Ein Winter, der ewig bleibt

Das Jahr geht seinem Ende entgegen, in einer Seitwärtsbewegung, könnte man mit einem in den letzten Wochen sehr beliebten Wort sagen, einer gemächlichen überdies – und so manche, so mancher fragt sich vermutlich: War da was? Ist dieses Jahr eigentlich irgendetwas in meinem Leben passiert?

Außer Corona, versteht sich, außer der Beschäftigung mit den Folgen der Pandemie und den Maßnahmen, sie in den Griff zu bekommen. Und wer sich diese Frage stellt, sie negativ beantwortet – da war nichts! –, kommt dann auch zu dem Schluss, dass überhaupt noch nie ein Jahr so schnell vorbei gegangen ist wie das Jahr 2020.

Die Zeit, sie ist gerast. Doch wie passt das zu den Eindrücken, die sich während des Frühjahr-Lockdowns eingestellt hatten, nämlich dass die Zeit stillstand? Sie sich in den Tagen, in denen so wenig bis nichts passierte, streckte und dehnte, es nichts anderes als Gegenwart gab.

Eine sehr totale Gegenwart, in der das Maß allen Lebens nicht ununterbrochen „der große Bum-Bum“ war, mit dem der Schriftsteller und Gegenwartsfetischist Rainald Goetz seiner Techno-Begeisterung in den neunziger Jahren Ausdruck gab, sondern die große Stille. Oder auch: die „ganz brutale Echtrealität“. Doch selbst in dieser war es so, noch einmal Goetz, dass sich „das Erleben (…) zugleich danach sehnte, sich zu verstehen.“

Die vergangenen Monaten haben einige Erkenntnisse gebracht, gerade im Rückblick. Der erste Lockdown hatte etwas von einem totalen Einbruch. Er kappte alle Verbindungen des gesellschaftlichen „Immer schneller, immer weiter“ – und er machte von jetzt auf gleich die Zeit, dieses so knappe Gut, intensivst erfahrbar.

Einerseits konnte man sich „für einen bezauberten Augenblick“ als „Überwinder der Zeit“ fühlen, um es mit Hugo von Hofmannsthal zu sagen, konnte sich der Muße und Kontemplation hingeben. Andererseits machte sich ein Überdruss ob des Zuviels an Zeit bemerkbar, erschien die Zeit, in Anlehnung an Kierkegaard, als eine Macht, „die den Menschen vor das Nichts rückt“.

Das Leben in einer Art Wartehalle

Sich die eigene Zeit aneignen zu können, das wurde genauso begrüßt (endlich Klassiker lesen!, beispielsweise) wie es durchaus eine Belastung war, eben Ausdruck der berühmten Heideggerschen Sorge, der Angst vor der Ungewissheit, der Unvorhersehbarkeit der Zeit.

Schließlich, als es in den Sommer ging, als „gelockert“ wurde, gab es ein spürbares Aufatmen darüber, dass es doch wieder halbwegs normal weiterging. Man war noch einmal davon gekommen, insbesondere hier in Deutschland, das weltweit so bewundert wurde dafür, „wie gut es durch die Pandemie“ gekommen war.

Das Ganze erinnerte an eine Rekonvaleszenz, eine trügerische, wie vielen durchaus bewusst war. Aber machtvoll verdrängt wurde.

So ging es nach draußen, in die Cafés und Restaurants, mal mehr nach den Regeln zur Pandemieeindämmung, mal weniger. Die Vernünftigeren blieben daheim oder machten im eigenen Land Urlaub (vernünftig?), die mutmaßlich weniger Vernünftigen bestiegen wieder Flugzeuge und reisten irgendwohin in die Welt. Ein bisschen schien alles wie immer. Das Zeiterleben pendelte sich wieder auf ein Prä-Pandemie-Niveau ein, Zeitmangel, Zeitarmut schienen erneut das Zepter zu übernehmen – wenn gleich viel auch von der zweiten Welle gesprochen wurde, das Leben in einer Art Wartehalle stattfand: Es kommt noch was!

Hier Geschwindigkeit, dort Übermaß

Und sie ist gekommen, diese zweite Welle, massiver als wohl alle – mit Ausnahmen wie Karl Lauterbach – gedacht hätten. Aber lässt sich nun von einer Neuauflage des Frühjahrs sprechen? Die Seuchenbücher von „Die Pest“ bis Boccaccios „Decamerone“ wurden alle besprochen und gelesen, sie haben daran erinnert, dass wir nicht klüger geworden sind, die Verhaltensweisen dieselben wie ehedem sind.

Auch die Zeit hat sich in den letzten Wochen des Teil-Lockdowns abermals als vielgestaltiges, kaum zu ergründendes Wesen gezeigt: hier Geschwindigkeit, dort Übermaß.

Trotzdem ist vieles ganz anders: Wir haben uns an die Pandemie gewöhnt, man denke nur an die vollen Shopping-Meilen dieser Tage, an die vielen, nicht weniger vollen Glühweinstände allerorts.

Seit Wochen sind die Infektionszahlen auf hohem Niveau, sprechen die Politikerinnen und Politiker, die Virologinnen und Virologen von eben jener „Seitwärtsbewegung“. Laut RKI-Präsident Lothar Wieler erscheine das Plateau, auf dem sich die Infektionszahlen befinden „extrem fragil“; ja, und „bitterernst“ sei die Lage, so Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am vergangenen Freitag.

Trotzdem gibt es bei vielen deshalb nur ein Achselzucken angesichts der dramatischen Pandemieentwicklung. Die Gewohnheit regiert.

Warum? „Gewohnheit ist ein Kompromiss“, hat Samuel Beckett 1960 geschrieben, „geschlossen zwischen den Individuum und seiner Umgebung oder zwischen dem Individuum und seinen eigenen organischen Überspanntheiten, die Garantie einer dumpfen Unverletzlichkeit, der Blitzableiter seiner Existenz“. Und weiter: „Gewohnheit ist also der Ausdruck für die zahllosen Verträge, die zwischen den zahllosen Subjekten, die das Individuum konstituieren, und ihren zahllosen korrelierenden Objekten geschlossen wird“.

Die Gewohnheit ist eine treue Dienerin unseres Selbsterhaltungstriebes

Die Gewohnheit trägt demnach außerordentlich viel dazu bei, vielleicht nicht allein das Leben an sich ertragen zu können, aber doch das Leid, das es unweigerlich mit sich bringt: das Leid einer unerwiderten Liebe, einer in die Brüche gegangenen Beziehung, das Leid, das Krankheiten verursachen, das des Todes.

Die Gewohnheit ist eine treue Dienerin unseres Selbsterhaltungstriebes, laut Marcel Proust „die einzige der alten Mächte dieser Welt, die stärker ist als das Leiden“. Im Zusammenspiel mit der Verdrängung könnten die steigende Zahl der Corona-Toten, die Probleme vieler Infizierter oder vermeintlich Genesender anders gar nicht ertragen werden. Wie heißt es weiter bei Proust, dem die Gewohnheit vor allem hilfreich bei der Überwindung seiner Lieben zu Gilbert und Albertine war, die es ihm gestattete, sich als einen Fremden zu betrachten, der er als Liebender war: „Wenn die Gewohnheit eine zweite Natur ist, so hindert sie uns doch, die erste kennenzulernen, von der sie weder die Grausamkeit noch den Zauber besitzt.“

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Die erste Natur, das ist die Realität mit ihrer Grausamkeit, auch ihrem Zauber. Weil die Pandemie nunmal eine einzigartige negative Erfahrung ist, brutalste Echtzeitrealität, um Rainald Goetz zu paraphrasieren, haben wir uns mit der zweiten Natur beholfen und uns in ihr eingerichtet. Nochmal Proust: „Wenn es nicht so etwas wie Gewohnheit gäbe, würde notwendigerweise das Leben all denen köstlich erscheinen, die jeden Augenblick vom Tode bedroht sind, das heißt also die ganze Menschheit.“

Diese Erfahrung macht nun die ganze Menschheit. Das Corona-Virus stellt eine tödliche Bedrohung dar; Tragik, das Bewusstsein der Endlichkeit und der Tod bestimmen das Dasein. Und da kommt auch die Zeit wieder ins Spiel, jenes „doppelköpfige Ungeheuer der Verdammung und Erlösung“, wie Beckett es im Zusammenhang mit Proust beschrieben hat: ihr zerstörerischer Charakter, ihr Unfassbarkeit.

Die Zeitformen überlagern sich

Anders als im Frühjahr ist die Zeit nun komplett durcheinander geraten. Die Zeitformen überlagern sich, scheinen sich aufgelöst haben, gar verschwunden zu sein. Die Vergangenheit liegt Äonen zurück, allein wenn man Bilder von vollen Fußballstadien sieht, von Popkonzerten oder anderen Massenveranstaltungen, wirkt das fern jeder Realität.

Die Gegenwart, gerade die hedonistische Obsession für das immerwährende Jetzt, könnte gar nicht trister sein in ihrer gewissermaßen aufoktroyierten ständigen Selbstbezüglichkeit.

Und dann gibt es schon auch Ahnungen von einer Zukunft, weiterhin mit dem Virus zwar, aber mit Impfstoffen dagegen. Diese sind die Heilsbringer, bringen die Erlösung. Nur benötigen die Impfstoffe, so schnell sie entwickelt und zugelassen wurden, eben auch ihre Zeit, und wenn es die ist, ihre Verabreichung zu organisieren.

Wir bewegen uns gerade in Zeitfallen. Oder auch: Zeitwirbeln. Es geht darum, die Welle endlich zu brechen, keine dritte aufkommen zu lassen, was, so zeichnet es sich ab, nur mit einem harten Lockdown zu bewerkstelligen ist. Nichts also scheint im Moment ferner als der Beginn der Impfungen, nichts ferner als die Erlösung.

Und Voraussagen, wie 2021 wird, wie 2022, wie sich überhaupt die Zeit nach der Pandemie entwickelt, die mag im Moment niemand mehr treffen, von wegen „Nichts wird je wieder wie vorher sein“, von wegen „Alles wird genau wie vorher sein, nur ein bisschen schlechter.“ (Michel Houellebecq) Nur eins dürfte sicher sein, so intensiv die Erfahrung des reinen Zeiterlebens gewesen sein mag: 2020 war ein verlorenes Jahr – und wird schwer wiederzufinden sein.