradition herausbilden. Beide sind meisterhaft.