Eine Botschaft aus dem finstersten Mittelalter

Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs sind die Vorzeichen des Todes allgegenwärtig. Am Himmel donnern die Flieger der Royal Airforce über die pastorale englische Landschaft, auf der Erde springen junge Rekruten euphorisch auf die Laster der British Army. Aber darunter, im Boden der Grafschaft Suffolk, befinden sich Spuren eines Todes, der schon viel länger zurückliegt. Knapp 1500 Jahre.

Was bleibt von uns, wenn wir nicht mehr sind und die Jahrhunderte vorüberziehen? Diese zentrale Frage stellt Regisseur Simon Stone in der Netflix-Produktion „Die Ausgrabung“. Um sie zu beantworten, nimmt sich der 36-Jährige, der bislang vor allem im Theater in Erscheinung getreten ist, eine wahre Begebenheit vor.

1939 entdeckt ein Hobbyarchäologe eine Grabstätte der Angelsachsen. Schmuck, Rüstung, Münzen und ein ganzes Schiff, die in einem Hügelgrab versenkt wurden. Der gewaltige Fund warf eine neues Licht auf das „finstere“ Mittelalter.

Wobei Archäologie für Basil Brown mehr ist als ein Hobby. Er arbeitet als Ausgräber, ohne archäologische Vorbildung, aber mit viel Erfahrung. Ralph Fiennes spielt ihn mit sprödem Charme und krummem Rücken. Seine Aufregung über den bedeutenden Fund verpackt er in ein kurzes „It’s alright“, mit starkem Suffolk-Akzent: „Alroit“. Angeheuert hat ihn die Landbesitzerin Edith Pretty, die ihrerseits eine Vorliebe für Archäologie hegt. Carey Mulligan, die der von Krankheit gezeichneten Witwe Zerbrechlichkeit und Durchsetzungsvermögen verleiht, ist die stille Sensation des Films.

Die Schranken der Klassengesellschaft

Zunächst rückt aber die unausgesprochene Anziehung zwischen Edith und Basil in den Fokus. Ein Begehren mit wenig Aussicht auf Erfüllung, wofür schon Basils Ehefrau (Monica Dolan) und die Schranken der britischen Klassengesellschaft sorgen.

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Gleichzeitig thematisiert der Regisseur in seiner Verfilmung von John Prestons Romanvorlage die Begehrlichkeiten der Museen, die um das Recht buhlen, den wissenschaftlichen Schatz ausstellen zu dürfen. So legen sich mehr und mehr Handlungsebenen um die zentrale Beziehungsgeschichte.

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An innerer Spannung verliert „Die Ausgrabung“ mit der Einführung etlicher weiterer Figuren – und mit ihnen einiger Klischees. So Ediths Cousin (Johnny Flynn), ein Fotograf, der Motorrad fährt und bevorzugt im Zelt übernachtet. Gleichzeitig nimmt die so tollpatschige wie auf „sexy“ Nerd gestylte Archäologin Peggy Piggott (Lily James) ihre Arbeit an der Ausgrabungsstätte auf: mit Hornbrille, gerafftem Rock und bauchfreier Bluse. Es braucht keine hellseherische Begabung, um zu wissen, wer bald zu wem ins Zelt krabbelt.

Was bleibt, sind die Spuren der Vergangenheit

Regisseur Stone macht aber auch vieles richtig. Er erzählt ein angenehm altmodisches Historiendrama und lockert das Genre zugleich auf. Immer wieder durchbricht er sanft die Chronologie, indem er Dialoge späterer Szenen über die Bilder legt. Auch die Kamera von Mike Eley bewahrt „Die Ausgrabung“ vor Behäbigkeit. Sie taucht das Geschehen zwar in die typischen Ocker-, Beige- und blassen Grüntöne, wagt sich aber nah an die Figuren heran, wenn sie durch die ostenglische Landschaft wandern.

Diese Figuren, größtenteils historisch verbürgt, sind ebenfalls längst Geschichte. Was von ihnen bleibt, sind die Spuren der Vergangenheit, die sie in der Erde von Suffolk gefunden haben. Für knapp zwei Stunden werden sie noch einmal höchst lebendig. (Auf Netflix)